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Jurte von Innen

Buchtipps

Gregor M. Schmid
Die Mongolei
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Mongolei - Unendliche Weiten und drei Glaubensrichtungen

Mongolei - Unendliche Weiten und drei Glaubensrichtungen

Außergewöhnliche Kontraste bietet die Mongolei dem Reisenden und Fotografen Gregor M. Schmid. In einem wunderschönen Bildband hat er die wechselvollen Landschaften, die von der Wüste Gobi bis zum gewaltigen Altai-Gebirge reichen, und das Leben der Nomaden festgehalten. Im Gespräch mit VISIONEN verrät er, was ihn bei seinen Besuchen in einem vom Massentourismus erfreulicherweise noch recht unberührten Land besonders beeindruckt hat.

Außergewöhnliche Kontraste bietet die Mongolei dem Reisenden und Fotografen Gregor M. Schmid. In einem wunderschönen Bildband hat er die wechselvollen Landschaften, die von der Wüste Gobi bis zum gewaltigen Altai-Gebirge reichen, und das Leben der Nomaden festgehalten. Im Gespräch mit VISIONEN verrät er, was ihn bei seinen Besuchen in einem vom Massentourismus erfreulicherweise noch recht unberührten Land besonders beeindruckt hat.

Was hat Sie an der Mongolei gereizt?

Die Landschaft und die Menschen. Damit verbunden: die Weite des Landes, die sanften Hügel, der für Europäer ungewöhnlich weite Horizont. Natürlich auch eine gewisse Exotik. Sie haben gerade die Weite erwähnt.

Können Sie Ihre Erfahrung damit näher beschreiben?

Für unsere Augen, die an gewisse Dimensionen gewöhnt sind, für uns, die wir ein Erfahrungssehen haben, das uns ungefähr abschätzen lässt, wie weit ein Baum entfernt und wie hoch er ist, ist genau das in der Mongolei kaum möglich. Es gibt zwischen den Bergrücken immer wieder große, breite Täler, die es unserem europäischen Auge schwer machen, Entfernungen abzuschätzen. Dadurch stellt sich ein ungeheures Gefühl der Weite, der Freiheit und des Nicht-gestört-Werdens ein. Es ist ein sehr körperliches, aber auch sinnliches Gefühl.

Sie schreiben in der Einleitung zu Ihrem Bildband: „Wer sich in diese Weite begibt, wird von ihr geprägt.“ Was hat sich für Sie verändert?

Gerade dieses Erlebnis der Freiheit und Grenzenlosigkeit. Die Übergänge zwischen Tälern und Hügeln sind beinahe fließend. Das ist eine Perspektive, die ich hierzulande nie erlebt habe.

Wie offen sind die Nomaden, wenn jemand kommt, der sie begleiten und fotografieren möchte?

Grundsätzlich würde ich jedem raten, mit einem Führer zu reisen, der den Kontakt herstellen kann. Dann wird man auch gern mal in eine Jurte eingeladen.

Leben die Nomaden noch weitgehend authentisch?

Die Nomaden sind Nomaden – sie können nicht so tun als ob. Sie haben kein fließendes Wasser; um Wasser zu haben, müssen sie zum Fluss hinunter, an dem sie sich für gewisse Zeit niedergelassen haben. Das ist schon sehr authentisch, wobei das Leben sehr einfach ist, vor allem, was die Hygiene und die Ernährung angeht.
Man muss sich allerdings vor Augen halten, dass die Nomaden auf Dauer gesehen eine aussterbende Lebensform haben. Wegen dem extremen Unterschied zwischen diesem riesigen Land und der Hauptstadt Ulaanbaatar, wo sich alles an Technik, an Menschen, an Lebensstilen und den damit verbundenen Entwicklungen häuft, wie beispielsweise die Arbeitslosigkeit. In der Mongolei hat bald jeder zweite ein Handy.

Viele Nomaden geben ihr Leben auf und ziehen nach Ulaanbaatar. Dort gibt es an den Stadträndern einen Wildwuchs mit Jurten. Die Leute verkaufen ihre Tiere, um dafür ein gebrauchtes Auto zu erstehen. Die Männer machen dann den Taxifahrer und die Frauen gehen putzen oder prostituieren sich Es ist zum Teil sehr chaotisch. Ulaanbaatar ist weltweit die einzige Nomadenstadt, wo das Volk um den Stadtkern herum lagert.

Können Sie die symbolische Bedeutung der Jurte näher beschreiben?

Die mongolische Jurte – eigentlich heißt es Ger, der Begriff „Jurte“ kommt aus dem Russischen – bestimmt weitgehend die Lebensordnung. Es gibt sehr strenge Riten und Formen, die einzuhalten sind. Die Zeremonie wird aber nie ausgesprochen, sondern vielmehr einfach gelebt. Das macht es einem Europäer sehr schwer, wenn man sich nicht etwas vorbereitet hat, diese Sitten zu verstehen. Die Nomaden leben schon seit über zweitausend Jahren in diesen einfachen, aber bis ins kleinste Detail auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Behausungen. In der Mitte steht der Ofen, dessen Rauch über ein Rohr durch die Öffnung im Dachkranz nach außen geführt wird. Durch das dort einfallende Licht können die Nomaden die Tages- bzw. Uhrzeit bestimmen.

Das Innere des Rundraums ist in verschiedene Funktionsbereiche aufgeteilt. Männer, Frauen, Kinder und Gäste haben ihre festen Plätze. Die Tür zeigt immer nach Süden. Für die Mongolen bedeutet links = Osten, rechts = Westen, Norden = hinten und Süden = vorn. Die linke Seite der Jurte ist der Frau und dem Haushalt vorbehalten, während rechts die Seite des Mannes ist. Der hintere Teil ist für den Ehrengast reserviert, und die Mitte bildet das Zentrum des Alltags. Die Feuerstelle und der Ort der Nahrungszubereitung symbolisieren zusammen mit dem offenen Dachkranz den Lebenserhalt. Wie es in Asien bei heiligen Stätten üblich ist, wird die Jurtenmitte immer im Uhrzeigersinn umschritten. Anderen Menschen wendet man sich immer mit der rechten Körperseite zu, um das Gute zu symbolisieren.

Vorne neben der Tür werden Arbeiten verrichtet. Dem Ältesten gebührt stets der hintere rechte Platz, denn das Alter kommt vor dem Rang. Links sitzt die geehrte Besucherin, auch junge Mädchen sitzen links. Jungs hingegen rechts neben der Tür. Alle Familienmitglieder halten sich an diese strenge Ordnung. Wenn man als Fremder dazu kommt, kann es schon sein, dass man Fehler macht. Das habe ich selbst erlebt, als ich völlig unbedarft auf die Schwelle trat. Ein absolutes Tabu, das großes Unglück bedeutet. Um das zu vermeiden, steigt man deshalb immer drüber. Beim Nadaam Fest – einer großen Veranstaltung im Sommer – stieg ich einmal über Bögen, die Bogenschützen hingelegt hatten. Das war ein ganz großer Frevel.

Der tibetische Buddhismus ist dort weit verbreitet. Handelt es sich dabei um die klassische Form, oder haben auch mongolische Traditionen und Riten darin Eingang gefunden?

Im Grunde ist es schon tibetischer Buddhismus, aber es gibt durchaus auch Zeremonien, die mongolisch geprägt sind. Dazu gehört der Tsam Tanz, der langsam in Vergessenheit gerät. Den gibt es auch bei den Tibetern. Aber so, wie er dort zelebriert wird, ist er stark mongolisch geprägt. In der Mitte des Tanzplatzes steht in der Regel ein mongolisches Zelt, und die Bewacher tragen mongolische Rüstungen. Das gibt es in Tibet nicht, weil die Tibeter eine ganz andere Landesstruktur haben und keine Nomaden sind.

Ist der Buddhismus so stark, dass er die Volksreligion und den Schamanismus weitgehend verdrängt hat, oder existieren diese Glaubensrichtungen parallel?

Die Parallelität geht sogar so weit, dass an der größten Zufahrtsstraße zur Hauptstadt ein Schamane seine Zelte errichtet hat und da seine Zeremonien abhält. Besonders um das Neujahrsfest herum. Das ist durchaus normal. Die Mongolen sind da sehr tolerant.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Volksreligion und dem Schamanismus?

Es mag vieles fließend ineinander übergehen. Die Naturreligion haben die Mongolen durch ihren nomadischen Lebensstil so verinnerlicht, dass sie nach wie vor ein wichtiger Teil ihres Alltags ist. Ein Beispiel ist der Umgang mit Zahlen: Sie glauben, zuerst kam das Glück auf die Erde und damit die Zahl Eins. Dann kam das Unglück und die Zahl Zwei Das Glück in reiner Form gibt es nicht. Aber mit dem Unglück kann man auch nicht leben, also musste das Glück wiederkehren und damit die Zahl Drei. Drei mal drei ist für die Mongolen das größte Glück, symbolisiert durch die Neun. Alle Telefonnummern, einschließlich des Landescodes, beginnen mit drei oder zwei Neunen – ganz selten nur mit einer Neun, aber nie ohne diese Zahl.

Welche Rolle spielen denn die Steinhaufen, die Ovoos genannt werden?

Die sind an exponierten Stellen, wie Kreuzungen, an Bergrücken oder Aussichtspunkten, aufgeschichtet. Sie stehen als so genanntes Denkmal, das mehrfach umrundet wird. Personen, die es besonders eilig haben, umfahren das Ovoo auch schon mal. Aber keiner geht achtlos daran vorbei. Damit zollen sie einer höheren Macht Respekt: den Ahnen oder der Natur. Der Glaube an Götter, Geister und Dämonen ist so tief in diesen Menschen verwurzelt, dass sie nicht davon lassen, obwohl es inzwischen moderne Einflüsse gibt.

Welche Tipps würden Sie jemandem geben, der gern mal in die Mongolei reisen möchte?

Wenn man mit dem Zug reisen möchte, kann ich durchaus www.lernidee-reisen.de empfehlen, die solche Fahrten organisieren. Sie haben sehr gute Führer und vor Ort gute Kontakte. Die www.armongoltravel.com und www.wildberrytours.com wären zwei weitere Organisationen, die ich empfehlen kann. Alles, was man zu den Einreisebestimmungen wissen sollte, kann man unter www.mongolei. de finden.

Die Mongolei ist ein kommendes Reiseland, weil sie so viel zu bieten hat, das man woanders so nicht finden kann: diese ungeheure Weite, die Natur, die vielen Tiere. Die Mongolei ist wahrscheinlich das Land mit den extremsten Temperaturunterschieden der Welt. Von + 50º C bis – 50º C ist da alles drin. Ich war zu verschiedenen Jahreszeiten dort. Die beste Reisezeit ist Juni/Juli. Das Land liegt ja über 1.000 Meter hoch. Ich habe selbst um diese Zeit erlebt, dass es plötzlich gehagelt oder geschneit hat – im Sommer! Das ist auch ein Grund, warum es dort kaum Straßen gibt: sie wären den Klimaschwankungen nicht gewachsen. Gereist wird überwiegend auf Steppenwegen.

Das Gespräch mit Gregor M. Schmid führte Claudia Hötzendorfer

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