Editorial Ausgabe April 2009

Liebe Leserinnen und Leser,

Wie viel ist genug? Diese Frage stellte der deutsche Bundespräsident bei seiner Berliner Rede, und er rief die Menschen dazu auf, sich auf die Suche nach einer Antwort zu machen.

Die Weltwirtschaftskrise als Türöffner für eine neue Weltordnung? Keiner von uns hätte sich je träumen lassen, dass uns die Gesetze des Marktes eines Tages vor diese Frage stellen würden. Aber genau darin liegt die große Chance dieser globalen Wirtschaftskrise. Nun gilt es aufzuwachen aus dem altbekannten Trott der Selbstzufriedenheit, des Immer-mehr-haben-Wollens, und sich der Verantwortung zu stellen. Dies verlangen nicht nur unsere Kinder, sondern das sind wir uns selber schuldig. Es geht ja nicht allein um das Geld und die damit verbundenen wirtschaftlichen Krisen und Zusammenbrüche. Nein, es geht heute um die Frage, wie wir das Ende des 21. Jahrhunderts erleben wollen. Wenn wir für das Morgen Verantwortung tragen wollen, dann müssen wir heute unsere Gewohnheiten ändern und uns auf das besinnen, was das Leben auf diesem Planeten im eigentlichen Sinne ausmacht: Nicht der materielle Wohlstand, das Streben nach immer mehr muss unser Denken und Handel bestimmen, sondern der Sinn des Lebens muss sich an den geistigen Eckpfeilern entwickeln, die sich in allen Religionen dieser Welt widerspiegeln.

Es gibt keinen einzigen Bereich in unserem Leben, der nicht diese ethischen Wertvorstellungen einbezieht. Lasse ich diese aber außer Acht, führe ich ein Leben ohne Wertvorstellungen, dann kommt zu dem materiellen Streben eine innere Geistlosigkeit hinzu – ein Zustand wie Sodom und Gomorrha, von dem in der Bibel die Rede ist. Ethisches Leben heißt zuallererst, einen Maßstab an der Hand zu haben, der mir eine Beurteilung meines Verhaltens ermöglicht.

Wenn ich also in Momenten der Krise einhalte und prüfe, ob dieser Maßstab noch in meiner Hand ist und, wenn nicht, was ich tun kann, um diesen wieder zu finden, dann öffne ich die Türen für Veränderungen. Dorthin muss unsere Suche führen und dann werden wir auch feststellen, dass wir nicht nur im Bereich des Finanzwesens keinen Maßstab mehr haben, sondern jeder Bereich unserer Gesellschaft betroffen ist. Wir brauchen wieder Bescheidenheit, Demut, Verantwortungsbewusstsein, Achtsamkeit, Liebe, Ehrlichkeit – Werte, die eine Gesellschaft zusammenhalten, wachsen lassen und für unseren Alltag prägend sein müssen. Letztendlich entscheidet die Beachtung oder Nichtbeachtung dieser Maßstäbe über unser künftiges Wohl und Wehe.

Eine andere Lebensausrichtung bringt viel größere Veränderungen als man glaubt. Das Denken ist nicht mehr nur auf das zukünftige scheinbare Glück ausgerichtet, sondern befasst sich, losgelöst von der Materie, mit unserem eigentlichen Ich – der Seele, die in sich ruht.

Mit herzlichen Grüßen aus dem Schwarzwald

Ihre

Gerlinde Glöckner
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