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Buchtipps

Paul Kohtes
Dein Job ist es, frei zu sein: Zen und die Kunst des Managements
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DEN KERN ERFASSEN

DEN KERN ERFASSEN

Zen und Selbst- Management

Paul J. Kohtes, Deutschlands angesehenster PR-Mann und zugleich Zenlehrer, sagt in einem Interview mit Christian Salvesen, wie wir unser Leben zur Freiheit hin managen können

„Wissen Sie, jahrelang bin ich ‘under cover’ gelaufen. Zen, Meditation? Das war reine Privatsache. Doch in letzter Zeit habe ich festgestellt: Es ist kein Manko mehr. Da bekennen sich beinharte Manager unerwartet zu ihrem Seelentrip, zaghaft meist – ‘ich bin ja auch auf der Suche!’ – aber immerhin! Das bestätigt mich darin, damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Dadurch kriegt das Pflänzchen ‘Spiritualität und Business’ vielleicht etwas Gießwasser.“

Paul J. Kohtes lacht offen und herzlich, weist einladend auf die Schalen mit delikaten Brotschnitten und Obst und schenkt mir Kaffee ein. Vor 30 Jahren gründete er eine PR-Agentur, die nun seit vielen Jahren Marktführer in Deutschland ist. PLEON Kohtes Klewes.

Kohtes hat viele große und bekannte Unternehmen und Institutionen beraten, von Aldi bis zur katholischen Kirche. Gerade ist sein erstes Buch erschienen, und dazu möchte ich ihn interviewen. Es geht um Freiheit. Um mehr Lebensfreude und Selbstverantwortung, Kreativität und Mitgefühl – in den Unternehmen wie auch privat, daheim.

Angst zulassen
Was machen wir mit der Angst?

Meiner Erfahrung nach ist Angst – leider – für viele Menschen eine zentrale Triebfeder. Viele machen sogar aus Angst Karriere. Sie denken dann beispielsweise, in der Position des Vorstandsvorsitzenden sind sie sicher. Aber die Angst ist ja damit nicht weg. Dann gibt es neue Projektionsebenen. Die Angst sitzt so tief in den Knochen, uns allen, mir auch. Es ist ein langer Weg, sie überhaupt erst einmal ansehen zu können. Sich einzugestehen, Angst zu haben, das braucht schon ein solides Stück Selbstdistanz.

Hilft da nicht das Leben nach?

Ja, natürlich, das Leben macht Druck. Die gelernte Reaktion ist jedoch, sich dem nicht zu stellen, sondern die Abwehr zu verstärken. „Mehr vom Selben“ – wie der Psychologe Paul Watzlawick sagt. Also, wenn irgendetwas schief läuft, was mach ich? Ich lasse es nicht als Scheitern auf mich zukommen, sondern ich versuche, es auf Teufel komm raus irgendwie hinzukriegen. Ich bin ja fixiert auf den Erfolg, den Glanz, das Siegen.

Allein die Angst, in seinem Freundes- und Bekanntenkreis sagen zu müssen: „Es hat nicht funktioniert“ - das ist – jedenfalls in Deutschland – immer noch eine meist verhängnisvolle Triebfeder. Denken wir an die Durchhaltementalität zum Ende des 2. Weltkrieges – nicht nur bei den Verrückten im Führerbunker, sondern in der ganzen Nation! Nur nicht scheitern, versagen, aufgeben!

Zugegeben, die positive Seite gibt es auch, die der unglaublichen Motivation. Allerdings klebt nicht letztlich die panische Angestrengtheit, die Verbissenheit jedes kreatives Potential für bessere Lösungen zu?

„Die Unternehmen, wo Menschlichkeit noch eine Rolle spielt, funktionieren am besten.“

Die eigene Stärke finden
Identität - was ist das?

Sie gehen in eine Bank oder in einen Friseursalon. Sie werden schnell spüren, was das für ein Laden ist. Da sind lauter kleine Signale, die Sie - auch unbewusst – registrieren. Sie fühlen sich wohl oder nicht. Sie werden die Welt, die dieses Unternehmen darstellt, relativ schnell erkennen und erfahren.

Die Identität – sagen wir von Siemens, Daimler-Chrysler oder Microsoft - lässt sich allerdings durch Kommunikation und PRAktionen nicht dramatisch verändern. Sie können ihr nur eine bestimmte Pointierung oder Profilierung geben, in die eine oder andere Richtung. Die grundlegende Identität entsteht woanders: In der Tradition des Unternehmens und im aktuellen Management. Und da wiederum ganz klar – das ist meine Erfahrung – in der klassischen Hierarchie, also von oben nach unten. Siehe aktuelles Beispiel katholische Kirche. Ihr Image wird von diesem Papst geprägt. Eine absolut hierarchische Institution. Hab sie ja auch mal beraten…

Eine Anekdote dazu?

Warum nicht? Das Bistum Münster feiert in diesem Jahr sein 1200-jähriges Bestehen und hat sich uns als Berater für die PR geholt. Dann saßen wir in der Agentur zusammen, haben Strategien überlegt. Wie kann man das feiern? Ja, was ist denn eigentlich die Kernkompetenz der Kirche?

Geld einnehmen?

Na, das ist das Klischee, auf das jeder schnell kommt. Aber was ist eigentlich im Christentum gemeint, im Tiefsten?

Der Seele helfen?

Ja, oder, wenn Sie das Neue Testament nehmen, ist es Liebe. Wir haben denen dann diese Idee entwickelt: Nennt das ganze Ding doch: „1200 Jahre Bistum Münster: Eine Liebesgeschichte“. Das Bistum hat, allen Widerständen zum Trotz, dieses Motto durchgesetzt. Großes Lob. Der eigentliche Anspruch der Kirche, den sie sich viel zu oft hat nehmen lassen, ihre Seele und Identität, das muss klar kommuniziert werden.

Wenn Menschen sagen: „Ja, da will ich dabei sein, mich engagieren!“ Das ist eine Triebkraft, die inzwischen in vielen Unternehmungen fehlt. Viele Menschen sind heute so ‘identitätsverloren’, weil sie ihren eigenen Seelenkern nicht einmal ahnen. Bei einem Unternehmen ist der Kern relativ einfach zu finden. Ein Stahlunternehmen allerdings, das denkt: „Stahl ist überholt!“ – das kann nicht überleben.

Doch wenn die Frage „Wer bin ich?“ im Sinne des Zen konsequent gestellt wird, führt das nicht ins Bodenlose? Was bleibt da noch?

Nichts. Jeder geht so tief, wie es eben geht. Das muss sich entwickeln. Als junger Mann war ich mal in einem Yogakurs. Die Übungen fand ich ganz entspannend, aber der ganze spirituelle Hintergrund – Atman, die Seele etc. – das war mir nur lästig.

Jeder Mensch durchläuft in seinem Leben verschiedene Phasen. Und in der wirklich spirituellen Welt finden Sie relativ wenig junge Menschen. Meist sind es doch Menschen um die Lebensmitte, die entdecken, dass sie nicht nur funktionieren, sondern dass da noch mehr ist.

Alles zu seiner Zeit
Wie sollten wir mit der Zeit umgehen?

Wahrnehmen, spüren, was jetzt richtig ist, damit ich nicht unnötige Energie verschwende und nicht gegen etwas anrenne, was im Moment nicht dran ist. Das ist auch ein sehr ökonomischer Aspekt des spirituellen Lebens. Das Leben läuft reibungsloser.

Zu spüren, was jetzt dran ist, erscheint nicht so einfach. Da gibt es die Sachzwänge…

Die gehören auch dazu. Sie sind ja ein Zeichen dafür, dass es eben noch nicht dran ist. Das muss nicht zu Stress und zu negativen Gefühlen führen. Wenn ich sehe: „Aha, das ist wie eine Eiger Nordwand. Die kann ich nicht besteigen, also muss ich drum herumgehen“, dann kriegt der Sachzwang einen anderen Charakter, als wenn ich sage: „Ich muss jetzt über die Eiger Nordwand. Krieg ich nie hin! Ich bin doch kein Bergsteiger.“

„Sei der du bist!“?

Ja, wie werde ich das? Es geht nicht ohne Veränderung. Deswegen ist das Buch ja auch voll mit praktischen Übungen. Weil ich erreichen möchte, dass Menschen wenigstens einmal aus ihrem System springen. Ein Urlaub kann da schon helfen. Aber Manager gehen ja nicht so lange in Urlaub, weil sie Angst haben, dass sie aus dem System rauskommen. „Ich kann mir nicht mehr als eine Woche leisten“, heißt es dann. Dahinter steckt nur die Angst: Wenn ich zwei Wochen raus bin, dann bin ich so raus, dass ich gar nicht mehr richtig rein kann. Dann würde ich womöglich den ganzen Wahnsinn erkennen...!

Was ist absichtsloses Handeln?

Das hat mit der Zeitqualität zu tun. Ich bin ja nicht der kontemplative Typ, der nur still dasitzt und darauf wartet, dass die Zeit reif ist. Ich bin aber auch kein typischer Macher. Sondern die Idee ist, diese Extreme wie ein Spiel, wie ein Pendel schwingen lassen zu können: Zwischen machen, zupacken, greifen – und loslassen. Das ist, glaube ich, mit „Wu Wei“ (Taoistisch: Tun im Nichttun) gemeint.

In der Tradition ist ja vieles für die Mönche geschrieben worden. Das ist eine andere Welt. Ebenso kann ich das, was ich für Manager schreibe, nicht so ohne weiteres aufs Klosterleben übertragen. Die spirituelle Tradition ist sehr kontemplativ orientiert und lässt die Dinge des praktischen Lebens zu wenig zu. Daher bekommen wir den Eindruck: Das kriege ich nie hin – in meinem Alltag. Das ist weit weg. Da müsste ich soviel ändern. Deshalb mein Versuch, das Spirituelle zu integrieren und nicht vom Alltag abzuspalten. Wenn ich den kontemplativen und den aktiven Teil verwebe – beim Stoff nennt man das, glaube ich, „Kette und Schuss“, wo die Fäden quer zueinander laufen – dann wird das Gewebe stabil.

Bedeutet das: Ganz und gar bei der Sache sein?

Das ergibt sich daraus. In der aktiven Phase heißt es: Diskutier und lamentier nicht rum, geh deine Essschalen waschen, tu das, was dran ist. Und wenn ich in der Stille bin, heißt das, wirklich still zu sein – einfach mal nichts tun.

Menschlichkeit zahlt sich aus
Mitgefühl scheint in der Wirtschaft wie ein Fremdwort, aber Sie setzen darauf! Warum?

Dass Menschlichkeit und Business einander ausschließen, will ich nicht gelten lassen. Sie können alle Mitarbeiter hier im Haus fragen und die werden Ihnen bestätigen: Ich stehe dafür, dass dieser Versuch auch in der Praxis möglich ist. Natürlich immer mit Unschärfen. Ein Unternehmen wird nicht nur rundum liebevoll sein können, genauso wie es ungesund ist, ein rein funktionales Brachialunternehmen zu betreiben.

Tatsache ist: Die Unternehmen, wo Menschlichkeit noch eine Rolle spielt, funktionieren am besten, Gott sei dank! Ich stehe ja nicht ganz alleine da mit dieser verrückten Idee. Die großen erfolgreichen Unternehmensgründer, die hatten das drauf. Krupp beispielsweise, hat als erster für seine Arbeiter Siedlungen gebaut. Das war zur damaligen Zeit eine Super-Sensation. Eine Tat. Das hat er gemacht, weil er es nicht ertragen konnte, dass seine Arbeiter in Slums lebten. Toll! Das meine ich damit. Das ist nur ein Beispiel, an dem wir aber sehen können, dass Empathie auch für den wirtschaftlichen Erfolg ein Schlüsselfaktor sein kann.

Sie schreiben im Buch, dass nur der seine Mitarbeiter motivieren und somit führen kann, der sich in sie hineinversetzen kann. Und das wiederum erfordert Unvoreingenommenheit. Können Sie das noch mal erläutern?

Na ja, Mitgefühl, Empathie, alle diese Eigenschaften sind ja letztlich nur möglich, wenn ich offen bin. Wenn ich besetzt bin von einer Zielgeraden, von einem Wunsch, kann ich nicht mehr offen sein. Wenn ich auf mein Ziel starre – und darin gleichsam erstarre - , bin ich nicht mehr in der Lage, es – wie etwa im Judo – kommen zu lassen; die Energien, die mir entgegen kommen, zu nutzen, und sie nicht ständig zu bekämpfen.

Das ist im Umgang mit Mitarbeitern nichts anderes. Wenn ich „zu“ bin und sage: „Der oder die soll gefälligst eine Funktion erfüllen!“, dann kann ich kein Mitgefühl mehr haben. Da ist der Mitarbeiter mir nur im Wege, wenn er nicht leisten kann, was ich von ihm will. Aber wenn ich meine Idee mit-teile und ihn dazu einlade, seine Ideen, seine Kreativität einzubringen, dann ist er motiviert und die Sache kommt in Gang. Wir können das Ziel gemeinsam erreichen.

Einfach ist klug
Wie kann ich einfach sein? Die Angst, dumm zu erscheinen, grassiert anscheinend ganz besonders in Deutschland

Es ist ein deutsches Phänomen, dass wir es gern komplex haben. Da steckt irgendwie der Dichter und Denker drin. Dabei gibt es in allen Dingen und Prozessen immer den entscheidenden Kern. Überall. Und es ist viel spannender und wichtiger, den herauszufinden, als ständig Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen, um Sand in die Augen zu streuen. Nein. Was ist der zentrale Punkt, auf den ich meine ganze Energie bündeln muss, um wirklich etwas zu bewegen? „Spitze Prozesse sind erfolgreicher“, hat Professor Wolfgang Mewes mit seiner „Engpasskonzentrierten Strategie“ herausgearbeitet. Wenn ich übers Meer fahre, dann nicht mit dem Schiff quer, sondern mit der Spitze voran. Wir Deutschen haben Angst davor, etwas auf den Punkt zu bringen. Weil es so simpel klingt!

Bei internationalen Präsentationen habe ich oft den Unterschied gesehen. Wir haben uns dann manchmal lustig gemacht über die Amerikaner, weil sie die Dinge aus unserer Sicht viel zu einfach darstellten. Tatsache ist: meistens war das besser. Die Welt, auch die der Kunden, ist doch schon komplex genug.

Es gibt keine Wahrheit
Sie schreiben im Buch: „Es gibt keine Wahrheit.“ Das klingt radikal.

Ja, da sind wir mitten im Zen. Es gibt tatsächlich keine Wahrheit. Es sind alles nur Konstrukte. Alles! Ist es wahr, dass die Amerikaner im Irak einmarschiert sind? Oder ist es wahr, dass die Iraker die Amerikaner gerufen haben? Ist der Islam eine kriegerische oder eine friedliebende Religion? Was ist wahr?

Aber was ist mit der wahren Identität

Noch schlimmer. Was bleibt denn von Ihrer Identität? Ihre Ausbildung, Ihre Zeugnisse? Ihre Vergangenheit? Nichts mehr da! Alles verloren.

Selbst eine Wahrheit des Buddha wie „Die Leere ist die Fülle“?

Ja, auch weg, alles weg! Ihr Zitat kann ich aufrufen, und für einen Moment wird es vielleicht meine persönliche Wahrheit. Aber ist es letztlich wahr? Die Worte ‘wahr’ und ‘war’ sind womöglich verwandt. Ich nehme etwas wahr, was gewesen ist.

Ist diese Art von Relativismus hilfreich und sinnvoll für Manager?

Ja, unbedingt. Das ermöglicht erst Offenheit. Was ich wahr nehme, gilt nur als Annahme. Eine vorübergehende Absprache. Was ist wahr, in diesen ständigen Veränderungen? Unser Körper soll nach sieben Jahren aus völlig neuen Zellen bestehen. Oder psychologisch. Die Rollen, die wir einnehmen. Wer bin ich – jetzt? Ein Manager mit Anzug und Krawatte, der interviewt wird? Und vor einer Woche: Ein Zenlehrer mit schwarzer Robe auf dem Meditationskissen? Wer bin ich denn…? Da tiefer nach zu fragen, das ist sehr befreiend! Zunächst vielleicht schockierend. Wir haben das Gefühl, den Boden zu verlieren. Im Zen heißt es: Triffst du den Buddha unterwegs, schlag ihn tot. Selbst das Heiligste, Bedeutendste… Nix da! Es sind nur Konzepte.

Die Praxis
Welche Übung würden Sie spontan als einfach und effektiv empfehlen?

Ohne Uhr zu leben, und sei es auch nur einen Tag. Um das Gefühl zu bekommen, dass die Dinge sich auch zeitlos entwickeln. So oder so. Und dass die Uhr kein Diktator ist, sondern ein simples, praktisches Hilfsmittel.

Und dann noch: Lügen. Lügen, was das Zeug hält. Dummes Zeug erzählen. Das führt dazu, diese Relativität auf eine spielerische Weise ganz plastisch erleben zu können. Kinder lügen, ja auch Tiere, hab ich gelesen. Ist doch herrlich, oder? Vermutlich ist das ein Überlebensinstrument in dieser Welt. Bei all diesen Instrumenten ist es letztlich die Frage: Bin ich davon abhängig, oder kann ich damit spielerisch umgehen? Und meine verrückte Idee ist es, selbst Manager von Abhängigkeiten zu befreien.

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