Das unsichtbare Band – Animal Communication
Serie: Mensch und Tier – eine besondere Beziehung
Wie gern würde ich wissen, was du denkst. Könntest du doch sprechen. Sätze, die sicher viele Tierfreunde kennen. Man kann nicht mit Meerschweinchen reden, hatten die Eltern von Gabriele Sauerland gemeint, als diese sicher war, sich mit ihrem kleinen Freund unterhalten zu können. Heute ist ihr klar, wir können uns mit Tieren austauschen, wir haben nur die Sprache verlernt (siehe Interview im Anschluss). Eine Meinung, die Carol Gurney teilt. Anders als ihre deutsche Kollegin hatte die Amerikanerin nicht bereits als Kind eine besondere Beziehung zu Tieren. Sie machte Karriere in der Werbung. „Eine Branche, in der man mit harten Bandagen kämpft, die sehr kopflastig ist“, so Carol Gurney. Da war kein Platz für so etwas wie Tierkommunikation.
Ein Besuch bei ihrem Tierarzt brachte die Wende. Ihre Katze zerlegte seit geraumer Zeit die Möbel der Gurneys. Carol bat den Veterinär, sie durchzuchecken. Doch der konnte nichts feststellen. „Er war aber überzeugt, dass es emotionale Gründe geben könnte, und erzählte, dass es Leute gäbe, die mit Tieren sprechen könnten“, erinnert sich Carol.
Anfang der 80er Jahre gab es in den USA nur drei Leute, die Tierkommunikation anboten. „Ich rief eine der Frauen an und lud sie ein. Sie sagte, dass meine Katze ihr übermittelt hätte, sie würde deshalb so viel im Haus zerstören, weil sie die Spannungen zwischen meinem Mann und mir nicht ertragen könnte. Wir waren bereits bei einer Eheberatung und versuchten so einiges, um unsere Ehe zu retten – leider vergeblich. Als ich mich dazu entschloss, endlich die Scheidung einzureichen, ließ die Zerstörungswut meiner Katze fast augenblicklich nach, bis es schließlich ganz aufhörte.“
Anfangsschwierigkeiten
Dieses Erlebnis war der Startschuss für die Kalifornierin, sich intensiver mit dem Thema Tierkommunikation zu beschäftigen. Schnell wurde ihr klar, dass sich in ihrem Leben etwas ändern musste, wollte sie sich ernsthaft mit Tieren beschäftigen. Sie nahm ein Sabbatjahr, hängte ihren Werbejob an den Nagel, besuchte Workshops von Penelope Smith, einer der ersten, die die so genannte „Animal Communication“ in den USA bekannt machten, und verschlang alles, was sie zum Thema Kommunikation und Wahrnehmung finden konnte.
„Es war sehr schwer, mich von der businessorientierten Denkweise zu lösen und meinen Geist völlig zu leeren. Ich musste lernen, aus dem Herzen heraus zu kommunizieren und nicht zu kopflastig zu sein. Nachdem ich das begriffen und umgesetzt hatte, konnte ich die Botschaften der Tiere verstehen“, resümiert Carol.
„Wenn wir unserer Intuition im Alltag vertrauen, dann können wir lernen den Botschaften der Tiere zu vertrauen.“ -Carol Gurney
Anfangs stellte sie sich oft die Frage, ob sie sich die Botschaften der Tiere nur einbildet. Das änderte sich jedoch, nachdem sie das, was ihr die Tiere übermittelten, an deren Besitzer weitergab. „Ich hörte oft die Frage: Wie konnten Sie das wissen? Irgendwann begann ich den Botschaften der Tiere zu vertrauen und sie nicht mehr zu überprüfen. Die Wertung kommt von den Besitzern.“
Für Anfänger hat Carol den Tipp: „Sich auf Fragen konzentrieren, die überprüfbar sind. Etwa: Teile mir bitte deine Lieblingsbeschäftigung mit. Mit welchen anderen Tieren spielst du gern oder was magst du am liebsten? Die Antworten lassen sich leicht überprüfen.“ Neben der Unsicherheit, ob nicht die Phantasie mit einem durchgeht, kennt Carol auch den Druck, den sich viele Anfänger machen, weil sie unbedingt mit einem Tier kommunizieren wollen und merken, dass es einfach nicht klappt. „Man muss sich außerdem davor hüten, eigene Wünsche und Vorstellungen auf ein Tier zu projizieren“, warnt die Expertin.
Bilder, Gedanken, Gefühle
Wie aber läuft nun ein Austausch zwischen Mensch und Tier ab? Es gibt verschiedene Formen der Übermittlung, erklärt Carol Gurney: „Ich beginne damit, dass ich das Tier auf telepathischem Wege frage, ob es überhaupt mit mir sprechen will. Wenn es mir ein Ja signalisiert, stelle ich die Frage, um die mich der Besitzer gebeten hat. Beispielsweise, ob es mit mir teilen möchte, warum es sich in bestimmten Situationen so oder so verhält, und warte auf eine Antwort. Die kann in Form eines Bildes übermittelt werden, als Gedanke oder Gefühl: Eine weitere Möglichkeit ist die Übermittlung von Schmerzen, die sie irgendwo im Körper spüren.“
Um mit einem anderen Lebewesen Botschaften auszutauschen, muss es nicht direkt vor einem sitzen. „Die meisten Tierkommunikatoren bevorzugen den Dialog über die Distanz“, so Carol. Denn wenn man das Tier vor sich sitzen hat, lässt man sich sehr schnell vom Verhalten beeinflussen. „Man kommt dann zu Ergebnissen, weil die Katze mit einem Auge gezwinkert hat oder der Hund gähnt. Die Körpersprache lenkt sehr ab.“ Das verunsichere viele besonders am Anfang ihrer Arbeit als Animal Communicator. Nimmt man hingegen Kontakt über eine größere Distanz auf, achtet man nicht mehr auf die Körpersprache, weil es nur ein Foto oder eine Beschreibung gibt. „Diese Herangehensweise hilft besonders denjenigen, die sehr nervös sind und die sich selbst schnell unter Druck setzen. Der ist natürlich größer, wenn das Tier direkt vor uns sitzt“, weiß Carol.
Keine Diagnose
Die Probleme, mit denen Tierhalter zu einem Animal Communicator kommen, sind sehr weit gestreut, wie Carol Gurney aus eigener Erfahrung berichten kann: „Viele kommen, weil ihre Tiere weggelaufen sind. Häufig bitten Veterinäre um Unterstützung, weil sie keine physische Ursache für ein bestimmtes Verhalten finden können. Wir fragen dann die Tiere, ob sie irgendwo Schmerzen haben oder andere körperliche Beschwerden, die wir dem Arzt oder dem Halter weitergeben können.“ Wichtig ist ihr der Hinweis: „Wir diagnostizieren aber nicht! Wenn mir ein Tier beispielsweise übermittelt, mein Bauch tut weh, frage ich nach, wie sich das äußert. Ist es ein stechender Schmerz, kommt er in Intervallen oder ist es ein dumpfer Schmerz usw.? Je detaillierter diese Informationen sind, die mir übermittelt werden, desto mehr helfen sie dem Tierarzt bei der Diagnose.“
Viele Hunde- oder Katzenbesitzer suchen sie auf, wenn es dem Ende zugeht. „Häufig sind sich die Besitzer nicht sicher, ob sie den entscheidenden letzten Schritt wagen sollen, oder nicht. Sie stellen dann Fragen wie: Ist es wirklich Zeit? Brauchst du Hilfe? Was kann ich noch für dich tun? Dieser Austausch hilft ihnen, sich voneinander zu lösen.“ Ein weiteres großes Themengebiet sind Verhaltensprobleme, die von einem Hunde- oder Pferdetrainer nicht gelöst werden können. Doch auch hier weist die Expertin darauf hin, dass es zwar Sinn macht, ein Tier zu fragen, warum es sich in bestimmten Situationen aggressiv oder ängstlich verhält, warum es Schwierigkeiten mit Artgenossen hat und ähnliches. In vielen Fällen lassen sich Erklärungen für Probleme finden. Zur Lösung empfiehlt sie die enge Zusammenarbeit mit einem Veterinär, Therapeuten oder Trainer.
Tierkommunikation sei, davon ist Carol Gurney überzeugt, keine Gabe einer einzelnen Person, sondern etwas, das wir ins uns tragen und nur neu entdecken müssen. Die Voraussetzungen dafür sind: „Offenheit, der Wille zu lernen und zu üben, die Geduld, auf Antworten zu warten, und was immer kommt zu akzeptieren, sowie sich selbst und den Botschaften der Tiere zu vertrauen.“

