Die Dinge beim Namen nennen
Zum 200. Geburtstag von Hans Christian Andersen
Es war einmal ein dänischer Dichter, dessen Märchen ihn weltberühmt machten. Zu seinem 200. Geburtstag rief seine Heimat das internationale Andersen-Jahr aus und lenkte mit zahlreichen Veranstaltungen und Veröffentlichungen den Blick auf einen Mann, der sehr viel mehr war als ein Märchenerzähler.
Seine Geschichten, die immer ein Spiegel der Gesellschaft waren, sind aus kaum einem Kinderzimmer wegzudenken. Er erhob die Gattung des Märchens zur Weltliteratur. Ein Märchenonkel aber wollte Hans Christan Andersen nie sein. Deshalb verhinderte er sogar ein Denkmal, das ihn dabei zeigte, wie er Kindern vorlas. Die in 163 Sprachen übersetzten Erzählungen machten Andersen trotzdem weltberühmt. Bis heute besuchen Touristen seinen Geburtsort Odense. Am 2. April 1805 kam der Dichter dort als Sohn eines Schuhmachers und einer Wäscherin zur Welt. Fasziniert vom Theater wollte der schlaksige Junge Schauspieler, Sänger und Tänzer werden. Doch sein Talent lag eindeutig beim Schreiben. Gefördert durch großzügige Spender konnte Andersen studieren. Der Erfolg seiner Werke erlaubte ihm, den ärmlichen Verhältnissen seiner Kindheit zu entfliehen.
Seine Herkunft indes vergaß er nie.
Verschroben und eitel
Dieser Aufstieg vom Nobody in die feine Gesellschaft war oft Thema seiner Geschichten. Weniger bekannt als seine Märchen sind die Reiseberichte, Romane, Dramen und Gedichte, die er verfasste. Im Zuge der zahlreichen Veröffentlichungen zum Jahrestag rückt diese Seite seines Werks wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Der Biograf Jens Andersen (übrigens nicht verwandt mit dem Dichter) portraitiert seinen Landsmann als eitlen Menschen, der kaum eine Gelegenheit ausließ, sich so häufig wie kein anderer seiner Zeitgenossen abbilden zu lassen. Bekannt war Hans Christian Andersen auch für seine Verschrobenheit, die in zahlreichen Anekdoten überliefert ist. So schlief er beispielsweise immer mit einem Seil auf dem Nachttisch, für den Fall, dass er sich – sollte das Haus abbrennen – noch schnell durchs Fenster abseilen müsste. Die Angst davor, lebendig begraben zu werden, brachte den Dichter sogar dazu, einen Zettel in Reichweite seines Bettes zu platzieren, auf dem zu lesen war: „Ich bin nicht tot, ich schlafe nur.“
Naturbeobachtungen
Hans Christian Andersen war ein guter Beobachter, dessen Liebe zur Natur in seinen zahlreichen Reisebeschreibungen deutlich wird. Ebenso wie Goethe war er davon überzeugt, dass es Naturgeister gibt. In „Reisebilder aus Schweden und England“ erzählt er von seiner Begegnung mit einem Berggeist. Der erscheint ihm und einer Wandergruppe als alter Mann, der fantastische Geschichten von tapferen schwedischen Recken zu erzählen weiß.
Für Andersen war die Natur eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Er bewunderte die verschiedenen Vogelarten, denen er ihrem Charakter und ihrer Erscheinungsform entsprechende Worte in den Mund, pardon, in den Schnabel legte. Sein religiöses Weltbild war geprägt durch seine streng christliche Erziehung, aber auch durch die Sagen und Legenden Skandinaviens über Geister und Götter. Trotz seines Glaubens an Gott stellte er diese Mythologie nie infrage. Im Gegenteil, er nahm sie als existent an, ohne freilich allzu deutlich in seinen Märchen und Geschichten zu werden. So endet denn auch sein Bericht über die Wanderung am „Trollhättan“ mit dem Satz: „War es ein Berggeist? – Wir wollen glauben, was am interessantesten ist.“
Für seinen Vater war Jesus „ein Mensch gewesen wie wir, aber ein ungewöhnlicher Mensch“ („Märchen meines Lebens“). Eine 8 VISIONEN 6/2005 VISIONEN 6/2005 9 KULTUR & WISSEN Vorstellung, die der Gotteslästerung gleichkam und die den jungen Christian ebenso ängstigte wie seine Mutter. Zumal der Vater die Überzeugung vertrat, es gäbe keinen Teufel „als den, [den] wir in unserem eigenen Herzen tragen“ (ebd.).
Gelungene Inszenierung
In Bezug auf die Gläubigkeit des Dichters hat Autor Wolfgang Mönninghoff, der ein lesenswertes Buch über Andersen veröffentlicht hat (siehe Buchtipps), eine klare Meinung: „Heute würde man wohl eher sagen, er war ein spiritueller Mensch. Konfessionell war er Protestant. Aber er genoss den Prunk der katholischen Kirche, die Messen empfand er als tolles Theater und als gelungene Inszenierung. Wenn man das mal so despektierlich sagen darf“, schmunzelt er. Zwar habe Andersen zu Gott gebetet, „aber gläubig im strengen Sinne würde ich ihn nicht nennen. Er beschreibt immer mal wieder Naturgeister, die in der skandinavischen Mythologie ja häufig vorkommen, aber er war in dem Sinne auch nicht heidnisch. Er war ein aufgeschlossener Mensch, der sich auch für den Materialismus und die Naturwissenschaft begeistern konnte“, weiß Mönninghoff und fährt fort: „Damals kam die Vorstellung sehr in Mode, dass die Seele ein Ausfluss des Körpers ist. Das hat er abgelehnt. Er hat sich mit einem gesunden Verstand allen möglichen Phänomenen genähert, ohne sich übertölpeln zu lassen. Ich finde diese Haltung ziemlich modern.“
Tiefer Sinn
Andersen war sich der Wirkung seiner Märchen sehr bewusst. In seiner 1984 erschienenen Autobiografie schrieb er: „Die Kinder vergnügt am meisten, was ich Staffage nennen würde, die Älteren hingegen die tiefere Idee.“ Die Grenzen zwischen Fantasie und alltäglichem Erleben sind fließend. Geschichten wie „Des Kaisers neue Kleider“ oder „Die Prinzessin auf der Erbse“ kann man durchaus als Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse, von Stärken und Schwächen lesen. Analysen seiner Märchen füllen inzwischen Bände. So lässt sich zum Beispiel „Das hässliche Entlein“ als Parabel auf Andersens eigene Lebenserfahrungen verstehen, die er seit seiner Jugend etwa durch sein schlaksiges Äußeres machen musste.
Schreiben als Therapie
Sein leicht skurriles Auftreten machte Andersen immer wieder zum Spottobjekt seiner Umgebung. Einer seiner Zeitgenossen meinte sogar, es sei ein Wunder, dass Andersen aufgrund der Kritik und Anfeindungen das Schreiben nicht aufgab. Möglicherweise war das Schreiben für ihn eine Therapie. Wolfgang Mönninghoff meint: „Das Erstaunliche war ja, dass er mit seiner Herkunft aus einem ärmlichen sozialen Milieu nicht völlig abgerutscht ist. Ich habe mir das Haus in Odense angeschaut. Heute ist zwar alles fantastisch renoviert und sieht hübsch aus. Aber man muss sich vorstellen, dass dort 36 Menschen drin gewohnt haben plus die Familie Andersen. Das Schlafzimmer von Sohn Christian war gleichzeitig die Werkstatt seines Stiefvaters. Dass diese Verhältnisse in der Psyche eines Jungen den einen oder anderen Schaden hinterlassen, ist allzu verständlich. Die Mutter hat gerne mal einen gehoben und ging wohl öfter mal fremd. Das würde auch stärkere Charaktere als Andersen aus der Bahn werfen.“
Einblick und Überblick
Wolfgang Mönninghoff hat Lebensweg und Schaffen des dänischen Dichters unter die Lupe genommen und war nach anfänglicher Distanz bald angenehm überrascht: „Die Märchen habe ich immer etwas zögerlich betrachtet, weil die mir zu düster waren. Aber die Reisebeschreibungen mochte ich. Doch während der Arbeit wurde es immer spannender, sich mit Andersen auseinander zu setzen“, resümiert Mönninghoff. „Seine Reisebegleiter beschrieben ihn immer als gelangweilt, wenn er sich Kunst anschaute. Er schrieb in seinen Reisebüchern oft nur zwei Pflichtzeilen darüber. Aber wenn er irgendwo eine Beerdigung, eine Messe oder etwas anderes, was mit dem Volk zu tun hatte, sah, wurde er außerordentlich lebhaft, munter und witzig.“

