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Dschingis Khan und seine Erben

Dschingis Khan und seine Erben

Die Mongolei wird 800 Jahre. Über die Geschichte und Kultur eines erstaunlichen Volkes.

Die Mongolei wird 800 Jahre. Über die Geschichte und Kultur eines erstaunlichen Volkes.

Temudschin hatte viele Jahre auf diesen Tag gewartet. Er hatte viel durchlitten und nach dem Gesetz der Steppe viele andere wenigstens ebenso leiden lassen. Die Köpfe vieler Stammesfürsten waren gerollt, doch nun sollte er als Khan, als Herrscher über alle mongolischen Stämme bestätigt werden. Zu dem von ihm an der Quelle des Flusses Onon einberufenen Kuriltai („Reichstag“) waren die bedeutendsten Schamanen und Ältesten gekommen. Unter der weißen Standarte riefen sie ihn zum Dschingis Khan aus, zum ozeangleichen Herrscher.

Der Staatsgründer als Held

Das war 1206. Es gilt als Gründungsjahr der Mongolei. Wie alt ihr Gründer damals war, ist historisch nicht gesichert. Zwischen 40 und 50 Jahren. In jedem Fall begann unter seiner Herrschaft eine radikale Veränderung der bisher geltenden Stammesgesetze. Loyalität und Disziplin waren oberstes Gebot. Die allgemeine Wehrpflicht wurde eingeführt, die Krieger hatten sich in Zehnerschaften zu formieren. Flüchtete einer der zehn vor dem Feind, wurden die anderen neun exekutiert. Bis zu seinem Tod eroberte Dschingis Khan ein Gebiet zweimal so groß wie die heutige USA. Sein Reich reichte vom Chinesischen bis zum Kaspischen Meer. Seine Nachfolger vergrößerten es noch einmal um fast das Doppelte. Es war das größte Weltreich aller Zeiten. Die Kriegserfolge basierten auf der Wendigkeit und Ausdauer der Kavallerie, ausgezeichneten Waffen und listiger Strategie. Die Bogenschützen trafen vom galoppierenden Pferd auf 300 m ihr Ziel, die federnden Bögen sorgten für eine enorme Durchschlagskraft der eisenbespitzen Pfeile. Die Reiter führten mehrere Pferde zum Wechseln mit sich. Sie ernährten sich von getrocknetem Fleischpulver, das sie wie heutige Tütensuppen in kochendem Wasser auflösten. Damit konnten sie monatelang auskommen. Dschingis Khan gründete die erste Stadt der Mongolen: Karakorum. Zum Bau und für alles, was mit Stadtorganisation zusammenhing, holte er sich Handwerker und Fachleute aus anderen Ländern. Damals wie heute lebten die meisten Mongolen am liebsten in ihrer Jurte, dem Zelt der Nomaden. Karakorum blühte auf als ein Handels- und Kulturzentrum. So grausam die Khans bei ihren Feldzügen vorgingen, so tolerant und offen zeigten sie sich gegenüber Gelehrten, Künstlern, Musikern und Geistlichen anderer Religionen.

Die einstige Hauptstadt der Mongolen, legendärer Schmelztiegel der Kulturen, wurde 1388 von den Chinesen der Ming-Dynastie dem Erdboden gleichgemacht. Doch viele Mongolen sehen in ihr auch heute noch eine Art geistiges Zentrum, und seit einigen Jahren fördern Archäologen herrliche Kunstwerke zutage, die in aktuellen Ausstellungen zu bewundern sind.

Die Nachfolger

Dschingis Khan ist das Vorbild, die Identifikationsfigur der Mongolen. Er hat die zerstrittenen Stämme vereint, eine Weltmacht aufgebaut und den Boden bereitet für den ersten kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen Europa, Nah- und Fernost. Seine engsten Vertrauten, Mitregenten und Nachfolger kamen natürlich alle aus der Familie. Er setzte auf seinen „Auslandsaufenthalten“ so viele Kinder in die Welt, dass sich heute, rein rechnerisch, fast ein Prozent der Menschheit zu den biologischen Nachkommen des Mongolenherrschers zählen darf.

Zwei Herrscher haben als Nachfolger Geschichte gemacht: Enkel Kublai Khan (1215- 1294) und der nichtverwandte Timur Lenk (1336-1405), in Europa als Tamerlan gefürchtet. Kublai wurde 1260 Mongolenherrscher und 1271 Chinesischer Kaiser. In seiner Zeit war das Riesenreich zwar bereits viergeteilt. Er wurde auch nicht überall als oberster Khan anerkannt. Doch nie zuvor galt der Weg durch Asien als so sicher. Marco Polo kehrte auf ihm mit unerhörten Erzählungen zurück. Kublai wurde im Westen als mächtiger und weiser Herrscher bekannt. Er machte den Buddhismus in China zur Staatsreligion, übergab buddhistischen Mönchen die Verwaltung in Tibet und trug mit dazu bei, dass der Buddhismus später auch in der Mongolei zur Hauptreligion wurde.

Tamerlan dagegen verbreitete als grausamer Despot Angst und Schrecken. Nach dem Zerfall des Mongolenreiches erschuf er im Nahen und Mittleren Osten unter der islamischen Flagge ein neues Reich. Dabei wurden schon mal 2000 Menschen lebendig eingemauert oder 70.000 geköpft. In den Hauptstädten Buchara und Samarkand entstanden zugleich herrliche Moscheen und Paläste im Stil der „timuridischen“ Architektur. Einer seiner Urenkel, Babur, begründete 1526 in Indien das Reich der Mogulen. In der Mongolei traten indessen buddhistische Klöster an die Stelle der Paläste, die großen Handelswege verloren an Bedeutung. Die Menschen zogen wieder als Nomaden, als Viehhirten und Jäger umher.

Land und Leute

Die heutige Mongolei, viereinhalb mal so groß wie Deutschland, ist mit 2,5 Millionen Einwohnern einer der dünnst besiedelten Staaten der Erde. Über ein Drittel wohnt und arbeitet in der Hauptstadt Ulan Bator, ein Viertel in den weiteren etwa zehn Städten mit Einwohnerzahlen zwischen 20.000 und 70.000. Ein großer Teil der Mongolen lebt wie eh und je in abgelegenen Jurten von der Viehwirtschaft. Landwirtschaftlich lässt sich wegen des extremen Kontinentalklimas nur 1 % des Bodens nutzen. Die Erde ist bis zu 250 m tief gefroren.

Die Mongolei liegt auf einer riesigen Hochebene etwa 1000 m über dem Meeresspiegel. Im Norden gibt es Nadelwälder (sibirische Taiga), die nach Süden zu bald in Steppe übergehen, die wiederum zur Gobi, zur nördlichsten Wüste der Welt wird. Zwischen den heißesten Temperaturen im Sommer und den kältesten im Winter können bis zu 100 Grad Celsius liegen. Durchschnitt im Sommer 20 Grad plus, im Winter 20 Grad minus.

Die Menschen sind offen und herzlich. Die Jugend (über 40% der Bevölkerung) interessiert sich für Computertechnik und westliche Popkultur. Analphabeten gibt es kaum (unter 2 Prozent). Die Frau ist rechtlich und auch tatsächlich dem Mann sozial gleichgestellt. Alte Menschen werden hoch geachtet. Der Familienzusammenhalt (Clan) ist sehr stark.

Das größte gesellschaftliche Ereignis im Jahr ist das Naadam-Fest (11.-13. Juli). Nach alter Tradition messen sich hier junge Männer im Reiten, Ringen und Bogenschießen. Im Rahmenprogramm sorgt eine Art Jahrmarkt für Begegnungen und Spaß. Zu den offiziellen Feiertagen gehören auch noch Neujahr (1. Januar, sowie Tsagaan Sar, das im Kalender stets wechselnde buddhistische Neujahrsfest), der Internationale Frauentag am 8. März, der Tag des Kindes am 1. Juni und der „Tag der Proklamation der Mongolei“ am 26. November.

Von der Plan- zur Marktwirtschaft

Von 1923 bis 1990 war die Mongolei ein Anhängsel des kommunistischen Russlands und Teil der Sowjetunion. Sie hatte sich die 1924 ausgerufene Volksrepublik und Befreiung von China teuer erkauft. Stalin ließ 18.000 buddhistische Mönche und 20.000 Intellektuelle in der Volksrepublik töten. Klöster und Bibliotheken wurden zerstört, Buddhismus und Schamanismus waren verboten. Die Viehherden wurden enteignet, viele Nomaden in Betonbauten umgesiedelt. Aber unter Mao wäre es womöglich noch schlimmer gekommen.

1992 wurde die Republik der Mongolei als parlamentarisch demokratischer Staat mit freien Wahlen, Pressefreiheit usw. gegründet. Russland ist neben China immer noch stärkster wirtschaftlicher Partner. Doch die früheren staatlichen finanziellen Unterstützungen fehlen nun. Die Umstellung von der kommunistischen Plan- zur kapitalistischen Marktwirt-schaft verläuft schleppend. Zwar gibt es Bodenschätze wie Erdöl und Kupfer, doch die Transportwege sind miserabel. Nur 1.500 km der insgesamt 20.000 km Straßen sind asphaltiert, wiederum in katastrophalem Zustand. Zwar verläuft die transsibirische Eisenbahnstrecke mitten durch die Mongolei, doch nur einige Nebenstrecken verbinden notdürftig die wichtigsten Industriezentren mit dieser Linie. Und schließlich: Der nächste Seehafen liegt über 1.500 km entfernt in China.

Um in der globalen Marktwirtschaft konkurrenzfähig zu sein, müssen gute Produkte massenhaft zu einem sehr guten Preis angeboten werden. Was könnte die Mongolei da etwa im Vergleich zum Nachbarland China bieten? Gut, man kann in Deutschland eine Jurte erwerben. Das ist kein großer Markt. Oder CDs von mongolischen Musikern. Da ist schon mehr Interesse. Oder Tourismus. Bisher kommen vor allem Japaner, aber auch die Amerikaner und Deutschen ziehen nach.

Nach Russland, China, Japan und den USA ist Deutschland der wichtigste Handelspartner und finanzielle Unterstützer der Mongolei. Etliche mongolische Geschäftsleute sprechen Deutsch, das sie in DDR-Zeiten gelernt haben. Wirtschaftsexperten trauen der Mongolei ein hohes Potential zu, speziell in der Erdölförderung. Doch die Infrastrukturen, Transport- und Kommunikationswege müssen schnell und effektiv entwickelt werden.

Schamanen und Lamas

Zentralasien war für die ersten westlichen Ethnologen das Hauptgebiet der Schamanenforschung. Das Wort Schamane kommt aus dieser Region. Die schamanische Tradition ist vorgeschichtlich und reicht sicher Zehntausende von Jahren zurück. Der Schamane versetzt sich und oft auch den Patienten durch gleichmäßiges Trommelschlagen, Rassel und Gesänge in Trance, in eine „nichtalltägliche Wirklichkeit“, wo der Kontakt zu Geistern und auch Heilung möglich wird. Dazu kommen die Kräuterheilkunde und Weisheit – die Fähigkeit, Menschen auch in ihren seelischen Tiefen richtig einzuschätzen. Die Schamanen werden von den Mongolen bis heute hoch geehrt und zur therapeutischen Behandlung aufgesucht, trotz des 60-jährigen Verbots durch die Kommunisten. Amalie Schenk, eine der bekanntesten deutschen Ethnologen, lebt und forscht seit einigen Jahren bei mongolischen Schamanen.

Die seit dem 16. Jahrhundert wichtigste Religion ist allerdings der tibetische Buddhismus. Der ist ja bereits eine Synthese aus dem schamanischen Bön und der Lehre Buddhas. So gab und gibt es auch in der Mongolei keine großen Konflikte zwischen Schamanen und buddhistischen Lamas. Die Einheimischen suchen bei beiden Rat und Heilung. Schamanen und Lamas finden wieder regen Zulauf.

Literatur: Galsan Tschinag

Geschichten waren natürlich in den langen Winternächten beliebt, bei den Mongolen ebenso wie bei den meisten anderen Völkern der Erde. Sie wurden über Jahrtausende erzählt. Das erste geschriebene mongolische Werk ist die Lebensgeschichte von Dschingis Khan: „Das geheime Leben der Mongolen“. Das Buch voller Mythen, Ritualbeschreibungen und Gebete entstand im 13. Jahrhundert und ist verschollen. Lediglich eine chinesische Abschrift gibt Einblick in einzelne Teile.

Der heute im Westen wohl bekannteste mongolische Autor heißt Galsan Tschinag. 1944 als Nomadensohn geboren, studierte er in Leipzig und errang mit (in deutsch geschrie-benen) Büchern wie „Der blaue Himmel“ internationale Anerkennung. Hier eine Textprobe:

”Berg und Steppe lagen in grellem Schwarzweiß, wie zerschlagen, in dem Meer von Scherben. Ermüdend wirkte das auf das Auge. Und ein Wind blies, der zu sägen und zu schneiden, zu sticheln und zu rupfen schien an allem, was ihm in den Weg kam.”

Musik: Der Kehlkopfgesang

Mitte der 90er Jahre wurde der eigentümliche Kehlkopfgesang (khöömei) zentralasiatischer schamanischer Musiker in den USA und Westeuropa bekannt, zunächst vor allem durch die Gruppe Huun-Huur-Tu aus dem kleinen Staat Tuva mit überwiegend mongolischer Bevölkerung. Die vierköpfige Gruppe singt zu den Pferdekopfgeigen eine Mischung aus „Eastern Country“ mit flotten „Banjo-Rhythmen“, elegisch- traurigen Melodien und buddhistischen Mantras. Dabei erklingt wie nebenbei eine enorme Vielfalt der faszinierenden Obertöne.

Die nomadischen Hirten Zentralasiens entwickelten eine außergewöhnliche Gesangstechnik. Dabei werden zum Beispiel Hohlräume in Nasen- und Rachenbereich als Resonanzkörper genutzt, die sonst nie zur Wirkung kommen. Der Effekt kann eine kaum glaubliche Vertiefung der Stimme sein, sodass eine Frau plötzlich in tiefstem Männerbass singt.

Zugleich können die in jedem Grundton enthaltenen Obertöne so verstärkt werden, dass gleichsam über dem normal gesungenen Ton eine Kaskade von flirrenden Obertönen entsteht, die aber auch wieder zu einer deutlich hörbaren Melodie geformt werden können. Etliche mongolische Musikgruppen mit diesem Know-how touren regelmäßig in Deutschland. (siehe Infos)

Film: Das weinende Kamel

Der Dokumentarfilm „Das weinende Kamel“ von der an der Münchner Hochschule für Film studierenden Mongolin Byambasuren Davaa, Deutschland 2003, wurde für den Oskar nominiert. Der Inhalt: Eine Kamelkuh nimmt ihr zunächst verstoßenes Kalb an, nachdem ihr der Schamane auf einer Geige Lieder vorgespielt und sie zum Weinen gebracht hat. Wie konnte so ein Film derart populär werden?

Neben der besonderen Begabung der Filmemacherin sind sicher auch die Naturszenen mit dem weiten Himmel, die berührende Einfachheit der Menschen und die archetypische Geschichte von Mutter und Kind dafür verantwortlich. Der Film klärt indirekt auch über die Schwangerschaftsdepression auf, an der hierzulande 15% aller Mütter leiden. Er zeigt, dass auch Tiere (aus uns z. T. noch unbekannten Gründen) ihre Kinder ablehnen und dass der Mensch durch Mitgefühl und Musik das Herz des Anderen, sei es Tier oder Mensch, zu bewegen vermag.

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