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Reshad Feild
Ich ging den Weg des Derwisch
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“STIRB BEVOR DU STIRBST”

“STIRB BEVOR DU STIRBST”

Reshad Feild spricht mit Christian Salvesen über den Sufi-Weg und seine Sicht von Leben und Tod

Wir sind in der weiträumigen Lobby des Münchner Hilton Hotels verabredet. Ich habe ein Bild des weltberühmten Autors von „Ich ging den Weg des Derwisch“ vor Augen: Abenteurertyp, um die fünfzig, graumelierter Bart, großer Schlapphut, eine Mischung aus

Hemingway und Indiana Jones. Doch das Foto ist 20 Jahre alt. Da, nicht weit von mir entfernt, hat sich ein gesetzter älterer Herr mit einer jüngeren Frau nied ergelassen . „Reshad Feild?“ „Oh, ja, hallo!“ Es ist schon erstaunlich, wie man sich bei solchen Treffen einander erkennt. Er stellt mir Barbara als seine Übersetzerin vor. Reshad trägt keinen verwegenen Hut mehr. Er zeigt ungeniert seinen fast kahlen Schädel. Er lebt zurückgezogen in England und wurde im vergangenen Jahr in einem Krankenhaus behandelt.

Die innere Arbeit

„Natürlich haben wir alle Angst vor dem Prozess des Sterbens, doch vor dem Tod selbst habe ich keine Angst“, sagt er gegen Ende unseres Gesprächs. „Ich habe gute Freunde, hochspirituelle Menschen mit sehr viel Meditationserfahrung, sterben sehen. Leiden, Sterben und Tod haben keinen Glorienschein. Man kann den Leidensprozess nicht wegzaubern, indem man sich einredet: ‘Ich bin ja gar nicht da!’ Was ich mir wünsche ist, dass ich beim Sterben so bewusst wie möglich bin!“

Reshad sagt, er sei kein Metaphysiker und kein Intellektueller, sondern eher ein Geschichtenerzähler. Und er spricht gut 90 Minuten, obwohl ich vorweg nur ein Kurzinterview von höchstens 20 Minuten vereinbart hatte. Der Mann im grauen Anzug mit lässigem blauen Pulli erzählt. Die Worte fließen gleichmäßig. Keinerlei Dramatik, kein intensiver Augenkontakt, doch da schwingen Freundlichkeit und Humor in seiner Stimme. Er mag die moderne Welt der Kommunikation nicht besonders. PCs und Laptops sind ihm fremd. Ebenso schüttelt er den Kopf über aktuelle spirituelle Strömungen, wo Erleuchtung anscheinend als Ware feilgeboten wird.

„Ohne innere Arbeit geht es nicht“, ist er überzeugt. „Ich hatte 15 Jahre lang das Drehen (whirling oder turning) nahezu täglich praktiziert, bevor ich es weitervermitteln durfte. Es handelt sich dabei nur auf der äußersten Ebene um eine körperliche Bewegung. Das Kreisen wird zunehmend verinnerlicht. Dabei kann es zwar zu erhebenden, ekstatischen Erlebnissen kommen, aber die sind nicht der Sinn der Sache. Wir tun das nicht für uns, um selbst etwas davon zu haben. Der Sinn besteht darin, sich in der Liebe Gottes aufzulösen. Was bleibt ist das, was die Sufis „Nicht-Existenz“ nennen, in der es keine Trennung von der Einheit gibt.“

Vieles in der Welt der Sufis ist nicht so, wie es scheint. Die Meister arbeiten meist ganz normal wie andere Menschen auch, etwa als Handwerker, Reiseleiter oder Computerspezialist. Sie geben sich nicht zu erkennen und wirken im Verborgenen. Manche warten viele Jahre auf den einen Schüler, der bereit ist, das Wissen übermittelt zu bekommen. So war es auch bei Reshad und seinem Lehrer Bulent Rauf (1911–1987). In seinem nun neu aufgelegten Dauerbestseller „Ich ging den Weg des Derwisch“ nennt er ihn Hamid. Etliches von dem, was Hamid ihm mitteilte und was er einige Jahre später im Buch veröffentlichte, habe er damals gar nicht verstanden, erklärt Reshad freimütig in seinem öffentlichen Vortrag am nächsten Tag. So etwa die Geschichte von der „unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria“.

Der Schoß der Gegenwart

„Wie oft habe ich diese Geschichte während meiner christlichen Erziehung anhören müssen!“, stöhnt Reshad in gespielter Verzweiflung. „Wahrscheinlich deshalb, weil ich sie nie richtig hören konnte, weil ich nicht präsent war. Und nun erzählt mir ausgerechnet ein Sufi, ein Moslem, die Maria-Geschichte. Doch auf ganz eigene, wunderbare Weise: Maria ist allein zu Haus. Es klopft an die Tür. Da steht ein unbekannter wunderschöner Mann. Maria ist erschrocken und verwirrt. „Fürchte dich nicht!“, sagt der Fremde, und Maria entspannt sich. Der Mann stellt sich als Gabriel und Botschafter Gottes vor. „Und er hauchte Maria seinen Atem ein“, heißt es im Koran. Dieser Atem ist der Heilige Geist und zugleich Christus. Das ist die eigentliche Empfängnis.“

Der Lehrer forderte Reshad auf, dies nicht nur als eine Geschichte zu verstehen, die sich vor 2000 Jahren abgespielt hat, sondern als etwas, das jetzt geschieht, in jedem Moment. Und dazu ermuntert Reshad auch seine Zuhörer.

„Für den Wissenden werden Atem und Geist zu Einem“, sagt Reshad immer wieder. Der Atem steht auch im Mittelpunkt seines Tagesseminars. Worte sind eine Sache, unmittelbare Erfahrung eine ganz andere! Reshad möchte keine Antworten liefern, sondern Fragen wecken, die ureigenen Fragen, hinter denen der Durst nach Erkenntnis steckt. „Für mich war nur eins wichtig: die Wahrheit zu finden. Dafür habe ich vieles einstecken müssen!“

Was ist die Wahrheit? In Worten lässt sie sich offensichtlich nicht „übertragen“. Man kann nicht einmal darüber sprechen. Der berühmte Sufimystiker Rumi (1207-1273) sagt: „Worte sind nur Schleier über der Wahrheit.“ Ein erster Schritt könnte sein, so wach wie möglich den Lehrern und ihren Parabeln zu lauschen.

So nehme ich Reshads Worte und sein Bild vom Schoß der Gegenwart so offen auf wie möglich. Im Gespräch mit ihm wie auch in seinem Vortrag: „Der Schoß des immerwährend gegenwärtigen Augenblicks“ sagt er nur einige Sätze dazu, und die sind recht mysteriös. Er spricht von dem Symbol der 2 Fische, die einen Kreis und zugleich die Vagina darstellen. Ist die Quelle der Gegenwart damit vergleichbar? frage ich mich. Hat es mit Sex, Begehren, Leidenschaft… ja, es hat mit Suche zu tun! Womöglich sind wir in jedem Moment unseres Lebens, wo wir nach allem möglichen streben, immer nur auf der Suche nach der Quelle dieses Lebens, nach dem „Urschoß“?

Die Geburt Christi – auf der geistigen Ebene verstanden – scheint diesen immerwährenden Augenblick zu repräsentieren. Bin ich selbst das gerade stets neu geborene Kind? Und was würde das bedeuten? Bewusstsein, gezeugt von Gottes Boten, Gottes Geist? Klingt ziemlich abgehoben. Immer wieder jeden Moment ganz frisch und neu erleben, wie ein Kind? Das könnte die Antwort sein. Insgeheim wünschen wir uns das ja, aber wie wäre das möglich in dieser Welt der Termine und des Leistungsdrucks!

„Wer einen Koffer hat, braucht auch einen Aufkleber,“ schmunzelt Reshad. „Ich habe keinen Koffer mehr, also brauche ich auch keinen Aufkleber. Man kann mich einen Sufi nennen, aber bin ich das wirklich? Im Kern bin ich undefinierbar. Ich habe nichts und bin nichts. Da gibt es keinen Grund, stolz drauf zu sein. Das ist einfach so. In der Sufi-Tradition heißt es: ‘Stirb bevor du stirbst!’. Erkenne, dass du nie von Gott getrennt bist. Das ist der Sinn unserer Lebensreise.“

Der 14-1 Stern

Anfang der 70er Jahre hatte Reshad Feild, der nie eine Universität besuchte, eine Art mathematische Eingebung. Er sah 14 geometrische Figuren um ein Null-Zentrum gruppiert. Intuitiv war ihm klar, dass dies eine tiefe Bedeutung hatte. Jahrzehntelang versuchten bekannte Wissenschaftler, seine Vision zu gestalten. Das gelang erst 1993 dem Schweizer Elektronikingenieur Prof. Joseph Huber. „Es war genau die richtige Zeit!“, meint Reshad. Er weist oft darauf hin, dass alles seine Zeit braucht, sei es nun die Umsetzung von Ideen, sei es die von spirituellen Suchern ersehnte Erkenntnis der Wahrheit.

Es stellte sich bald heraus, dass diese bisher einmalige Form reinigende Wirkung auf Wasser und Luft hat. Das faszinierende Gebilde wird mittlerweile in verschiedenen Ausführungen produziert und ist käuflich erhältlich. Reshad würde diesen „Stern“ gerne in Krankenhäusern eingesetzt wissen. Er transformiert die Atmosphäre im Raum. Doch darüber hinaus repräsentiert der „14-1-Stern“ ein Mysterium, das mit unserer spirituellen Entfaltung zu tun hat.

Auf der weltpolitischen Ebene sieht es ziemlich finster aus. Dazu gehören die Terror- und Selbstmordanschläge fanatischer Moslems ebenso wie die Erstarkung eines bornierten und ebenfalls aggressiven christlichen Fundamentalismus. Beide Extreme haben sich laut Reshad weit von Gott und der Wahrheit entfernt. Doch er zitiert einen Sufi-Scheich, der dazu aufruft, jeder möge zunächst erkennen, wie weit er selbst bereits in die falsche Richtung gegangen ist. Diese Aufrichtigkeit mit sich selbst sei Voraussetzung für die innere Umkehr zur Quelle hin. Auf diesem Weg werde jeder Einzelne ganz individuell geführt. Er vernimmt den Geist Gottes zunehmend in seiner ureigensten Sprache, die nichts mit den vielen Sprachen der Welt – Deutsch, Englisch, Japanisch usw. zu tun hat.

Der Stern mit seiner anschaulichen Verdoppelung der heiligen Sieben deutet jenseits der Worte darauf hin, dass wir in eine neue Bewusstseinsqualität eintreten. Auch ohne Lehrer, Meister oder Propheten in Menschengestalt werden wir erwachen, von innen heraus. Der Stern strahlt eine innere Harmonie und Schönheit aus, die in Worten kaum zu fassen ist. Er verkörpert in gewisser Weise das zeitlose Wissen, um das es in allen Weisheitstraditionen und „inneren Schulen“ geht. Das lebendige Wissen um die Einheit und Unsterblichkeit, um dieses Mysterium, das wir „Leben“ nennen.

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