Sterben, Tod und Jenseits
Die Urfragen des Menschen im Licht wissenschaftlicher Forschung und spiritueller Traditionen
1. Tod in der Gesellschaft und privat
Jahreszeiten und Gedenktage
Der November ist bei uns der Monat der Erinnerung an Verstorbene und an unseren eigenen Tod. Volkstrauertag, Totensonntag, Allerheiligen, Buß- und Bettag sind offiziell in Kalendern eingetragen, allerdings für immer weniger fromme Christen verbindlich. Doch wohl fast jeder fühlt das trüb-neblige Herbstende als Abschied vom lichtwarmen Sommer im Übergang zum still-kühlen, farblos-weißen Winter.
In unseren Breitengraden können die Jahreszeiten ganz gut als Bilder für die verschiedenen Lebensphasen dienen. Der Herbst steht dann für das Alter und der Winter für den Tod. So haben es unsere Vorfahren, die Germanen, Kelten und andere Völker verstanden und dementsprechend ihre Rituale und Gedenkfeiern gestaltet. Die römische Kirche hat die Zeiten der alten heidnischen Feste übernommen, aber doch völlig neue Vorstellungen von Leben und Tod darüber gelegt. So gibt es keinen ewigen Zyklus von Leben und Tod. Der kommende Frühling bedeutet keinen Neubeginn für alles Leben. Nein, die Sünder sind zur Ewigen Verdammnis verurteilt, die „Gerechten“ erwartet der Himmel - und in beiden Welten gibt es weder Natur noch Jahreszeiten.
Die psychologische Situation
Der Tod ist die größte Herausforderung in unser aller Leben. Niemand kann sich vorstellen, nicht zu sein. Doch jeder kann sich ausrechnen, dass es in einigen Jahren soweit sein wird. In neueren TV-Sendungen wie „CSI“ wird drastisch gezeigt, wie Maden den Körper zerfressen. Doch erlebe ich das mit, wenn ich tot bin? Erfahre ich überhaupt noch etwas?
Die völlige Ungewissheit, was nach dem Tod kommt, hat seit Urzeiten die Menschen beschäftigt und alle möglichen Vorstellungen von einem Jenseits beschworen. Denn überhaupt nicht zu wissen, was als nächstes geschieht (oder ob überhaupt etwas geschieht), macht natürlich Angst, die größte Angst überhaupt. Da ist eine unerträgliche Leere, Nichts. Unsere Vorstellungskraft füllt das mit Erfahrungen. Es geht weiter! Jede Kultur und jeder Mensch transportiert die eigenen Vorstellungen vom Leben ins Jenseits.
Zur psychologischen Situation gehört auch die unmittelbare Konfrontation mit Sterben und Tod - im Unterschied zu bloßen Fantasien. Wer vom Arzt hört: „Sie haben Krebs!“, oder wer seine Verwandten und Freunde sterben oder tot sieht, hat einen ganz eigenen Zugang zum Tod, nicht vergleichbar mit dem des Fernsehpublikums.
Mein Vater
Am Karfreitag 2003 starb mein Vater im Alter von 84 Jahren. Über 30 Jahre hatte er sich als evangelischer Pfarrer für seine Dorfgemeinde an der Elbe eingesetzt. Ich erinnere mich an einige seiner Predigten. Sie vermittelten oft seine Angst vor der göttlichen Strafe nach dem Tod. Nach seiner Pensionierung besuchte er nie mehr einen Gottesdienst. Und in den letzten fünf Jahren seines Lebens verwirrte sich sein Geist zunehmend. Da kam eine kindliche Hilflosigkeit zum Vorschein. Zum ersten Mal hörte ich ihn sagen: „Ich liebe dich!“ Und: „Ich habe Angst!“ Einen Tag vor seinem Tod, so sagt meine Mutter, habe er sie ganz unerwartet ernst und still angeschaut.
Und nun sah ich den Körper aufgebahrt. Als 52-Jähriger sah ich zum ersten Mal einen Toten! Die Leblosigkeit des Leichnams war so überwältigend, dass sich kein Gedanke regte. Eine Statue wäre mir lebendiger erschienen. Das war nicht mein Vater. Da war nur eine schockierende Abwesenheit. Nichts. Und genau so wird es mir eines Tages ergehen? Unbegreiflich!
„Weh spricht: Vergeh!Doch alle Lust will Ewigkeit -, will tiefe, tiefe Ewigkeit!’“ (Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra)
Ein Tabu
Tote sehen wir meist nur in Film und Fernsehen. Echte Leichname werden schnellstens „entsorgt“. Das beraubt uns einer existentiellen Erfahrung, meinte jedenfalls der australische spirituelle Lehrer und Autor Barry Long, der vor einigen Jahren starb. Er hielt es für wichtig, dem Tod in Form eines toten Körpers zu begegnen. Denn so würden wir selbst uns sehen, wenn wir gestorben sind: Da ist ein toter Körper. Sonst nichts. Und dann wissen wir: Wir sind nicht dieser Körper, sondern das, was sieht.
Die berüchtigte Ausstellung „Körperwelten“ von Gunter Hagens hat in diesem Zusammenhang eine gewisse Bedeutung. Die meisten der Millionen Besucher sind wohl weniger an anatomischen Details interessiert, sondern daran, einen Toten zu sehen. „So werde ich selbst eines Tages aussehen - vielleicht noch schlimmer!“ Gruselschauer. Vielleicht ein erster Schritt zur Auseinandersetzung mit dem Phänomen Tod.
2. Das Sterben
Wenn der Computer abgeschaltet wird
Was beim Sterben geschieht, ist in der heutigen Naturwissenschaft wie auch in bestimmten spirituellen Traditionen wie dem Tibetischen Buddhismus recht gut erforscht - auf jeweils unterschiedlicher geistiger Grundlage, versteht sich. Die (westlichen) Mediziner registrieren z.B. an Instrumenten, wie eine Gehirnregion nach der anderen zu arbeiten aufhört. Das erinnert an den Film „2001 Odyssee“ von Stanley Kubrick, wo der Computer HAL abgeschaltet wird. Er hatte bisher alle Funktionen im Raumschiff geleitet, konnte mit dem Kommandanten Schach spielen und sich unterhalten, und nun werden seine programmierten Fähigkeiten nacheinander ausgelöscht, bis nur noch eine simple geleierte Melodie von „Hänschen klein“ übrig bleibt. So in etwa scheint es jedem von uns zu ergehen - im Alter und im Sterben.
Was die Mediziner von außen beim Sterben ihrer Patienten registrieren, sind folgende Symptome:
- Einschränkung der Wahrnehmung durch verringerte Hirnaktivität.
- Die Atmung wird flacher.
- Das Sehvermögen wird schlechter.
- Das Hörvermögen funktioniert nur noch partiell.
- Das Augenlicht erlischt völlig.
- Herzstillstand, unmittelbar gefolgt vom
- Gehirntod (juristisch der Tod des Menschen).
Wie werden wir das Sterben erleben
In einem Focus-Interview glaubt Ulrike Folkerts, „Tatort-Kommissarin“ und Darstellerin des „Tod“ in der alljährlichen Aufführung des „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen: „Letztlich ist der Tod eine Begegnung mit sich selbst. Ich bin überzeugt, der Mensch stirbt so, wie er gelebt hat.“
Die berühmte Forscherin Elisabeth Kübler- Ross unterschied fünf psychologische Phasen des Sterbens: Nicht-wahrhaben-wollen, Zorn, „Verhandeln“, Depression und Zustimmung. Das betrifft natürlich in erster Linie Menschen (weitaus die meisten), deren Sterben sich über einige Zeit hinzieht, die also nicht vom Tod in Sekundenschnelle überrascht werden. In diesen fünf Stadien findet zunehmend eine Bewusstseinsveränderung statt. Es wird durchlässiger für Wahrnehmungen und Vorstellungen, die meist zeitlebens ausgeblendet wurden.
Das können – in den letzten Lebensmomenten, auch und gerade bei einem fast tödlichen Unfall – Erlebnisse einer jenseitigen Welt sein. Gerade die Berichte solcher „Nahtoderlebnisse“ von Menschen, die bereits als klinisch tot galten und „zurückgekehrt„ sind, haben die Forschungen von Kübler-Ross so populär gemacht. Sie berichten von der Begegnung mit Verstorbenen, vom Hineingezogenwerden in einen Tunnel, an dessen Ende herrliches Licht wartet, von unbeschreiblichem Frieden und davon, nicht in die Welt der Lebenden zurückkehren zu wollen.
Doch in anderen Phasen des Sterbens kommen eben auch starke Ängste hoch. Bernhard Jakoby, einer der führenden deutschen Sterbeforscher in der Nachfolge von Kübler- Ross, schreibt: „Sterbende versuchen, mit sich ins Reine zu kommen, und suchen noch in den letzten Tagen nach Aussöhnung. Nicht zuletzt durch die Sterbeforschung seit Kübler- Ross entstand eine weltweite Hospiz-Bewegung, wo Sterbende in Kliniken seelisch begleitet werden, sei es durch Worte oder stilles Halten der Hände seitens herangeholter Verwandten und Freunde oder eben durch die begleitenden Helfer.
„Man sagt, dass ich sterbe, doch ich gehe nicht fort. Wohin könnte ich gehen? Ich bin hier…“
Spirituelle Vorbereitung
Alle spirituellen Traditionen dienen – mehr oder weniger ausgeprägt – der psychologischen Vorbereitung auf das Sterben und den Tod. Sehr ausführlich und oft in verblüffender Übereinstimmung mit neueren wissenschaftlichen Forschungen geht der Buddhismus, speziell der Tibetische, auf das Thema ein. Im „Bardo Thödöl“, dem „Tibetischen Totenbuch“, werden die Stadien des Sterbens vom Schwinden der Sinne über die inneren Erfahrungen von jenseitigen Seinsbereichen bis hin zum 49. Tag nach dem körperlichen Tod detailliert beschrieben (siehe Zitat Kasten).
Das ist eine Möglichkeit, uns Lebende dazu zu bewegen, die Außenwelt nicht als die einzige Wirklichkeit zu sehen und durch Meditation Abstand und Freiheit zu gewinnen. In unseren letzten, womöglich ewig erscheinenden Lebensmomenten können Hölle und Himmel erscheinen, und wir sollten uns schon vorher darin üben und wissen: Das bin ich nicht! Ich bin nur Zuschauer.
Was wirklich auf jeden Einzelnen zukommt, wird und muss ein Mysterium bleiben – mit oder ohne Jenseitskarte des Tibetischen oder der anderen Totenbücher. (Es gibt ein Ägyptisches Totenbuch, ein Islamisches, ein christliches, eines der Maya und andere.) Jede Kultur hat ihre eigene Jenseitsvorstellung entwickelt. Und natürlich kann sich die jeweilige Vorstellung auf den Geist des Sterbenden auswirken. Doch niemand weiß das vorauszusagen.
Mein Vater hatte Angst vor der Hölle, malte sich aber auch Visionen vom Himmel aus. Vielleicht erlebte er im Sterben etwas ganz Anderes? Vielleicht war sein letzte Gedanke: „Das ist ja unglaublich, unfassbar, herrlich!“ In Träumen und inneren Gesprächen habe ich ihn seit seinem Tod als wunderbare, liebende Präsenz erlebt. Er scheint jederzeit ansprechbar und in seinen Antworten weiser als je zuvor.
3. Der Tod
Mythos
Was ist der Tod? Wir können die Angst davor und das Sterben als medizinischen und psychologischen Prozess beschreiben. Auch die Vorstellungen von dem, was nach dem Tod geschieht, sind meist recht anschaulich und konkret. Doch der Tod selbst bleibt unfassbar und abstrakt. „Der Tod ist eine Illusion“, heißt es oft in Esoterikkreisen. Richtig, jetzt lebe ich. Mein eigener Tod ist nur ein Gedanke. Doch er beherrscht mein Lebensgefühl, mehr als mir lieb ist.
In unzähligen Geschichten und Mythen aller Kulturen wird der Tod personifiziert, er tritt leibhaftig auf. Im alten indischen Katha-Upanischad fordert der Jüngling Nachiketa den Herrn des Todes, Yama, auf, ihm das Geheimnis der Unsterblichkeit preiszugeben. Der überreicht ihm einen Spiegel mit den Worten: „Du musst die Unsterblichkeit selbst finden, indem du erkennst, wer du wirklich bist!“
In dem sehenswerten Hollywoodfilm „Joe Black“ verliebt sich der Tod (Brad Pitt in begehrenswert schöner Unschuld als „Joe Black“) in die Tochter seines Opfers, eines reichen Medienbosses (gespielt von Anthony Hopkins), der mit dem Tod um Aufschub und Erkenntnis ringt.
Verhandeln
Herrscher, Liebende, Menschen aller Schichten und jeden Alters wollen mit dem Tod einen Deal machen – Geschichten darüber kursieren seit Jahrtausenden und sind ja auch schlicht alltägliche Realität. Der Tod bleibt immer Sieger. Doch der Mensch geht – in den meisten Geschichten – nicht leer aus. Im skizzierten Film gehen der Tod und sein „Opfer“ Hand in Hand davon – ein Symbol des Einverstandenseins. Das Jenseits wird hier allerdings nicht thematisiert. Meist geht es in den Geschichten vom Deal oder Spiel mit dem Tod darum, die eigene Lebensspanne zu verlängern entweder hier auf Erden oder – auf ewig – im Jenseits.
4. Das Jenseits
Dante und Hollywood
Der italienische Dichter Dante Alighieri (1265- 1321) beschrieb in seiner „Göttlichen Komödie“ abenteuerlichste Reisen durch himmlische und höllische Welten. Schon zu seiner Zeit war den Intellektuellen klar, dass hier nicht etwa ein authentischer Bericht vom Jenseits vorliegt, sondern vielmehr aktuelle gesellschaftliche Missstände angeprangert werden. Doch viele von Dantes Visionen sind so „archetypisch“ (C.G. Jung), passen so gut zu den höllischen Ängsten und paradiesischen Hoffnungen der meisten Menschen, dass sie die europäische Kultur vom Mittelalter bis in die Neuzeit hinein mitgeprägt haben. Einige Bilder tauchen sogar in dem Hollywoodfilm „Hinter dem Horizont“ auf, wo der Held (Robin Williams), selbst bereits gestorben, seine Frau aus der Hölle der Selbstmörder zu erlösen sucht. Der Mythos ist alt. Orpheus sucht seine Geliebte Eurydike im Hades, in der Unterwelt.
Das Jenseits ist für Reiseveranstalter noch zu erschließen. Priester, Dichter und Politiker aller Ausrichtungen haben es längst genutzt. Jüngste Entwicklung: Die islamischen Selbstmordattentäter reisen mit der Versicherung, sie würden im Nu bei den Jungfrauen im Paradies sein.
Nietzsche und die „Ewige Wiederkehr“
Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844- 1900) ließ seinen Propheten Zarathustra sagen:
„Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht. Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!”
Keine Frage: Das Jenseits wurde von politischen Heilsversprechern oft genug gegen das Diesseits ausgespielt. Doch ist damit jede Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tode bereits widerlegt? Sie ist grundmenschlich, hat sich über die Jahrtausende in den unterschiedlichsten Vorstellungen ausgedrückt und verlangt, ernst genommen zu werden. Immerhin scheinen doch alle großen Religionen auf ein zukünftiges Paradies zu setzen.
Nun, genau das ist die Frage: Kann das Heil oder die Erlösung in der Zukunft liegen? Buddha sagte, Nirwana und Samsara, Nichts und Welt, sind eins. Jesus sprach von einem Reich ohne Zeit. Das Jenseits ist eben auch jenseits von unseren Zeitvorstellungen. Es ist jetzt und immer.
Nietzsche fand dafür eine radikale, sehr eindringliche Deutung. Zarathustras tiefste, unheimlichste Erkenntnis ist, dass er wie jedes andere Wesen immer wiederkehren wird, nicht nur in ähnlicher Form, wie es die natürlichen Zyklen der Natur bereits nahe legen, sondern als identisch dasselbe Leben, mit jedem Atemzug, jedem Wort, in alle Ewigkeit. Dies ist das Jenseits, jeder Moment ist in sich ewig. Der Nietzsche-Kenner Prof. Joseph Simon kommentiert: „Alles ‚darf’ ewig wiederkehren. Nichts ‚soll’ ‚besser’ werden oder anders sein, als es im Zusammenhang mit allem ist.“
Damit wäre die Hoffnung auf ein besseres Leben und ein Leben nach dem Tod einfach überflüssig und unsinnig. Sie führt in jedem Fall weg vom eigentlichen Leben jetzt, deckt einen Zeit-Schleier über das Mysterium, in diesem Moment zu sein. Ohne Vergangenheit und Zukunft verschwindet das konditionierte Lebensgefühl mit seiner gedanklichen Unterscheidung von Leben und Tod.
Wenn sich die bodenlose vertikale Dimension des Augenblicks öffnet, sind alle Sorgen um das weitere Überleben und den eigenen Tod wie weggeblasen. Alle Mystiker, einschließlich Buddha und Jesus, erlebten die Gebrechen des Körpers und das Sterben. Darum führt kein Weg herum. Doch sie hatten eine andere, innere Perspektive. Sie sahen, wie alles entsteht und vergeht in einem unberührbaren, unvergänglichen Raum. Und dieser Raum ist Jenseits und Diesseits in Einem, ist unsere wahre Natur.

