Was sind Mythen?
Zeitlose „Bildergeschichten“ über Mensch und Welt
Verschiedene Auffassungen
„Mythos“ kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet ursprünglich Laut, Wort, Rede, Erzählung. Bereits in der Antike galt der Mythos einerseits als verehrungswürdige bildhafte und poetische Darstellung einer umfassenden Wahrheit, die über den menschlichen Verstand hinausreicht. Andererseits sahen Platon und Aristoteles in der Philosophie, der rationalen, begrifflichen Erklärung („Logos“) der Welt und des Menschen die Überwindung des Mythos.
Diese beiden gegensätzlichen Auffassungen haben sich bis heute gehalten. Die einen – dazu gehören Mythenforscher wie Mircea Eliade und Joseph Campbell – sehen im Mythos den Schlüssel zu einem tiefen Verstehen dessen, was die „Welt im Innersten zusammenhält“. Die anderen – etwa der Philosoph Ken Wilber – halten den Mythos und das sich darin ausdrückende Bewusstsein für eine Phase in der Entwicklung des Menschen, die wir möglichst hinter uns lassen sollten.
In den Medien wird „Mythos“ häufig im Sinne von Täuschung, Verschleierung, fälschliche Überhöhung und Mystifizierung verwendet. Da wird zum Beispiel vom „Mythos Krebsvorsorge“ gesprochen (Buchtitel von Christian Weymayr und Klaus Koch im Eichborn-Verlag und Internetseite). Grob gesagt, soll damit die Krebsvorsorge hinsichtlich ihrer Wirksamkeit kritisch hinterfragt werden. Ähnlich verhält es sich bei Kombinationen wie „Mythos Neandertaler“, „Mythos Klimawandel“ oder „Mythos Erleuchtung“. Der jeweilige Begriff wird mit einem Fragezeichen versehen im Sinne von: Achtung, hier sind nebulöse Vorstellungen hineingepackt, die Sache sollte klarer und nüchterner gesehen werden!
Zündstoff
Die kritisch rationale Einstellung zum Mythos ist ein Erbe des Zeitalters der Aufklärung. Philosophen wie Voltaire oder Kant durchleuchteten um 1800 überlieferte Glaubensinhalte wie etwa den biblischen Schöpfungsmythos und machten – Hand in Hand mit den Naturwissenschaftlern – klar, dass es sich hier nicht um überprüfbare Tatsachen, sondern allenfalls um Gleichnisse handelt. Gegen den Widerstand der Kirche setzte sich diese Einstellung im „aufgeklärten“ Europa und den USA weitgehend durch.
„Mythos ist die geheime Öffnung, durch welche die Energien des Kosmos in die menschliche kulturelle Manifestation strömen.“
(Joseph Campbell)
Andererseits ist gerade in letzter Zeit die Gegenbewegung wieder erstaunlich stark geworden. Millionen von fundamentalistischen Christen in den USA sehen in den Aussagen der Bibel buchstäblich die Wahrheit. Und so hat Gott nach ihrem Verständnis die Welt tatsächlich in 6 Tagen erschaffen, und das erst vor etwa 5000 Jahren. Darwins Evolutionstheorie und sämtliche wissenschaftliche Datierungen, wonach sich auf der Erde seit über 3 Milliarden das Leben bis hin zum ...
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