Achtsam leben, achtsam essen
Jon Kabat-Zinn über die Ursachen von Essstörungen
Das Wunder der Nahrung schätzen
Als Säugetiere verfügen wir über ein komplex aufgebautes Nervensystem, das sicherstellt, dass wir motiviert sind, Nahrungsmittel zu finden und zu essen (Hunger und Durst), und dass wir merken, wann diese Bedürfnisse befriedigt sind und der Körper bekommen hat, was er momentan braucht, um eine Zeitlang bei Kräften zu bleiben (Sättigung). Doch in unserer postindustriellen Ära sehen wir das Essen allzu oft als etwas derart Selbstverständliches an, dass wir uns völlig achtlos damit beschäftigen und es mit komplizierten psychologischen und emotionalen Problemen beschweren (die Doppeldeutigkeit ist hier Absicht), die einen einfachen, grundlegenden und wunderbaren Aspekt unseres Lebens verdunkeln und bisweilen gravierend verzerren.
Sogar die Frage, was Lebensmittel wirklich sind, bekommt in einem Zeitalter industrieller Landwirtschaft, maschineller Verarbeitung und ständiger Erfindung neuer „Snacks“ und „Lebensmittel“, die unsere Großeltern nicht als solche erkannt hätten, eine ganz neue Bedeutung. Und durch die starke, manchmal zwanghafte Beschäftigung mit den Themen Gesundheit und Essen in dieser „schönen neuen Welt“ verfällt man ebenso leicht in einen gewissen nutritionism – eine Besessenheit bezüglich der Nährwerte von Lebensmitteln. Dieser kann es einem schwer machen, einfach das Essen und all die gesellschaftlichen Tätigkeiten rund um seine Zubereitung sowie das Verteilen und Feiern des Wunders der Nahrung und das Netz des Lebens, in das wir eingebettet sind und von dem wir abhängen, wirklich zu genießen.
Uns entgeht die Gegenwart des Lebens, das unseres ist, weil wir zu abgelenkt und beschäftigt sind in dem Bemühen, ein im Geiste konstruiertes Ideal in irgendeiner anderen Zeit zu erreichen.
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