ZEITPROBLEME SIND PRIORITÄTSPROBLEME
Im Gespräch mit Professor Lothar Seiwert
Herr Professor Seiwert, Sie haben sich auf das Thema Zeit spezialisiert. Was fasziniert Sie so daran?
Wie schon Albert Einstein sagte, ist Zeit eine Dimension im Universum. Sie ist ein Phänomen, von dem wir alle – ob König oder Bettler - gleich viel oder gleich wenig haben. Insofern ist sie das einzige, das gerecht auf dieser Welt verteilt ist. Hinzu kommt, dass die Zeit die Menschen auf dieser Welt schon immer interessiert und fasziniert hat. Da geht es mir nicht anders. Auch für mich hat sie etwas Faszinierendes.
Warum fällt es uns so schwer, mit der zur Verfügung stehenden Zeit optimal umzugehen?
In der heutigen Zeit sind drei Dinge anders als früher: 1. Alles wird immer schneller. 2. Quantitativ ist alles immer mehr geworden. 3. Alles wird komplexer. Ich möchte diese drei Stichpunkte näher erläutern. Ein Beleg für ein zunehmendes Tempo ist, dass man in den USA eine neue Krankheit entdeckt hat, die den Namen hurry sickness (Hetzkrankheit) trägt. Diese Erkrankung kann durchaus auch als Vorstufe zum Burnout oder Workaholismus gesehen werden. Bezogen auf das quantitative Mehr, erinnere ich mich noch an meinen ersten MAC mit 512 KB Arbeitsspeicher. Das neueste Word-Office Paket für MAC hat rund 500 MB Arbeitsspeicher, ich nutze es jedoch nicht mehr als meine erste Office-Software vor 20 Jahren. Die zunehmende Komplexität sehen Sie auch am Umfang von Betriebsanleitungen. Die meines ersten Handys hatte gerade 15 Seiten, die modernen Varianten haben ungleich mehr. Was ein Indiz dafür ist, dass alles komplexer wird. Deshalb gibt es inzwischen auch wieder eine Rückbesinnung der Menschen auf ein Urbedürfnis nach Vereinfachung. Aus diesen drei Gründen fällt es immer schwerer, sich selbst und die zur Verfügung stehende Zeit zu organisieren.
Im Grunde gibt es keine Zeitprobleme auf dieser Welt, denn die Zeit macht was sie will, und nicht was wir wollen.
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