GRENZERFAHRUNG PUBERTÄT

GRENZERFAHRUNG PUBERTÄT

Rituale als Flügel fürs Erwachsenwerden

Die Pubertät ist wie eine zweite Rituale als Flügel fürs Erwachsenwerden Geburt. Im Gehirn findet dabei ein tief greifender Umbau statt. Um mit den damit verbundenen Umbrüchen fertig zu werden, greifen Jugendliche instinktiv auf rituelles Verhalten zurück: die richtige Jeansmarke wird zur magischen Formel und das Handy zum Zauberstab. Bewusst praktizierte Übergangsriten können diese natürliche Neigung nutzen und der Entwicklung Klarheit und Richtung geben. Der Fachbuchautor Peer Wüschner hat ein zeitgemäßes Pubertäts- Ritual entwickelt, das Jugendliche auf dem Weg zur eigenen Mitte tatkräftig unterstützt

Endlich aus dem Gröbsten heraus...?

Es könnte doch so schön sein: Sie haben als Mutter die süßen Rangen an Ihrer Brust genährt, durch Kinderkrankheiten und den ersten Weltschmerz begleitet und die Abenteuer Kindergarten und erste Schule gemeinsam bestanden. Auch die Väter haben die Kleinen teilhaben lassen an ihrer Weltsicht, an ihrem Denken und Fühlen, ihrem Wissen und ihren Erfahrungen, haben mit ihnen gespielt und sie aufs Rad gesetzt.

Jetzt ist der Nachwuchs aus dem Gröbsten heraus, und der erste Flaum bei den Jungs und die Brüste bei den Mädchen sprießen. Obwohl es schwieriger wird, stehen die Mütter immer noch bereit, wenn es das junge Herz nach einer süßen Leckerei oder Tröstung verlangt. Und die Väter freuen sich darauf, allmählich ein echtes Gegenüber in ihren Kindern zu finden.

Beste Voraussetzungen für eine entspannte und spannende Zeit also, getragen von gewachsenem Verständnis und Liebe, besten Absichten, und dem Wissen um das, was sie, Eltern wie Kinder, für einander bedeuten – könnte man meinen.

Pubertät – die zweite Geburt

Wäre die Pubertät lediglich eine der Übergangszeiten, wie wir sie öfters durchleben und bewältigen müssen, könnte das sogar stimmen. Doch sie ist weit mehr als das. Sie ist eines der drei magischen Tore der Verwandlung, die wir im Laufe eines Lebens zu passieren haben. Sie ist das dritte Tor zwischen Geburt und Tod.

Es hat schon was, wenn Neurobiologen und Hirnphysiologen neuerdings von einer „zweiten Geburt“ sprechen und damit die Pubertät meinen. Langzeitstudien und neue technische Möglichkeiten haben einen anderen, revolutionären Blick in das Gehirn Jugendlicher erlaubt, der für jeden sichtbar ans Licht brachte, was mancher vorher schon vermutete: In ihrem Kopf findet in den entscheidenden Aufgabenbereichen ein tief greifender Umbau statt.

Das Dramatische daran ist, dass dieser nicht etwa vor der Pubertät begonnen und auch abgeschlossen wird, damit sich die Werdewesen zumindest mit einer gut funktionierenden Grundausstattung auf die Abenteuerreise zu den neuen Ufern ihres Lebens begeben könnten. Die Natur hat es aus verschiedenen Gründen so eingerichtet, dass die Jugendlichen von heute auf morgen in eine sich von Grund auf verändernde Welt hinausgeschleudert werden, ohne bereits ein funktionierendes Instrumentarium dafür zu besitzen. Sie werden die nächsten Jahre damit zu tun haben zu kämpfen, um in dem über sie herein gebrochenen Chaos nicht unterzugehen und sich ihr Rüstzeug nach und nach zu erwerben.

Handyzauber und Hosenkult

In der Wahl der Mittel sind sie dabei nicht wählerisch, greifen sogar zu Zauber und Beschwörung, um der stürmischen neuen Welt Herr oder Herrin zu werden. Wohl kaum sonst bekommen ganz alltägliche Dinge, Gesten und Worte eine derartig überhöhte Bedeutung, wie wenn wir Menschen versuchen, erwachsen zu werden. Da wird es zum zentralen und lebenswichtigen Thema, welche Marke die Hose aus blauem Stoff hat, auch Jeans genannt. Wortreich können einem die Nachwuchskünstler auseinandersetzen, dass ein Mensch ohne das Handy XYZ eigentlich gar nicht mehr als Mensch angesehen werden kann. Konzentriert können sie einen Großteil ihrer Zeit darauf verwenden, Gestik, Haltung, Sprache, Gang und Kleidung ihrer jeweiligen Zeremonienmeister, ihrer persönlichen Helden und Heldinnen, möglichst genau nachzuahmen. Nicht, dass sie sich dabei übermäßig bemühen würden herauszufinden, was sich hinter deren coolen Fassaden verbirgt. Denn um mehr als die vermeintlich coole Fassade geht es zunächst nicht.

Die Hoffnung auf ein Königreich

Dieses „dramatische Theater“ oder auch rituelle Handeln ist eine urmenschliche Strategie, um mit dem fertig zu werden, was unser vertrautes Leben bedroht, umstürzt oder in Frage stellt. Das gilt auch für die Liebe. Im Augenblick großer Gefahr oder großer Liebe werden die Menschen zu Gläubigen. Die meisten versuchen instinktiv, dem, was sie in ihrer Lebenssituation als nicht ausrechenbar, nicht beherrschbar und bedrohlich empfinden, mit Beschwörungen und Ritualen entgegenzutreten. Deswegen sind die Kirchen in Zeiten der Not auch immer voll. Gerät unser Leben aus den Fugen, tritt das magische Weltbild in sein altes Recht ein, in dem jedes Wort, jede Handlung, jeder Gedanke und jeder Gegenstand von geheimnisvollen Kräften durchwoben sind. So wird die Begrüßung zum Ritual erhoben, die Jeansmarke zum Versprechen und das Handy zum Zauberstab im pubertären Wunderland.

Denn das kindliche Universum ist in seinen Grundfesten erschüttert worden. Eine Riesenwelle hat die Jugendlichen auf das offene Meer hinaus gerissen, und sie haben noch keine Ahnung, an welche Gestade sie Wind, Wellen und Wetter tragen werden. Um den Glauben an das gesegnete Land jenseits des pubertär-stürmischen Meeres auf ihrer Reise nicht zu verlieren und um sich selber Mut zu machen, schaffen sie sich Ikonen, die für all das stehen, was sie werden wollen. Stars, Sternchen und andere Idole sind die willkommenen Projektionsflächen für das, was in ihnen gärt, für ihre Träume und Ahnungen von sich selbst. In den Bildern und Symbolen, die von der Jugend hochgehalten werden, kristallisieren sich Glauben und Hoffnung auf die eigene glückliche Verwandlung. Sie stehen für den Sieg über die Gegenkräfte und den Gewinn der königlichen Krone: die Herrschaft über das eigene Leben.

Visionen und Rituale als Wegweiser

Sie merken vielleicht, dass ich hier die Sprache der Märchen benutze, und das nicht ohne Grund. Handeln doch viele Märchen von dieser abenteuerlichen Verwandlungsreise zu sich selbst. Sie erzählen von dem uralten Wissen der Menschen um die zentrale Bedeutung der Erlebnisse und Erfahrungen, die wir während der Pubertät machen, und ihren entscheidenden Auswirkungen auf die nächsten dreißig, vierzig Jahre des persönlichen Lebens. Und sie zeigen, wie wichtig innere Bilder und Visionen für das Erwachsenwerden sind, denn in der Pubertät bekommen wir eine Ahnung davon, wer wir sein können – oder eben nicht. Erfahrungen und Bilder können die Werdewesen klein und in negativen Vorstellungen von sich selbst gefangen halten, oder sie können ihnen Mut machen und Flügel verleihen.

Fast überall kennen die Urvölker dieser Erde die herausgehobene Bedeutung der Pubertät und feiern sie in Übergangsriten. Als besondere verwandelnde Erfahrung an einem besonderen Punkt des Lebens, die sich tief einprägt, Sicherheit und Orientierung vermittelt und ihre Botschaft bis weit in das Leben als Erwachsener hinein ausstrahlt. Auch wenn unsere Zeit eine völlig andere ist, können uns z. B. die Indianer Nordamerikas bei der Überlegung inspirieren, wie wir Jugendliche nachhaltig beim Erwachsenwerden unterstützen können. Denn sie wussten und wissen noch, dass in Gemeinschaft eingebettete Rituale der Königsweg sind, um in dem Zustand zwischen den Welten Klarheit, Vision und Perspektive zu vermitteln.

Die Kraft der Rituale nutzen

Während bei uns die Träume und Visionen, die Lebensentwürfe und Vorbilder für die Jugendlichen im Wesentlichen aus der Retorte der Medien kommen und vorwiegend aus wirtschaftlichen Interessen heraus geschaffen und am Leben gehalten werden, wussten und wissen die Indianer um die Leben spendende und verwandelnde Kraft der inneren Bilder, die aus der eigenen Seele sprechen. Sie entstehen in den Jugendlichen von selbst, wenn man ihnen den Raum, die Zeit und die nötige Unterstützung dafür bietet. Sie werden zu kraftvollen und beflügelnden Visionen ihrer selbst, wenn man ihnen die Möglichkeit schenkt, die entscheidende Verwandlung vom Kind zum Erwachsenen in einem konzentrierten, dynamischen und festlichen Rahmen aktiv zu ergreifen, tatkräftig zu gestalten und lebendig zu feiern.

Die Jugendlichen der indianischen Kulturen gingen nach der feierlichen Vorbereitung innerhalb ihrer starken Stammesgemeinschaft hinaus in die Einsamkeit der Natur, wo sie einige Tage fastend und betend verbrachten. Allein mit den Mächten der Natur und durch nichts von sich und ihrer Existenz im Universum abgelenkt, kamen sie mit den besonderen Kräften und Fähigkeiten ihrer Individualität in Berührung. Eine Begegnung, die sie oft als eine Offenbarung erlebten. Gestärkt und inspiriert kehrten sie danach zurück, um den ihnen bestimmten oder in einer Vision gezeigten Platz im Kreis der Erwachsenen einzunehmen.

Indianerkinder wurden von klein auf an Gemeinschaftsaufgaben herangeführt. Jede ihrer Tätigkeiten oder Handlungen war von Sinn und Bedeutung durchdrungen. Sie erlebten sich als Mitgestalter und fester Teil ihrer Welt. Dagegen beschreiben sich unsere Jugendlichen heute als ohnmächtig und perspektivarm. Sie fühlen sich verunsichert, entwurzelt oder ihrer Gemeinschaft entfremdet. Die Fähigkeit zum passiven Konsum ist für sie zu einem Gradmesser und Ersatz von Lebensqualität und Zugehörigkeit geworden. Sie brauchen daher einen neuen rituellen Ansatz, der sie in die eigene Mitte, an die Wurzel ihrer Macht bringt.

Ein zeitgemäßes Pubertäts-Ritual

Mit dem Flug des Feuervogels (s. Kasten) ist solch ein zeitgemäßes Ritual für Jugendliche entstanden, das ihnen über das intensive Erlebnis ihrer selbst hinaus lebensnahe und nachhaltige Orientierung und befeuernde Perspektiven für ihr Leben in Gemeinschaft mit auf den Weg gibt. Der Flug des Feuervogels hilft ihnen, ihr Schiff seetauglich zu machen, sich in die Zukunft hinein zu entwerfen und dort fest zu verankern.

Er nimmt die Jugendlichen in eine starke Reisegemeinschaft auf, die sie durch ihre vier Elemente und an die Schwelle zum fünften führen wird. Sie tauchen tief ein in ihr Wasser (Inspiration, Gefühl) und erleben und erheben sich in die alles durchdringende und unterscheidende Kraft der Luft (Denken). Von dort treten sie mitten in die Macht ihres Feuers (Willen, Tatkraft), dessen ausdauernde, wärmende und belebende Kraft sie brauchen, um ihre persönlichen Träume und Wünsche, ihre Visionen und Pläne in und auf die Erde (die Realität, ihr Leben) zu bringen. Haben sie diese vier Elemente aktiv gestaltend durchschritten und gemeistert, findet die Geburt des fünften Elementes, der Quintessenz, in ihnen selbst statt. Der Feuervogel ist geboren, streckt seine Schwingen aus und schickt sich an, seine Welt in freiem Flug zu entdecken und für sich zu erobern. Das besondere Erlebnis ist für sie zur alles verwandelnden Erfahrung geworden.

AGBCopyright & DatenschutzImpressumKleinanzeige aufgeben