„Musik ist meine Leidenschaft“

„Musik ist meine Leidenschaft“

„Musik war immer ein Ventil für mich, eine Möglichkeit meine Gefühle auszudrücken.“ Sagt eine Frau, die mit ihrer leidenschaftlichen Art das Publikum mitzureißen versteht. „Canta Ro’! – in Trio“ heißt Etta Scollos neue Platte. Eine Hommage an die sizilianische Sängerin Rosa Balistreri, der sie bereits ihre zweite CD widmet. Was Etta an der Balistreri so fasziniert, verrät die Wahl-Berlinerin im nachfolgenden Gespräch.

Bei uns ist Rosa Balistreri weitgehend unbekannt. Wer war sie?

Rosa war Sizilianerin, 1927 geboren. Sie war die Tochter einer sehr armen Familie, die während ihrer Kindheit viel auf der Insel herumgereist ist, weil der Vater immer woanders Arbeit gesucht hat. In den 70er Jahren wurde sie bekannt als die einzige Geschichtenerzählerin und Folksängerin Siziliens, aber sie wurde keine Ikone oder ein großer Star. Obwohl die Musiktradition Siziliens bis zurück zu den Byzantinern und den alten Griechen reicht, wurde das Erbe nie so gepflegt und durch den immer wieder kehrenden Vortrag vor dem Vergessen bewahrt.

Sizilianische Volksmusik ist leider nicht so bekannt wie beispielsweise der Fado Portugals. Obwohl die Leute diese alten Lieder immer gesungen haben, war es Rosa Balistreri, die das Material populär gemacht hat, indem sie es aus den Häusern hinaus getragen und auf ihren Konzerten gesungen hat. Dabei waren Wiegenlieder ebenso wie mutige Lieder gegen die Mafia. Das war sehr unkonventionell, denn Frauen haben damals nur zuhause oder auf Festivitäten gesungen Mit ihrem Schritt an die Öffentlichkeit wurde sie zum Vorbild für die Frauen Siziliens.

Können Sie sich noch erinnern, wann Sie zum ersten Mal etwas von ihr gehört haben?

Ja – sogar noch sehr gut. Ich war in der Pubertät, damals war ich ein Riesenfan der Rolling Stones und von Aretha Franklin. Nebenher habe ich viel Jazz gehört, weil mein Vater ein großer Jazz-Fan war. Einzig meine Großmutter hörte die alten Volkslieder. Ein Bekannter schenkte mir dann eine Kassette mit Rosas Musik. Ich war ein paar Tage krank, musste im Bett bleiben und hörte mir diese Kassette an. Ihre Stimme hat mich umgehauen. In meiner Erinnerung sind diese fiebrigen Tage irgendwie surreal, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit. Ich glaube diese Erfahrung in Verbindung mit Rosas Musik hat mich sehr geprägt. Später habe ich dann versucht, mehr über sie zu erfahren.

Sie haben vorhin die Tradition des Geschichtenerzählens erwähnt.

Die gibt es noch, wenn auch nicht mehr so verbreitet. Ich versuche die Geschichten so zu erzählen, dass jeder sie verstehen kann. Auf diese Art kann man Geschichte weitergeben, indem man sie persönlich erzählt. Man kann natürlich ganz historisch trocken davon berichten, dass Piraten auf Sizilien landeten. Aber man kann das auch durch ein Liebeslied erzählen. Es gibt beispielsweise eine Legende, die davon handelt, dass ein Junge seine Geliebte sucht. So sehr er auch sucht, er kann sie nicht finden. Was er nicht weiß, die Mutter hat ihre Tochter an die Türken verkauft, weil die Palermo besetzt hielten. Mit solchen Geschichten kann man Gefühle transportieren, die man mit harten Fakten nicht rüberbringen könnte.

Ich möchte damit den Deutschen zeigen, so weit entfernt ist Sizilien nicht und die Kultur ist nicht so viel anders. Sizilien hatte mit Friedrich II. einen deutschen König im Mittelalter. Die Franzosen haben Sizilien ebenso besetzt wie die Türken. Wir sind eine Mischung aus vielen Kulturen. Im Grunde sind wir ein Abbild der europäischen Kultur, weil die Insel eine Verbindung ist zwischen Europa und Afrika. Das war schon immer so. Deshalb erzähle ich gerne diese Geschichten. Die Leute denken bei Sizilien immer nur an die Mafia. Aber es gibt so viel mehr zu entdecken, als diese blöde Verbrecherorganisation, die außerdem gerade mal 100 oder 150 Jahre alt ist. Mein Tipp: Zuerst Sizilien kennen lernen und dann woanders in Italien hinreisen.

Könnte man sizilianische Volkslieder mit dem portugiesischen Fado vergleichen oder mit dem Tarantelle?

Tarantelle ist eine Form der sizilianischen Volksmusik. Dabei werden Lieder gesungen, die man mit einer Rahmentrommel, die Tamburo a Cornice genannt wird, begleitet. Dieses Tamburin ist das Volksinstrument der Insel, die mit einer ganz besonderen Technik gespielt wird, aber von der Konstruktion her regional unterschiedlich ist. Dazu gibt es bestimmte Tänze.

Ich würde sagen in ganz Südeuropa gibt es diese melancholische Form der Musik, wie in Portugal der Fado beispielsweise. Ich habe eine ganz persönliche Vorliebe für diese melancholischen Sachen. Vielleicht liegt es daran, dass Sie nach Parallelen fragen. Aber es ist nicht so, dass der Fado mit sizilianischer Volksmusik zu tun hat. Da ist der spanische Einfluss größer. Die spanische Inquisition hat im 15. Jahrhundert sehr auf Sizilien gewütet. Deshalb hatte Spanien einen sehr großen Einfluss.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

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