Alles zu seiner Zeit!
Die Tücken spiritueller Ungeduld
BESTIMMTE ERFAHRUNGEN HABEN WOLLEN
Wenn wir meinen, in der Meditation eigentlich schon weiter sein zu sollen, als wir augenblicklich sind, fangen wir nicht selten an, die Echtheit der inneren Erfahrungen zu bezweifeln, die wir bereits haben, und graben uns so selbst das Wasser ab. Wenn wir dann Licht sehen, denken wir zum Beispiel: „Das ist bestimmt keine innere Erfahrung, sondern nur ein Lichtschein von draußen.“
Eine Schülerin beklagte sich einmal bei meinem Meister, sie hätte trotz mehrjähriger Meditationspraxis noch keine inneren Erfahrungen – außer einem „bisschen Licht“. Der Meister erklärte ihr: „Um dieses ‚bisschen Licht’ zu haben, das Sie jetzt schon sehen, nahm Lord Buddha unzählige Mühen auf sich. Andere Menschen meditieren dafür ein Leben lang, und das nicht immer mit Erfolg.“
Ein anderer Schüler beschwerte sich: „Bei mir geht es in der Meditation überhaupt nicht voran. Mir erscheinen immer nur dieselben drei früheren Meister.“ Da nannte ihm der Meister das Beispiel von Swami Dayananda: „In 60 Jahren Meditation hatte er nicht einmal die Vision seines eigenen Mei sters. Er sah zwar innen helles Licht; auf die strahlende Vision des Meisters aber, die nach Aussagen der Schriften darauf folgen soll, wartete er vergebens.“
Statt ungeduldig zu werden, wenn die erhofften Resultate nicht schnell genug in Erscheinung treten, sollten wir vielmehr wertschätzen, was wir haben, und vertrauensvoll weiter meditieren. Unsere inneren Erfahrungen hängen mit unserem spirituel len Hintergrund zusammen und dienen dazu, hemmende karmische Eindrücke auszulöschen. Das braucht seine Zeit, die wir gar nicht ermessen können. Denn woher sollen wir wissen, wie viele solcher Eindrücke wir noch haben?
BESTIMMTE VORTEILE HABEN WOLLEN
Manche Schüler messen ihren inneren Fortschritt auch an bestimmten Fähigkeiten, die damit einhergehen sollen, und werden ungeduldig, wenn diese auf sich warten lassen. Dazu gibt es eine Geschichte.
Ein Mann bat einmal seinen Meister: „Du hast doch viele übernatürliche Kräfte. Wird es nicht langsam Zeit, dass ich die auch bekomme?“ – „Was möchtest du denn gerne können?“
„Tote wieder aufer weck en.“ – „Und was erhoffst du dir davon? Wäre es nicht besser, ich segne dich statt dessen mit dem ewigen Leben?“
Doch bis dahin wollte der Schüler nicht warten, und so gab der Meister schließlich nach: „Also gut, wenn du irgendwelche Knochen findest, so trage sie zusammen und besprenge sie unter Wiederholung bestimmter Na men mit Wasser. Dann werden sie wieder lebendig.“
Der Mann wollte seine neue Kunst natürlich sofort erproben. Auf dem Heimweg kam er in einen Wald und erspähte dort nach einigem Suchen tatsächlich ein paar verstreute Gebeine.
Er legte sie auf einen Haufen, befeuchtete sie und sprach sein Mantra dazu… Sogleich kam Leben in die Knochen, und vor ihm stand – ein ausgewachsener Löwe. Und ehe sich‘s der Mann versah, fraß ihn das Raubtier auf... Der letzte Gedanke, den er noch fassen konnte, war: „Wie recht der Meister hatte – das habe ich nun davon…“

