Auch Lehrer sind Menschen
In dem spannenden Roman „Die Vermessung der Welt“ lässt uns der Autor Daniel Kehlmann an den ungeheuren Leistungen des Alexander von Humboldt teilnehmen. In kaum einer größeren deutschen Stadt fehlt eine Humboldtstraße, -schule oder ein Humboldtpark. Mit seinem großen Namen steht der Forscher und Universalgelehrte als überragendes Vorbild. Allerdings ist in „Die Vermessung der Welt“ auch zu sehen, was für ein Mensch jener Humboldt war, abseits seiner großen Leistungen. Er hatte wirklich mörderische Absichten, ging über Leichen, hatte so gut wie keinen Respekt, betrog seine Frau, schlug seinen Sohn – da wird die Vorbildfunktion schon leiser.
Unabhängig davon, wie genau der Autor recherchiert hat und was von diesen Geschichten „wahr“ ist, wichtig ist, dass ein solches Buch monatelang auf den Bestsellerlisten steht und somit einen Aspekt des Zeitgeistes ausdrückt. Denn wir hören in allen möglichen Umfeldern, zum Beispiel auch in der Wirtschaft, von den großen, Verantwortung tragenden Menschen,wie sie sich verfangen haben in Korruption, Bespitzelungen und Maßlosigkeit.
In vielen Lebensbereichen scheint neben der Frage danach, was ein Mensch tut, leistet, schafft, auch zunehmend die Frage nach dem Wie aufzutauchen. Wie ist er oder sie als Mensch?
Versuchung durch Macht, Geld und Sex
Auch im spirituellen Umfeld ist diese Frage in den letzten Jahren immer häufiger gestellt geworden. Natürlich gab es sie schon immer, wenn man einen Lehrer prüfte, bevor man sich auf ihn einließ. Aber die augenblickliche Tendenz geht weit darüber hinaus.
In der Rückschau auf den Zweiten Weltkrieg fragten sich die Nachfolgenden der Sanbo-Kyodan Zen-Schule, wie es geschehen konnte, dass Mönche, die alle „erleuchtet“ waren, den Krieg unterstützten. Vom großen Lehrer Jiddu Krishnamurti weiß man heute, dass er lange Zeit ein Verhältnis mit der Frau seines Mitarbeiters hatte (und sich später wunderte, warum der ihn finanziell ausnehmen will...)
„Lasst sie, sie sind blinde Blindenführer! Wenn aber ein Blinder einen Blinden führt, so fallen sie beide in die Grube.“ Jesus von Nazareth
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