Aus der Mitte leben
Ein ausgeglichenes, selbstbestimmtes Leben führen
Die Mitte einer Sache ist etwas, das ihr von innen heraus Struktur, Ordnung und Zusammenhalt verleiht. Um unsere eigene Mitte (medi-um) zu finden, müssen wir also nach innen gehen und medi-tieren. Von hier aus ordnet sich dann automatisch unser ganzes Leben neu.
Tragische Trägheit
Die Meditation ist unerlässlich für ein ausgeglichenes, selbstbestimmtes Leben. Meditieren bedeutet, nach innen zu gehen und sich wieder mit Gott und seinen Offenbarungen zu verbinden. Alle Unzufriedenheit auf der Welt kommt daher, dass uns diese Verbindung fehlt. Leider können viele von euch sich nicht dazu aufraffen, regelmäßig zu meditieren. Wenn es um äußere Zerstreuungen geht, sind sie sogar noch um Mitternacht hellwach und aktiv. Doch wenn es ums Meditieren geht...? „Nicht jetzt, das hat noch Zeit... ich übe heute abend, nein, morgen früh..., erst noch diese Arbeit fertig machen...“ Und das tragische Ende vom Lied? Sie verschieben die eine gute Gelegenheit und warten auf die nächste – die aber niemals kommt. Auch wenn sie bei der Initiation innen etwas gesehen haben, denken sie schließlich, dass alles nur Einbildung war. So streut ihnen das Gemüt Sand in die Augen, mit dem Ergebnis, dass sie sich wieder in ihre Vergnügungen stürzen und ihre Aufmerksamkeit weiter in der Außenwelt zerstreuen, statt sie innen zu sammeln. Auf diese Weise haben die fünf Leidenschaften (Lust, Ärger, Gier, Stolz, Abhängigkeit von äußeren Dingen) leichtes Spiel und bringen ihre Seele buchstäblich immer wieder zu Fall. Denn der Sitz der Seele ist hoch oben, am dritten Auge zwischen den Augenbrauen, der Sitz der Leidenschaften ist unten, im Bereich der fünf Sinne. Die Verbindung mit den göttlichen Offenbarungsformen Licht und Klang wird also erst oberhalb der Sinnesebene hergestellt. Wenn die Aufmerksamkeit ständig nach außen gelenkt wird, kann sie sich dort oben nicht halten und gleitet immer wieder nach unten ab.
Meditieren macht glücklich
Wenn die Seele dagegen regelmäßig Gelegenheit bekommt, sich an ihren Sitz zurückzuziehen und dort in Licht und Klang einzutauchen, können ihr die Leidenschaften nichts anhaben. So lange die Aufmerksamkeit aber im Körper ist, im Bereich der fünf Sinne, wird man zum Spielball seiner Wünsche. Sie sind die Wurzel der fünf Leidenschaften, die dem Gemüt keine Ruhe lassen, sondern laufend neue Emotionen aufwirbeln. Stellt sich ihrer Erfüllung beispielsweise ein Hindernis in den Weg, dann steigt Ärger in uns auf, gefolgt von Neid, Kritik, übler Nachrede, Feindschaft, banalen Streitigkeiten usf. – und schon
machen sich alle möglichen Laster in uns breit.
Solange wir nicht in der´eigenen Mitte ruhen, bleiben wir unweigerlich fremdbestimmt.
Das kommt nur daher, weil wir nicht ernsthaft genug meditieren. Wer auch nur halbwegs aufrichtig meditiert, erfährt dabei im Innern so viel Glück und Seligkeit, dass er freiwillig tausend Arbeiten liegen lässt, um sie so oft wie möglich zu genießen. Er wird jede freie Minute dafür nutzen und sein Leben so einrichten, dass er immer mehr Zeit für die Meditation gewinnt. Schon ein Bruchteil von dieser inneren Seligkeit
genügt, um langsam den Geschmack an äußeren Vergnügungen zu verlieren. Sie machen es dem Gemüt extrem schwer, sich nach innen zurückzuziehen. Wenn wir dagegen anfangen, die inneren Freuden zu genießen, werden die äußeren automatisch und ohne Anstrengung bedeutungslos.
Aufhören, nur zu reagieren
Die meisten von uns tun nichts weiter, als in Gedanken, Worten und Taten unkontrolliert auf momentane äußere Sinnesreize zu reagieren. Sie bemerken etwas, das ihnen nicht behagt, und fangen sofort an, sich zu ärgern, herumzuschimpfen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Das kann großen Schaden anrichten, auch wenn dabei nur durch ein einziges Sinnesorgan angesprochen wird. Bei Motten ist zum Beispiel der Gesichtssinn so stark ausgeprägt, dass sie verbrennen, wenn sie Licht erblicken und davon angezogen werden. Bei Fischen ist der Geschmackssinn so stark ausgebildet, dass sie sich leicht von Ködern anlocken und fangen lassen. Das sind Beispiele von Lebewesen, die nur Sklaven eines einzigen Sinnes sind. Was ist dann mit einem, der gleich von fünf Sinnen beherrscht wird? Die Kontrolle darüber zurück zu gewinnen, erscheint geradezu unmöglich. Doch in unserem Innern ist Licht, so strahlend wie Millionen Sonnen, und dort ertönt auch der immerwährende göttliche Klang (s. Kasten). In dem Maße, wie die Freude daran wächst, schwinden alle niederen sinnlichen Neigungen. Es geht darum, sich nicht von diesen Neigungen beherrschen zu lassen und statt dessen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Beginnt mit einem kleinen Teilbereich eures Lebens. Wenn ihr euch außerdem ein bisschen Zeit nehmt, um auch die innere Seligkeit zu genießen, bleibt der Erfolg nicht aus. Ohne Meditation ist das nicht zu schaffen; mit Meditation gelingt es mühelos.
In der eigenen Mitte ruhen
Man kann seinen spirituellen Fortschritt daran ermessen, wie gut man in der Lage ist, die eigenen Gedanken und Wahrnehmungen bewusst zu kontrollieren. Wer diese Kontrolle bis zu einem gewissen Grad erlangt hat, wird nicht mehr von äußeren Umständen, Belastungen und Spannungen aus dem Gleichgewicht gebracht. Wir haben vergessen, dass wir selbst diejenigen sind, die solchen äußeren Einflüssen Macht über uns verleihen. Wir sind es, die im Äußeren Gutes und Schlechtes sehen und es zum Anlass nehmen, uns zu freuen oder uns zu ärgern. Wenn wir unsere eigene Mitte finden, steht es uns frei, unsere Gedanken- und Sinneskräfte so zu einzusetzen, wie es uns gut und richtig erscheint. Solange wir nicht lernen, in der eigenen Mitte zu ruhen, bleiben wir dagegen unweigerlich fremdbestimmt. Vor der Gottverwirklichung kommt die spirituelle Selbstverwirklichung. Ehe ihr nicht wenigstens Herr über eure fünf Sinne geworden seid, ist kein nennenswerter innerer Fortschritt möglich. Lasst euch in keinster Weise von Lust, Ärger, Gier, Stolz und der Abhängigkeit von Menschen und Dingen beherrschen. Wer seine Aufmerksamkeit zum dritten Auge zurückziehen und dort sammeln kann, ist auf dem besten Weg, eine selbstverwirklichte Seele zu werden. Deshalb legen alle Meister ihren Schülern ans Herz, ihre Meditationsübungen einzuhalten. Mein Meister sagte immer: „So wie es üblich ist, den zehnten Teil seines Einkommens zu spenden, sollte man auch den zehnten Teil seiner Zeit zum Meditieren verwenden.“ Der zehnte Teil eines Tages sind etwa zweieinhalb Stunden. Manche meditieren wenigstens eine halbe Stunde, manche nur fünf Minuten und viele überhaupt nicht. Andere meditieren nur, wenn sie gerade in Stimmung sind.
Die wichtigste Sache im Leben
Wenn ihr nicht lernt, euch willentlich über die Sinnesebene zu erheben und in die inneren Erfahrungen einzutauchen, könnt ihr machen, was ihr wollt – ihr kommt auf mit eurer spirituellen Entwicklung nicht voran. Nichts von dem, was ihr im Leben erreicht, wird euch dann wirklich Freude machen. Wenn euer tägliches Leben immer wieder außer Kontrolle gerät, dann versucht, es in den Griff zu bekommen und verwendet mehr Zeit auf die Meditation. So schafft ihr es leichter. Dann läuft euer Leben in wohlgeordneten Bahnen ab und ihr tut von selbst, was gut und richtig ist. Die Meditation ist also von entscheidender Bedeutung für unser ganzes Leben. Darum ist sie die dringlichste Arbeit, die wir vor uns haben. Wie können wir erwarten, dass sich unsere äußeren Lebensumstände ändern, wenn wir uns selbst nicht ändern? Die Art, wie unser Leben sich gestaltet, entspricht genau unserer inneren Verfassung – wie innen, so außen. Einmal sagte jemand zu Lord Vishnu:
"Du musst ja alle Hände voll zu tun haben, bei all den irrenden Seelen, für die du ständig das Höllenfeuer schüren musst.“
„Keine Spur,“ gab er zurück, „ich tue gar nichts – die Seelen machen sich schon selbst die Hölle heiß!“ Prüft selbst, wo ihr im Augenblick steht. Ihr habt die innere Verbindung bekommen; baut sie täglich weiter aus. Licht und Klang sind schon in euch, ihr müsst sie euch nur zu Bewusstsein bringen. Schöpft den vollen Segen aus der Meditation und widmet ihr jeden Tag etwas mehr Zeit. Je länger ihr sie ausdehnt, desto schneller kommt ihr ans Ziel. Wenn ihr euch davor drückt, werdet ihr es eines Tages bedauern. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

