ETHISCHES LEBEN IM ALLTAG
Anregungen für Beruf, Familie und soziales Umfeld
Das Fundament
Ich wurde in einer Sikh-Familie geboren und las schon als kleiner Junge den Granth Sahib, das heilige Buch der Sikhs. Ich las immer nur eine Hymne und schrieb sie als Tageslektion auf. Den ganzen Tag dachte ich dann über diese Worte nach und versuchte, ihre Bedeutung zu erschließen.
Zweifellos muss das Herz dabei leer gemacht und von weltlichen Gedanken frei gehalten werden – nur mit der Zunge zu lesen, während das Gemüt noch in der Welt verstrickt ist, hat keinen Wert. Ich würde jedoch sagen, dass es gut ist, die heiligen Worte zu lesen, obwohl das allein noch nichts bewirkt; aber Lesen, Nachdenken, Begreifen und schließlich mit dem Gott in Verbindung zu kommen, von dem darin die Rede ist, führt zur Erlösung.
Es gibt immer Meister der Wahrheit in der Welt, die Wahrheitssuchern eine Verbindung mit der Wahrheit geben, indem sie ihnen eine innere Erfahrung von Gott vermitteln. Dazu versetzen sie den Wahrheitssucher in die Lage, seine Aufmerksamkeit von außen zurückziehen und sie über die Sinne und die nach außen gerichteten Sinneskräfte heben. Denn so lange die Sinne nicht beherrscht und das Gemüt und der Intellekt nicht beruhigt werden, kann die Seele das innere Auge nicht öffnen, um die Offenbarung Gottes zu sehen.
Warum anderen Schlechtes nachsagen? Wenn ihr schon über andere reden müsst, dann sprecht von dem, was an ihnen in Ordnung ist
Gutes tun
In den Schriften berichten die Meister von ihren Erfahrungen auf dem Weg zu Gott: von der Glückseligkeit, an der sie sich erfreuten, als sie mit Ihm in Verbindung kamen, von den Dingen, die ihnen auf ihrem Weg geholfen haben, und was dabei von Nachteil war. Das richtige Verständnis der Schriften wird einen natürlich ermutigen, die Wesenszüge abzulegen, die den Fortschritt aufhalten, und sich die Eigenschaften anzueignen, die dazu dienen, ihn zu vergrößern.
In diesem Sinne sagt Guru Nanak, der erste Sikh-Heiligen, in einer seiner Hymnen: „Tu Gutes in diesem Leben.“ Dieses Leben ist die goldeney Gelegenheit für ein großes und edles Ziel: Selbst- und Gotterkenntnis. „Wenn diese Gelegenheit ungenutzt verstreicht, kommt sie vielleicht nicht wieder, und dieses kostbare Leben ist vertan.“ Macht also das Beste daraus, indem ihr diese wichtige Arbeit vollbringt.
Es gibt viele Beschreibungen davon, was gute Taten sind, aber die Meister lehren, dass eindeutig die Handlungen die besten sind, die uns näher zu Gott bringen. Daraus folgt, dass schlechte Handlungen solche sind, die uns von Gott entfernen.
Was sind gute Handlungen? Bemüht euch vor allem um eine wahrhaftige Lebensweise. Sprecht immer die Wahrheit, stehlt nicht, täuscht niemanden und heuchelt nicht.
Ehrlich sein Geld verdienen
Oft klagen die Menschen, es sei heutzutage schwer, ehrlich zu bleiben, wenn man im Geschäftsleben steht. „Wie sollen wir so unsere Geschäfte führen? Die Kunden werden ausbleiben und das Geschäft wird eingehen.“ Ich versichere ihnen dann immer: „Am Anfang werden die Kunden vielleicht nicht so zahlreich kommen – doch sie werden kommen. Sie werden sich immer mehr auf eure Ehrlichkeit verlassen und schließlich zu festen Stammkunden werden.“
Wenn man irgendeine Arbeit durch Lügen oder auf unrechtmäßige Weise ausführt, heißt das ganz einfach, eine Sünde zu begehen.
Aller Verdienst sollte ehrlich erworben sein – keiner sollte zu seinem eigenen Vorteil anderen das Blut aussaugen. Es heißt, dass unrechtmäßig erworbenes Geld wiederum für unrechte Zwecke verwendet wird. Seht selbst – kann man mit unrechtmäßig erworbenem Verdienst ein rechtschaffenes Leben führen? Das Leben solcher Menschen ist mit allen Lastern der Welt befleckt. Doch was ein guter Mensch ehrlich verdient hat, kann anderen eine wahre Hilfe sein.
Anderen positiv begegnen
Ein weiterer Punkt ist, dass ihr für niemanden feindselige Gefühle hegt, denn jedes Wesen hat eine Seele. Gott ist in jedem Wesen, daher sollte man allen selbstlos dienen. Nichtverletzen oder Nichtangreifen ist der wichtigste Grundsätze einer rechtschaffenen Lebensweise. Gott ist in jedem Wesen – wenn du einem seiner Kinder die Kehle durchschneidest, wie kannst du Ihn dann erkennen?
Unser Ziel ist es, Gott zu erkennen, den Gott, der in allen Wesen ist und den alle als den Einen anbeten, wenn man Ihm auch viele verschiedene Namen geben mag. Wenn man diese Tatsachen versteht, wie kann dann das Problem, dass man andere hasst, überhaupt entstehen? Wen will einer dann hassen? Aus diesem rechtem Verständnis entwickeln und ergeben sich auf ganz natürliche Weise die rechten Gedanken und Taten.
„Du hast den Glauben verloren, weil du andere zu Unrecht verurteilst und verleumdest“, heißt es weiter bei Guru Nanak. Warum anderen Schlechtes nachsagen, indem man ihre Fehler und Schwächen verbreitet? Das heißt Kritik üben – auch wenn ihr diese Fehler verkleinert, ist das Kritik. Wenn ihr schon über andere reden müsst, dann sprecht von dem, was an ihnen in Ordnung ist, oder über ihre guten Seiten.
Mein Meister Baba Sawan Singh sagte manchmal: „Speisen und Getränke haben einen bestimmten Geschmack – aber wie schmeckt es, schlechte Reden über andere im Munde zu führen? Schmeckt das süß, sauer, salzig, oder wie sonst?“ Genau – es ist einfach geschmacklos.
Doch jeder leidet an dieser Krankheit – setzt euch einfach einmal hin und macht ein Experiment: hört anderen ruhig beim Reden zu. Und was werdet ihr hören? „Der und der ist schlecht, der und der ist gut, der und der tut dies und jenes“, und so weiter. Oder ihr hört Geschwätz über Frauen, Geld usw. Der Mensch hat seinen Glauben an die Menschheit verloren, weil er sich jeden Tag solch leeren und nutzlosen Reden hingibt. Er kam für eine ganz besondere Aufgabe auf die Welt und hat sich statt dessen in niedrige Handlungen verstrickt.
Negative Einflüsse nicht verstärken
Das menschliche Herz ist vom Schmutz der Zeitalter befleckt, und um ihn zu entfernen und nicht noch zu vermehren, sollte man als erstes das Gebot beachten, anderen keinen Schaden zuzufügen. Gewaltlosigkeit gilt als die höchste Tugend. Es ist die höchste Tugend, niemandem negativ zu begegnen, sei es nun in Gedanken, Worten oder Taten.
Dennoch solltet ihr die Gesellschaft von Menschen meiden, die niedere Wesenszüge haben. Ihre schlechten Eigenschaften werden keinen guten Einfluss auf euch haben, und wenn ihr regelmäßig mit ihnen zusammen seid, wird das Licht in euch am Scheinen gehindert.
Wenn jemand andererseits ein gutes Beispiel gibt und ihr ihm nacheifern wollt, dann werdet so gut wie er. Wenn er mehr meditiert als ihr, dann tut es ihm gleich. Seid nicht neidisch auf ihn, sondern bessert lieber euer eigenes Leben. Sorgt euch nicht um die Vergangenheit – die könnt ihr jetzt nicht mehr ändern –, sondern lebt rechtschaffen in der Gegenwart und baut euch eine spirituelle Zukunft auf.
Macht euch also im Umgang mit anderen die Tugenden der Wahrheit zu eigen. Lügen, Unaufrichtigkeit, Täuschen, Heucheln, nach außen etwas anderes zeigen, als ihr im Herzen habt – all das verstärkt nur noch die negativen Tendenzen in eurem Innern.
Aufrichtig kommunizieren
Behaltet diese Tatsachen im Gedächtnis, denn wer frei von feindseligen Gefühlen ist, wird nur das sagen, was wahr ist. Seine Rede wird offen und liebevoll sein, denn es geht ihm nicht darum, andere zu verletzen, sondern darum, ihnen die wirklichen Zusammenhänge verständlich zu machen.
Wenn zum Beispiel eure Kinder Fehler machen, dann appelliert mit Liebe, Umsicht und Verständnis an ihre edleren Instinkte. Die Geduld zu verlieren und sie zu schlagen, wird sie nur verwirren; sie werden nicht begreifen, was sie falsch gemacht haben. Nehmt euch Zeit, es ihnen zu erklären – wenn es sein muss, auch mehrmals. Das wird früher oder später Wirkung zeigen.
Manchmal ist es freilich besser, nicht die volle Wahrheit preiszugeben, sondern nur so viele Informationen wie nötig. Vater Abraham war dafür bekannt, dass er nie die Unwahrheit sagte, sondern allenfalls „Teilwahrheiten“. Falls jemand leiden muss, wenn man die ganze Geschichte erzählt, warum dann alles sagen? Diese Dinge sind im Detail schwer zu erklären, aber ich will euch ein Beispiel geben. Ihr steht auf der Straße und eine Kuh läuft an euch vorbei. Kurz darauf folgt ihr ein Metzger mit dem Messer in der Hand, um sie einzufangen. Wenn er euch fragt, wohin sie gelaufen sei, könnt ihr ihm indirekt antworten – weil ihr wisst, dass er die Kuh töten will –, statt ihn bei seiner Übeltat zu unterstützen.
Ein spirituelles Familienleben führen
Täglich klagen wir darüber, dass die Welt immer gottloser und materialistischer wird, aber wie sieht es bei uns selbst zu Hause aus? Wir leben nebeneinander her und kümmern uns nur um äußere Dinge: Wir stehen am Morgen auf, trinken Tee, tun dies und das, lesen die Zeitung, dann müssen wir etwas essen. Der eine geht ins Büro, der andere ins Geschäft usw. Warum gibt es eigentlich nicht den Brauch, dass alle Familienmitglieder jeden Morgen gemeinsam Andacht halten und wenigstens eine halbe bis eine Stunde lang an den Herrn denken? Doch es gibt nichts dergleichen.
Wenn die Leute über die zunehmende Gottlosigkeit klagen, dann denken sie dabei immer nur an andere, doch bei sich zu Hause ziehen sie selbst Atheisten heran. Unsere Kinder kennen nicht einmal die elementarsten Lehren der Spiritualität – viele Eltern kennen sie ja selber nicht. Wir sorgen uns um den Besitz von Dingen und um unser persönliches Glück. Wir sind darauf bedacht, dass unsere Kinder eine gute Bildung erhalten – das ist alles in Ordnung, aber wir vergessen dabei den wertvollsten Teil ihrer Erziehung.
Ich finde, dass jedes Heim einen Andachtsraum haben sollte – eine Kirche, einen Tempel oder eine Moschee – nennt es, wie ihr wollt. Dort sollte sich am Morgen und am Abend die ganze Familie, Groß und Klein, zusammensetzen und an Gott denken. Das wird nicht nur das Leben eurer Kinder verändern, sondern auch euer eigenes.
Ein Vorbild ist immer besser als eine Vorschrift, und wenn sie sehen, dass ihr das Rechte tut, werden sie euch nacheifern. Wir tragen die Verantwortung für die charakterliche Entwicklung der nächsten Generation – daran gibt es nichts zu rütteln. Und wenn wir uns selbst nicht ändern, wie können wir dann erwarten, dass sie zu anständigen, aufrechten Menschen werden?
Ich habe selbst das Leben eines Familienvaters geführt. Auch ihr solltet in der Welt leben, aber es besteht keine Notwendigkeit, zu ihrer und eurer eigenen Erniedrigung beizutragen. Wenn euer Heim ein Himmel ist, dann ist die ganze Welt ein Himmel.

