Ehrliche Diebe
Spirituelle Räuber-Geschichten...
Der Dieb des Königs
Ein Dieb kam einmal zu einem Meister und klagte: „Du sagst, wir müssen ein ehrliches Leben führen, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ich das schaffen soll.“ Der Meister erwiderte: „Keine Sorge. Mach einfach weiter wie bisher. Versprich mir nur, dabei drei Regeln zu beachten. Erstens: Erzähle keine Lügen. Zweitens: Nimm niemandem etwas fort, von dem du eine Mahlzeit angenommen hast. Und drittens: Stelle dich freiwillig, wenn du siehst, dass ein anderer für deine Verfehlungen zu leiden hat.“ Der Dieb willigte ein und ging erleichtert nach Hause.
Nach einigen Tagen fand er, dass es wieder an der Zeit sei, sein Konto aufzubessern. Doch diesmal wollte er so wenig Schaden anrichten wie möglich. „Wenn einer, der 1.000 Rupien besitzt, um 500 Rupien erleichtert wird, dann macht ihm das nichts aus – im Gegensatz zu einem, der nur 100 oder 200 Rupien hat und mit einem Schlag mittellos wird. Da halte ich mich lieber gleich an einen Reichen!“
Er entschied sich daher, beim König einzubrechen. Dort war am meisten Geld zu holen, das niemandem wirklich fehlen würde. Um in dieser noblen Umgebung nicht aufzufallen, putzte er sich entsprechend heraus und machte sich nach Mitternacht auf den Weg zur Residenz.
Dort wurde er von den Wachen angehalten und gefragt, wer er sei. Da fiel ihm sein erstes Versprechen an den Meister ein und er antwortete wahrheitsgemäß: „Ihr werdet es nicht glauben, aber ich bin ein Dieb.“ Die Wachmänner hielten das für einen Scherz und ließen ihn passieren. Denn sie dachten: „Es ist doch schon nach Mitternacht. Wenn jemand um diese Zeit so festlich angezogen ins Schloss kommt, muss er ein Freund oder naher Verwandter des Königs sein.“
Unreflektiertes Denken, Reden und Handeln macht uns zu Gefangenen unbewusster Automatismen und Muster, die unserer spirituellen Entwicklung im Wege stehen.
Im Palast trug der Dieb ungestört alles Bargeld, das er finden konnte, in einem der Gemächer zusammen. Da sah er auf dem Tisch etwas zu essen stehen und verspeiste es kurzerhand. Sogleich fiel ihm sein zweites Versprechen an den Meister ein. Wie konnte er jetzt noch das Geld des Königs stehlen? Also ließ er es liegen und zog gegen vier Uhr früh wieder ab. Die Wachen sahen ihn aus dem Palast kommen, dachten aber nur: „Er hat wohl seinen Besuch beendet und geht jetzt wieder heim.“
Als der König am nächsten Morgen sein Frühstückszimmer betrat, fand er zu seiner Überraschung den Haufen Bargeld vor, den der Dieb zurückgelassen hatte. „Wer war letzte Nacht hier?“, fragte der König die Wachen.
„Habt ihr etwa jemanden herein gelassen?“ – „Ja“, gab ein Wachmann zu, und erzählte von dem nächtlichen Besucher. „Wir hatten wirklich keine Ahnung, was er vorhatte.“
Der König ließ alle einschlägig Vorbestraften verhaften und zu sich bringen. Dort wurde jeder einzelne unter Schlägen verhört. Als dem Dieb zu Ohren kam, dass andere für sein Vergehen leiden mussten, stellte er sich dem König und bekannte: „Ich bin der gesuchte Übeltäter.“ – „Was, du? Wie kommst du dazu, dich hier einzuschleichen, meine Gemächer nach Geld zu durchsuchen und es am Ende gar nicht mitzunehmen?“
Und der Dieb erzählte dem König von den drei Abmachungen, die er mit seinem Meister getroffen hatte. „Ich brachte es nicht übers Herz, sie zu brechen.“ Der König fragte ganz erstaunt: „Wer ist denn dein Meister?“, ließ sich zu ihm führen und wurde selbst sein Schüler.
Die Moral von der Geschichte...
Wer die Lehren der Meister wortwörtlich befolgt, kommt auch mit einem langen „Vorstrafen-Register“ aus dem karmischen Gefängnis, dem Kreislauf des Lebens, frei. Zu diesem Zweck raten die Meister ihren Schülern, ein spirituelles Tagebuch zu führen. Darin überwacht der Schüler in Eigen-Regie die Einhaltung der ethischen Gebote, die er im Interesse seines inneren Fortschritts beachten soll, und zwar in Gedanken, Worten und Werken: Wahrhaftigkeit, Reinheit, Gewaltlosigkeit, unterschiedslose Liebe für alle, eine vegetarische Ernährungsweise und selbstloses Dienen. Außerdem hält er darin seine täglichen Meditations-Zeiten und -Erfahrungen fest.
Damit nimmt der Schüler die Kontrolle über sein Leben selbst in die Hand, die ihm aus Unachtsamkeit und Gewohnheit im Laufe der Zeit entglitten ist, um sie im nächsten Schritt Gott selbst zu übergeben. Denn man kann nur etwas übergeben, was man selbst in Händen hält! Außerdem kann er auf diesem Wege selbst feststellen, wie sich sein ethisches Verhalten auf seine spirituellen Übungen auswirkt und umgekehrt, und das Ergebnis dementsprechend korrigieren.
Das spirituelle Tagebuch gewissenhaft zu führen, bringt dreifachen Segen. Erstens: Man wird regelmäßig in der Meditation. Zweitens: Jede Verfehlung wird frisch „gebeichtet“ und damit sofort zu Bewusstsein gebracht. Und drittens: Dabei kommt dem Schüler jedes Mal der Meister bzw. Gott in den Sinn, dem er versprochen hat, seine Gebote zu halten. Gläubige Katholiken bekennen einmal wöchentlich oder monatlich dem Priester ihre Verfehlungen. Genau dasselbe tut der Schüler gleich mindestens einmal oder gar mehrmals am Tag – und denkt dabei jedes Mal an seinen Meister: „Jetzt habe ich ihn wieder vergessen und prompt das Falsche getan.“ Und er beschließt, so oft an ihn zu denken, bis er ihn nie mehr vergisst. So schlägt jeder einzelne Fehler eine Brücke der Erinnerung an den Meister und wird durch das „freiwillige Geständnis“ aus dem persönlichen „Sündenregister“ gelöscht.
Kirpal Singh
Selbstbesinnung spielt eine Schlüsselrolle beim Aufbruch in ein neues Leben. Ihr Motto lautet: „Dein Ausgangspunkt ist immer jetzt!“ (Kabir)
Selbstbesinnung wirkt!
Das Ziel des spirituellen Tagebuchs ist es, durch die Erinnerung an das Vorbild des Meisters die Gewohnheit der Selbstbesinnung einzuüben.
Das Prinzip der Selbstbesinnung lernt der Dieb des Königs mit Hilfe seines Meisters auf verschiedenen Zeit- und Handlungs-Ebenen kennen.
1. Selbstbesinnung vor dem Handeln ist die Basis für ethisch gute Entscheidungen in der Gegenwart. Der Dieb erinnert sich am Palast-Tor an das erste Gebot des Meisters und entscheidet sich, die Wahrheit zu sagen, wo er sonst aus lauter Gewohnheit gelogen hätte. Rechtes Denken nach den Regeln des Meisters führt ihn so zum rechten Reden.
2. Selbstbesinnung nach dem Handeln bildet die Grundlage für neue, positive Weichenstellungen in der Zukunft. In der Rückschau auf Fehl-Entscheidungen wird uns bewusst, dass alle unsere Handlungen Folgen haben, und seien sie noch so geringfügig und unbedacht: Der Dieb isst ohne nachzudenken die Speisen des Königs auf, nur weil sie ihm zufällig ins Auge fallen und seinen Appetit anregen: Sehen = Haben! Diese Handlungsweise folgt dem reflexhaften Reiz-Reaktions-Schema unseres „Reptiliengehirns“. Die Erinnerung an sein Versprechen bringt den Dieb nun dazu, die Konsequenzen für sein triebgesteuertes Verhalten zu übernehmen: Er entschließt sich, dem Rat des Meisters zu folgen und nicht auch noch das Geld des Königs zu nehmen. Rechtes Denken mündet so in rechtes Tun.
Dann spaziert der Dieb jedoch einfach wieder aus dem Palast, als wäre nichts geschehen. Aber nicht nur unsere konkreten Handlungen haben Konsequenzen, sondern auch unsere Gedanken. Die moderne Hirnforschung hat dieses uralte Weisheits-Wissen inzwischen bestätigt: Schon der Gedanke an eine bestimmte Handlung löst im Gehirn dieselben Aktivitäten aus wie die Handlung selbst. Erst als der König den Eindringling suchen lässt, der vorhatte, ihm sein Geld zu stehlen, besinnt sich der Dieb auf sein drittes Versprechen und beschließt, auch für seine kriminellen Absichten gerade zu stehen, statt sich auf Kosten Unschuldiger über sein „Glück“ zu freuen, noch einmal davon gekommen zu sein.
Der gute Ausgang der Geschichte zeigt, dass es sich lohnt, sein Denken, Reden und Handeln regelmäßig zu überprüfen, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und diese konsequent in die Praxis umzusetzen. Die Vorgaben des spirituelle Tagebuch erfüllen dabei dieselben Dienste wie die Vorgaben des Meisters in unserer Geschichte.
Welch wunderbare Wandlungen eine „ehrliche Buchführung“ bewirken kann, illustriert die folgende Erfolgs- Geschichte aus dem Leben von Guru Gobind Singh aus der Tradition der Sikhs.
Doris Radke
Ehrliche Buchführung
Eines Tages kam der Meister zufällig in ein Dorf, dessen Bewohner allesamt Diebe waren. Als ihm dies zu Ohren kam, bat er die Dorfleute inständig: „Brüder! Bitte gebt euren schlechten Lebenswandel auf und lasst das Stehlen sein! Das ist ein verderblicher Weg, der kein gutes Ende nehmen wird!“
Demutsvoll standen sie vor dem großen Meister – um ihm dann unverhohlen einzugestehen: „Großer Meister, wir wissen deine Worte zu schätzen und danken dir dafür. Aber wenn wir nicht stehlen, wovon sollen wir dann leben? Wir wissen keinen anderen Weg, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen.“
Ob dieser Sturheit tat der Meister einen tiefen Seufzer, schaute sie durchdringend an und sprach dann schweren Herzens: „Also gut, ihr Diebe und Räuber! Fahrt meinethalben mit euren unseligen Diebereien fort. Doch führt ab sofort genau Buch darüber und legt mir dann die Liste eurer Diebstähle einmal jährlich zur Durchsicht vor!“
Die Dorfbewohner stimmten bereitwillig zu. Doch als die erste Liste fertig war und dem Meister vorgelegt werden sollte, überkam sie großes Unbehagen und sie wurden von schrecklichen Schuldgefühlen heimgesucht. Da setzten sie sich zur Beratung zusammen und besprachen die Angelegenheit.
Schließlich kamen sie zu dem logischen Schluss, dass sie nie wieder von so furchtbaren Schuld- und Schamgefühlen geplagt werden würden, wenn sie keine Liste mit ihren Diebstählen mehr anfertigen müssten, und dass sie keine Liste mehr einzureichen bräuchten, wenn sie keine Diebstähle mehr begingen...
So gaben sie nach und nach alle ihre Gewohnheit zu stehlen auf. Statt dessen erlernten sie ein ehrliches Handwerk und bestritten damit ihren Lebensunterhalt.
Aus: „Erzählungen von Mystikern und Meistern“ (Sandila Versand, www.sandila.de)
Meister – weise Menschen-Lehrer!
Diese Geschichte zeigt sehr anschaulich, wie der Meister mit unseren Schwächen umgeht. Er stellt zwar klar, dass sie uns nicht weiterbringen und dass es besser ist, sie aufzugeben. Doch dann holt er den Schüler dort ab, wo er gerade steht. Er „widersteht dem Übel“ nicht, indem er ihn verurteilt und kritisiert, sondern akzeptiert die Sachlage, so wie sie ist, und macht daraus den ersten Schritt zur Besserung. „Dein Ausgangspunkt ist immer jetzt!“, sagte schon Kabir. Auf diese Weise verbündet sich der Meister mit dem Schüler gegen seine Fehler – wie es alle guten Lehrer schon immer getan haben. So kommt der Schüler nicht unter Rechtfertigungs-Druck, sondern kann ohne Schuld und Scham das Richtige tun: nämlich auf die Vorschläge des Meisters eingehen und seine eigenen, befreienden Erfahrungen damit machen.
Mit einem ähnlichen Bündnis half einmal der frühere britische Premierminister Winston Churchill einem diebischen Gast aus der Klemme.
Bei einem großen Festbankett bemerkte der Premier, wie einer der Geladenen einen wertvollen silbernen Salzstreuer mitgehen ließ. Da nahm er den dazu gehörigen Pfefferstreuer an sich, stellte sich beiläufig neben den Gast und raunte ihm zu: „Ich fürchte, man hat uns gesehen. Ich glaube, es ist besser, wir stellen die Sachen wieder zurück!“

