Geboren aus Maria, der Jungfrau?
Spirituelle Kernfragen, meisterhaft erhellt
VORGESTELLT. Soami Divyanand, geboren 1932, der im Folgenden ein nach wie vor umstrittenes Thema durchleuchtet, lehrt seit mehr als 30 Jahren den Yoga der Seele – den inneren Pfad derselben göttlichen Licht- und Klang-Erfahrungen, die auch in der Bibel bezeugt sind. Mit diesem spirituellen Schlüssel enträtselte er unter anderem bereits die Botschaft der Veden.
VORAUSGESAGT ODER NACHGETRAGEN? Die Sprache der heiligen Schriften ist eine Art Geheimcode, den nur die Menschen verstehen, die den Schlüssel dazu besitzen – nämlich ihre eigene mystische Erfahrung. Für alle anderen, die sie entweder mit Hilfe ihres Verstandes oder ihrer Fantasie zu begreifen versuchen, erweisen sie sich als irreführend. Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist die vermeintliche Jungfräulichkeit Mariens, die Jesus als virgo intacta, also im Zustand körperlicher Unberührtheit, empfangen und geboren haben soll.
Das Dogma der jungfräulichen Empfängnis und Geburt hat seinen Ursprung in einer kurzen Episode zu Anfang des Matthäus- Evangeliums. Dort steht nichts von der Verkündigung des Engels Gabriel an Maria, die wir aus dem Lukas-Evangelium kennen. Matthäus schildert lediglich, wie der Engel des Herrn Josef im Traum erscheint und ihn von der bereits erfolgten Empfängnis in Kenntnis setzt: „...was in (deiner Frau) gezeugt ist, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben...“ (Mt 1,20). Matthäus setzt erklärend hinzu: „Dies alles aber ist geschehen, damit das Wort des Herrn in Erfüllung gehe, das er durch den Propheten gesprochen hat: ‚Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und man wird ihm den Namen Immanuel geben’, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“ (Mt 1,22-23)
IRRTUM ODER IRREFÜHRUNG? Unabhängige Theologen haben argumentiert, die Vorstellung von der jungfräulichen Empfängnis Mariens gründe auf einer Fehl-Interpretation des Matthäus. Er untermauert seinen Bericht mit einer Prophezeiung Jesajas, der die Geburt eines großen Befreiers namens Immanuel verheißt: „Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Seht, das junge Mädchen wird empfangen und einen Sohn gebären und seinen Namen Immanuel nennen“ (Jes 7,14).
Hier offenbaren sich schon auf den ersten Blick zwei Fehlerquellen. Als Erstes fällt auf, dass der Name dieses Sohnes mit Immanuel und nicht mit Jesus angegeben wird. Es grenzt daher geradezu an Willkür, diese Prophezeiung auf Jesus zu beziehen.
Zweitens verzerrt der Evangelist auch die Sprache der Prophezeiung, die er zur Erklärung heranzieht. Jesaja benutzt im Hebräischen nämlich nicht das Wort bethula, das eindeutig eine Jungfrau im physischen Sinne bezeichnet, sondern den viel allgemeineren Begriff al-mah, der lediglich so viel bedeutet wie „Frau im heiratsfähigen Alter“.
Ob der Verfasser des Matthäus-Evangeliums den Propheten absichtlich missverstand oder nicht – auf jeden Fall diente diese Fehldeutung seinen Zwecken, denn er legt großen Nachdruck auf den Aspekt des Wunderbaren in Jesu Leben. Natürlich hält auch die katholische Kirche unnachgiebig an Jesu wunderbarer Empfängnis fest. Schließlich ist es nur „logisch“, dass jemand, der die Welt auf übernatürliche Weise verließ, sie auch nur auf übernatürliche Weise betreten konnte.
Darüber hinaus hat die Kirche niemals Jesu positive Haltung zum menschlichen Körper als Tempel Gottes übernommen, sondern den unheilvollen Widerstreit von Geist und Fleisch, den Paulus lehrte. Paulus betrachtete den Körper und die menschliche Existenz darin als „verweslich“ und verderblich und die Frau als Quelle dieser Verderbtheit.
ERHELLENDE SCHRIFTEN-PARALLELEN. Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu wissen, dass die Idee der Jungfräulichkeit auch in den Veden zu finden ist – hier jedoch, ohne Frauenhass und Leibfeindlichkeit heraufzubeschwören. Vielmehr vermitteln die Veden eine rein spirituelle Botschaft, die in vollem Einklang mit dem Johannes-Evangelium steht. Dieses gibt Jesu Empfängnis und Geburt mit ausschließlich spirituellen Begriffen wieder: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Jh 1,14).
Im Rig Veda gibt es einen Vers (1-95-2), der die Seele beschreibt, die glücklich im Innern des Körpers ruht. In diesem Vers wird für die Seele das Wort juti gebraucht. Es bedeutet „Jungfrau“ und schildert eine Seele im Zustand der mystischen „Abgeschiedenheit“, die sich an den inneren Offenbarungen Gottes erfreut und daher nicht an die äußere Welt gebunden ist.
Ein anderer Vers verwendet denselben Ausdruck juti für die göttlichen Erscheinungsformen, die sich in diesem Zustand der Seele offenbaren: „Untrennbar mit Gott verbunden, hebt juti den Zyklus von Leben und Tod auf“ (Rig Veda 1-113-7). Juti ist hier mit dem Wort Gottes der Bibel gleichzusetzen, das sich im göttlichen Licht offenbart: „Im Anfang war das Wort, und ... in ihm war ... das Licht“ (Jh 1,1; 4). Dieses Licht reinigt die Seele von weltlichen Eindrücken und befreit sie so vom Kreislauf der Wiedergeburten oder, wie es bei Johannes heißt: Es gibt allen Seelen, die es in sich aufnehmen, „Macht, Kinder Gottes zu werden“ (vgl. Jh 1,12) und so ihre ursprüngliche Gottesebenbildlichkeit wiederzuerlangen.
DIE ODER DER JUNGFRAU? In Rig Veda 1-161-5 werden diese Manifestationen als Leben spendend für die Seele bezeichnet. Die Seele wird hier kanja genannt: die männliche Entsprechung zu juti. Rig Veda 1-122-3 definiert die göttlichen Manifestationen als juvam – wieder eine männliche Variante der Jungfräulichkeit. Von ihr heißt es, dass sie von Gott ausgeht und die Seele wieder mit ihm vereint.
In diesem spirituellen Zusammenhang ist mit Jungfräulichkeit stets die göttliche Kraft gemeint, die so rein und frei von Materie ist wie Gott selbst. Dabei kann der Begriff zweierlei umfassen: zum Einen bezeichnet er die Kraft, die von der Seele empfangen wird bzw. in sie „eintritt“ – so wie der Offenbarungs-Engel bei Maria (vgl. Lk 1,28). Zugleich wird der Begriff aber auch für die Seele selbst gebraucht, die diese Kraft empfängt. Damit wird unmissverständlich bezeugt, dass jeder, der diese Gotteskraft empfängt, eines Wesens mit ihr wird und alle ihre Eigenschaften zum Ausdruck bringt. Der Gebrauch der männlichen wie auch der weiblichen Form des Begriffs „Jungfräulichkeit“ in den Veden zeigt, dass Reinheit in diesem Sinne überhaupt nichts mit dem Geschlecht oder mit dem menschlichen Körper zu tun hat, sondern nur mit der Seele als reinem Geist.
Verglichen mit Matthäus oder Lukas stellt Johannes die Geburt Jesu also in spiritueller Reinkultur dar. Seine Wiedergabe konzentriert sich auf die einzig wichtige Tatsache, nämlich auf die Offenbarung der göttlichen Kraft, des logos, in dem menschlichen Pol Jesus. Den äußeren Umständen um Jesu Geburt misst Johannes offensichtlich keinerlei Bedeutung zu und entzieht mit seiner Darstellung allen diesbezüglichen Spekulationen von vornherein den Boden.
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