Gibt es verschiedene Arten von Meistern?
Schüler-Fragen, meisterhaft geklärt
Sind Avatare auch Meister des spirituellen Pfades?
Nein. Der spirituelle Pfad hat immer das Ziel der Gott-Erkenntnis. Meister des spirituellen Pfades haben den Auftrag, die Seelen wieder mit Gott zu vereinen. Avatare werden auch manchmal Meister genannt, sind aber soziale Reformer. Ihre Aufgabe ist es, die Menschen zu einem ethischen Leben anzuspornen.
Kann ein Meister des spirituellen Pfades auch ein Avatar sein – neben seiner Aufgabe, die Seelen mit Gott zu vereinen?
Ein Meister des Pfades kann gleichzeitig ein sozialer Reformer sein, aber seine ganze Liebe gilt Gott, und selbst wenn er sich für die soziale Erneuerung einsetzt, verfolgt er auch damit immer das Ziel, die Seelen mit Gott zu vereinen.
Dann gibt es also verschiedene Kategorien von Meistern?
Ja. Die Meister des spirituellen Pfades können uns zu den höheren Ebenen führen – Avatare nicht, weil sie nicht von diesen Ebenen sind.
Von welcher Ebene kommen denn die Meister des Pfades?
Die Meister des Pfades sind Meister höchster Ordnung. Als so genannte vollendete Meister sind sie nur in diesem Körper, um auf der Erde zu wirken und ihren göttlichen Auftrag zu erfüllen. Sie kommen von der fünften spirituellen Ebene.
Die Meister höchster Ordnung teilen das Universum in eine Stufenfolge von fünf Schöpfungs-Ebenen ein, denen jeweils ein zunehmend spirituelleres Mischungsverhältnis von Geist und Materie entspricht. Am unteren Ende der Skala befindet sich die physische Ebene (Pind), am oberen Ende die rein geistige Ebene (Sat Lok). Alle Yogis, ja selbst die Avatare (Inkarnationen) können nicht weiter als bis zur dritten Ebene (Brahmand) gelangen. Die dritte Ebene wird daher von diesen Lehrern als die höchste betrachtet. Dieser Bereich untersteht jedoch immer noch der Macht der negativen Kraft, die das Rad der Wiedergeburt am Laufen hält. Darum kann es auf dieser Ebene noch keine Erlösung von der Wiedergeburt für die Seelen geben. Nur der zu diesem Zweck von Gott gesandte Meister ist selbst ein befreites Wesen und kann daher auch anderen die Erlösung geben.
Dann arbeiten Avatare also nicht nach dem Willen Gottes, sondern für die negative Kraft?
Gott wirkt zugleich als positive und als negative Kraft. Die positive Kraft wirkt durch die vollendeten Meister, deren Aufgabe es ist, die Seelen auf dem Weg zurück zu Gott zu führen. Die negative Kraft wirkt durch Avatare, durch das Gemüt und andere Mittler. Ihre Aufgabe ist es, die Welt in Gang zu halten.
Wenn sich jedoch ein vollendeter Meister auch für Reformen einsetzt (wie zum Beispiel die soziale Einbindung der so genannten Unberührbaren in Indien), sich aber vorrangig darum kümmert, die ihm anvertrauten Seelen mit Gott zu vereinen, so arbeitet er nicht für die negative Kraft, auch wenn es vielleicht nach außen hin so scheinen mag.
Wenn die spirituellen Meister manchmal auf diese Weise tätig sind, dann sind sie sogar noch barmherziger als spirituelle Meister, die sich ausschließlich um das Seelenheil ihrer Schüler kümmern, weil sie es ihnen dadurch leichter machen, die Spiritualität zu akzeptieren.
Kann es auch Meister geben, die beides zugleich sind: Meister des Pfades und Avatare?
Manchmal sind Meister in der Welt, die diese beiden Aufgaben in sich vereinigen. Das gilt zum Beispiel auch für Guru Gobind Singh, den zehnten Guru der Sikhs. Er war sowohl der vollendete Meister als auch der Avatar seiner Zeit. (Vgl. dazu den Beitrag „Ehrliche Diebe“ in VISIONEN, September 2010, der auch eine spirituelle Geschichte über diesen Meister enthält.)
Warum folgen die Menschen Avataren oder Meistern, die nicht vollendet und von Gott beauftragt sind?
Die Entscheidung, sich einem bestimmten Meister anzuschließen oder nicht, liegt nicht bei der Seele. Denn die Seele wird auf Grund ihrer früheren karmischen Handlungen mit einem Meister verbunden.
Kann jemand auch auf dem spirituellen Pfad fortschreiten, wenn er von einem nicht vollendeten Meister initiiert wurde?
Wenn jemand auf den Pfad der Spiritualität initiiert wurde, aber nicht vom vollendeten Meister, dann kann er nur bis zu derselben Stufe fortschreiten, die sein Meister erlangt hat. So gibt es zum Beispiel Lehrer des spirituellen Pfades, die nur bis zur dritten Ebene führen können. Anschließend wird der Schüler durch innere Führung dem lebenden vollendeten Meister übergeben oder von seinem Lehrer an den vollendeten Meister weiter verwiesen. Dieser nimmt die Seele dann so an, als wäre sie von ihm selbst initiiert.
Wenn ein Initiierter weiß, dass sein Meister nicht vollendet ist, sollte er dann selbst nach dem vollendeten Meister suchen?
Man kann den vollendeten Meister nicht suchen, denn dabei verlässt man sich auf seine eigene Intelligenz und läuft Gefahr, sich erneut zu irren. Wenn jemand sicher ist, dass er nicht vom vollendeten Meister initiiert wurde, kann er deshalb nur zu Gott beten, zu einem solchen Meister geführt zu werden.
Was ist der Unterschied zwischen einem Heiligen und einem Meister-Heiligen?
Wenn jemand die spirituelle Reise zu Gott bis zum Ende zurückgelegt hat, wird er ein Heiliger genannt. Der Meister-Heilige ist ein Heiliger, der von Gott in die Welt zurückgeschickt wird, um Seine Arbeit zu tun. Er wird also von Gott auserwählt und erfährt dies im Innern. Die Initiation auf den Gottespfad kann nur der geben, der dazu von oben beauftragt ist, und niemand anders.
Der Meister-Heilige oder vollendete Meister ist ein bewusster Mitarbeiter am göttlichen Plan, denn „Gott tut nichts, es sei denn durch seine Knechte, die Propheten“ (vgl. Amos 3,1). Ähnlich sagte Guru Nanak: „Nicht ich wirke, sondern Gott wirkt durch mich“, und von Jesus Christus kennen wir den Satz:: „Ich und der Vater sind eins“ – der Vater wirkt durch den Sohn.
Haben andere Menschen dann keinen Vorteil von der Gegenwart der Heiligen?
Doch, die Heiligen beeinflussen andere durch ihre Ausstrahlung, auch wenn sie selbst keine Initiationen erteilen. Die Menschen verspüren dann das Verlangen, ebenfalls den spirituellen Pfad aufzunehmen.
Kann ein vollendeter Meister wieder in die Welt kommen, nachdem er den physischen Körper verlassen hat?
Der vollendete Meister ist Menschensohn und Gottessohn zugleich. Der Menschensohn, verkörpert sich nie wieder in der Welt, aber die Kraft, die durch ihn wirkt, offenbart sich nach ihm wieder durch einen neuen menschlichen Pol. (Vgl. dazu den Beitrag „Wer kam nach Jesus?“, VISIONEN, August 2010 .)
Gibt es viele Meister-Heilige in der Welt?
Nicht viele, aber manchmal gibt es mehr als einen gleichzeitig.
Gab es auch Zeiten, in denen es nur Heilige gab und keinen Meister-Heiligen?
Nein. Die Welt ist niemals ohne einen Meister-Heiligen oder Gottmenschen – ob wir von ihm wissen oder nicht.
Und hatten diese Meister-Heiligen immer denselben Auftrag von Gott?
Ja, alle von ihnen hatten ausnahmslos denselben Auftrag – vom Beginn des Universums bis auf den heutigen Tag, ohne die geringste Abweichung. Und das wird auch in Zukunft so sein. Auch ihre Lehren vermitteln ein und dieselbe Botschaft, selbst wenn ihre Ausdrucksweisen sich voneinander unterscheiden.
Wirken die Meister-Heiligen immer auf ein und dieselbe Weise?
Oder ändert sie sich im Lauf der Zeit? In dieser Hinsicht gibt es Unterschiede entsprechend dem geistigen Klima ihrer Zeit und anderen äußeren Bedingungen. Die Meister- Heiligen heben zum Beispiel immer die Aspekte der spirituellen Lehre besonders hervor, die bei ihren Zeitgenossen in Vergessenheit geraten sind. So betonte Jesus zum Beispiel die Nächstenliebe und die göttliche Barmherzigkeit, da die etablierten jüdischen Glaubensrichtungen seiner Zeit die unerbittliche Gerechtigkeit Gottes zu sehr in den Vordergrund rückten.
Auch hat jeder Meister-Heilige sein eigenes Temperament und seine eigene Art zu lehren. So setzte mein Meister Sant Kirpal Singh seinen Schülern den Pfad gern in allen Einzelheiten auf der Verstandes- Ebene auseinander, während sein eigener Meister Baba Sawan Singh keine langen Diskussionen liebte und die Lehr-Inhalte lieber kurz und bündig erklärte.
Die Fragen beantwortete Soami Divyanand. www.dsf.org

