Licht „essen“

Licht „essen“

1. Meditieren – ein Festmahl für die Seele

„Jedes Element des Menschen braucht seine spezifische Nahrung: Der Körper braucht physische Nahrung, der Intellekt nährt sich vom logischen Denken, und die Seele wird nur durch göttliche Offenbarungen gestärkt.“ Dabei kommt dem feurigen göttlichen Licht eine Schlüsselrolle als spirituelle „Grund- und Aufbaukost“ zu.

Gott als Seelenspeise

Im Rig Veda steht geschrieben: „Wir verzehren alle Formen der göttlichen Offenbarungen“ (1- 40-6). Alle göttlichen Offenbarungsformen sind also Nahrung für unsere Seele. Sie umfassen vier Kategorien: das göttliche Licht, den göttlichen Klang, das göttliche Wort oder soma, den reinen Bewusstseinsstrom Gottes, und den „Heiligen“ oder Gottessohn. Von ihm heißt es ebenfalls: „Er ‚isst’ Gott“ (1-33-9). Nach dem Prinzip, dass der Mensch „ist, was er isst“, stellt er somit selbst „eine Verkörperung der Kraft Gottes“ und ihrer Offenbarungsformen dar (vgl. 1-40-7) und kann sie auch anderen offenbaren. Auch von ihm gilt daher, dass er „Nahrung für uns“ ist (vgl. 1-40- 7). In diesem Sinne konnte Christus von sich sagen: „Ich bin das Brot des Lebens“ (vgl. Jh 6,35), wobei er nicht seine vergängliche irdische Gestalt meinte, sondern seinen unvergänglichen spirituellen „Gehalt“.

Als spirituelle Speise unserer Seele erfüllen die göttlichen Offenbarungen – allen voran die des Lichts – im Prinzip die gleichen Funktionen wie die physische Nahrung für unseren Körper, von denen wir im Folgenden die ersten drei näher betrachten wollen:

  • Sie versorgen uns mit allem, was wir zu unserem Wohlergehen und Gedeihen brauchen.
  • Sie bringen uns Freude und Genuss.
  • Sie sättigen uns, indem sie unsere Wünsche und Bedürfnisse befriedigen, und stillen unser Verlangen nach Trost, Schutz und Geborgenheit.
  • Sie geben uns Kraft für unsere alltäglichen Anforderungen.
  • Sie reinigen uns von Schlacken- und „Fremdstoffen“, die sich in uns angesammelt haben.
  • Sie machen uns immun gegen schädliche Einflüsse von außen.
  • Sie machen uns so „groß und stark“ wie „Vater und Mutter“ Gott (vgl. 1-31-4 und 1-31-2), indem sie uns zu seinem Ebenbild formen.
Ein Spirituelles Grundnahrungsmittel

Das göttliche Licht wirkt in zweifacher Hinsicht als „Grundnahrungsmittel“ der Seele:

Das innere Licht ist für die Seele so „schmackhaft“ wie die feinsten Speisen für den Gaumen

Erstens steht es grundsätzlich allen Menschen offen: „Das göttliche Licht ist keines Menschen Vorrecht“ (1-27-8). Es wird allen hungrigen Seelen gegeben, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit. Für Mitglieder verschiedener Religionen unterscheidet sich diese „Speise“ in keiner Weise, auch wenn ihre heiligen Schriften sie mit verschiedenen Begriffen umschreiben. Alle Religionen haben gleichermaßen Anteil an dieser Gabe Gottes, weshalb sich keine von ihnen einer anderen überlegen fühlen dürfte. Gleichwohl gibt es nur wenige Menschen, die diese Gabe wünschen. Erst wenn die Seele eines Suchers große Sehnsucht nach Gott entwickelt hat, wird sie an den Ort der inneren Offenbarungen und zur wahren geistigen Anbetung geführt.

Zweitens ist das göttliche Licht die erste göttliche Offenbarung, die sich in zwölf Erscheinungsformen in der Meditation enthüllt, darunter in der Farbe des Feuers.

Weg-Zehrung der Seele

Dieses feurige Licht (agni) kann man geradezu als die „Weg-Zehrung“ der Seele bezeichnen, da es sie auf jeder Etappen ihrer Reise zu Gott mit allem versorgt, was sie gerade braucht. Deshalb steht es hier vorrangig und stellvertretend für die nährende Kraft aller anderen göttlichen Offenbarungsarten und -formen. Als spirituellem „Grundnahrungsmittel“ kommt ihm in dreifacher Hinsicht eine Schlüsselrolle zu:

  • Es eröffnet uns den Zugang nach innen: „Das ewige feurige Licht offenbart sich von selbst in der engen Pforte“ (vgl. 1-26-1; 1-31-3; vgl. Mt 7,13), das heißt am Dritten Auge.
  • Es erleichtert uns den Einstieg in die Meditation: Wenn unser Bewusstsein nach innen gezogen wird, wir aber dort nur Dunkelheit erfahren, können wir dort nicht verweilen. Auch fürchten wir uns vor den ungewohnten Erfahrungen des Jenseits. Aus diesem Grunde erfreuen wir uns zunächst an der Vision des feurigen Lichts. Es löst uns von der Außenwelt, indem es uns „wie ein Tuch von allen Seiten einhüllt“ (vgl. 1-26-1), so dass wir keinen anderen Gedanken mehr fassen und uns ungestört darin vertiefen können.
  • Es „erleuchtet uns in der Meditation“ (vgl. 1-27-1) und „leitet uns auf dem rechten Pfad“ (vgl. 1-31-14): Es „leuchtet“ der Seele buchstäblich „heim“ wie eine Lampe einem einsamen Wanderer in der Nacht, damit er sieht, wohin er geht. Zu diesem Zweck verbindet es uns im Verlaufe unseres Weges mit allen weiteren nötigen Offenbarungsformen, zunächst mit anderen des Lichts: So können wir zum Beispiel im so genannten „göttlichen Tageslicht“ Visionen von anziehenden Dingen oder Personen sehen, die für uns eine besondere Bedeutung haben oder uns eine besondere Botschaft vermitteln, wie etwa schöne Landschaften oder frühere Meister.
  • (Bibel-Parallele: vgl. z.B. 2 Mo 13,21: „Jahwe zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie bei Tag und Nacht wandern könnten.“)
Eine köstlicher Genuss

„Das göttliche Licht ist das beseligende Mittel zur Vereinigung zwischen Seele und Gott“ (vgl. 1-31-15). Das Prinzip der Gotteskraft besteht darin, die Seele so zu erfreuen, dass sie sich allmählich von den Sinnesfreuden abkehrt und den Freuden des Geistes zuwendet. Göttliche Manifestationen sind für die Seele so „schmackhaft“ wie die feinsten Speisen für den Gaumen. Hat sie erst einmal davon gekostet, fühlt sie sich davon unwiderstehlich angezogen und möchte sie nicht mehr missen. Darum wird sie in der Meditation mit so unvergleichlicher Freude gesegnet, dass sie ihnen gerne folgt – allen voran dem Licht, das sie zusammen mit anderen Manifestationen schließlich zu Gott zurückführt.

(Bibel-Parallele: vgl. z.B. 2 Mo 16,14-15 bzw. 16,31: „Am Morgen lag auf dem Boden der Wüste (d.i. nach spirituellem Sprachgebrauch die Abgeschiedenheit der Meditation; Anm. d.Red.) etwas Feines, wie Reif auf der Erde. Da sprach Mose zu ihnen: ‚Das ist das Brot, das Jahwe euch zu essen gibt.’“ – „Das Haus Israel nannte es Manna. Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen.“)

Eine sättigende Speise

Das feurige Licht sättigt mit der ihm innewohnenden bewussten Kraft jede Seele entsprechend ihren individuellen Bedürfnissen.

  • Es gibt uns Halt und Trost: „Das feurige Licht beschützt uns mit seiner göttlichen Kraft und ist für uns eine wunderbare Zuflucht. Es führt uns, um uns stark zu machen“ (1-36-18). Jeder Mensch ist von Zeit zu Zeit dringend auf Zuflucht angewiesen. Aber weder Menschen noch Dinge können uns vollkommenen Schutz bieten. Als kurzlebige Täuschung des Gemüts kann die vermeintliche Geborgenheit sogar zu einer karmischen Falle werden. Die einzig wahre Zuflucht ist im Geist zu suchen, der weder dem Gesetz von Ursache und Wirkung noch den Gesetzen von Raum und Zeit unterworfen ist.
  • Es stillt unser Verlangen nach weltlichem Erfolg: „In der Meditation belohnt uns das göttliche Licht mit Reichtum, an dem wir uns erfreuen können. Das wundervolle feurige Licht macht uns vollkommen im Handeln“ (vgl. 1-31-8). „Yoga (d.h. Meditation) ist Vollkommenheit in Weisheit und Handeln“, heißt es in der Bhagavad Gita. Die Verbindung mit dem feurigen Licht Gottes führt zu verstärkter Konzentrationsfähigkeit, so dass wir unseren irdischen Pflichten besser nachkommen können. Das erfüllt uns mit innerer Zufriedenheit, die es uns wiederum leichter macht, die sättigende Seelennahrung höherer Offenbarungen zu empfangen.
  • Es überhäuft uns in Verbindung mit dem göttlichen Tageslicht mit den „Schätzen des Himmels“ (vgl. Mt 6,19), bis wir jeglichen „Hunger“ nach der Welt verlieren: „Das göttliche Licht, das nicht anders ist als Gott, schenkt uns spirituellen Reichtum im Innern“ (vgl. 1- 27-5). „Von spirituellem Reichtum erfüllt, wirkt das mächtige feurige Licht zu unserem Wohl. (Freundlich) wie ein Vater befreit es uns durch die göttlichen Manifestationen von allen Bindungen. Wer von dir geführt wird, ist keinen weiteren Reinkarnationen unterworfen“ (vgl. 1-31-4). Beim Anblick des schönen göttlichen Lichts und seiner zahllosen Visionen, die an Herrlichkeit alles übertreffen, was sie bisher auf Erden erfahren hat, wird die Seele angefüllt mit diesem Reichtum und damit wunschlos. Wunschlosigkeit aber bedeutet Loslösung von allen irdischen Fesseln und somit Befreiung vom Rad der Wiedergeburt.

So erkennt die Seele mit wachsender Sättigung durch die innere Nahrung schließlich in den göttlichen Offenbarungen ihren eigentlichen Lebensquell, den sie braucht wie der Fisch das Wasser: „Du, göttliches Licht, bist der Erhalter unseres Lebens, und wir bedürfen deiner“ (vgl. 1-31-10).

(Bibel-Parallele: vgl. z.B. 2 Mo 16,17 bzw. 16,35: “Die Israeliten lasen (das Brot) auf, der eine viel, der andere wenig. Als sie aber nachmaßen, hatte der eine, der viel gesammelt hatte, keinen Überfluss, und der wenig gesammelt hatte, keinen Mangel. Jeder hatte nach seinem Bedarf aufgelesen.“ – „Die Israeliten aßen das Manna vierzig Jahre lang, bis sie die Grenze des Gelobten Landes erreichten.“)

Schluss im August-Heft

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