Mystisch oder prophetisch?
Warum alle Religionen immer beides sind
Sie haben sich im Rahmen Ihrer interreligiösen Arbeit eingehend mit den Offenbarungsschriften der großen Religionen und ihren Verehrungsformen befasst. Die drei semitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam werden zur Unterscheidung von den „mystischen“ östlichen Religionen auch als „prophetische“ oder „prophetisch geprägte“ Religionen bezeichnet. Der Grund: in ihrem Zentrum stehen Persönlichkeiten, die eine Heilsbotschaft von Gott empfangen haben und sie nun anderen Menschen überbringen. Was halten Sie von dieser Einteilung?
Alle Religionen sind prophetisch geprägt – nicht nur Judentum, Christentum und Islam. Denn ohne das Wirken gottverwirklichter Persönlichkeiten wüsste die Menschheit überhaupt nichts von Gott und infolge dessen auch nichts von Religion – ob man sie nun Propheten oder Gesandte, Gottessöhne oder Gottmenschen, Erleuchtete, Heilige oder Meister nennt.
Die göttlichen Botschaften, die von den Propheten überbracht werden, bestehen nicht nur aus Lehrreden, sondern im Wesentlichen aus konkret erfahrbaren inneren Offenbarungen von Gott. Religion ist daher keine Theorie, die man aus Bü chern entnehmen könnte, sondern ein praktischer, innerer Pfad. Sie ist der ewige Weg, auf dem die Seele zu Gott zurückkehrt, und dieser Weg hängt von der Hilfe und Leitung durch einen lebenden Meister oder Propheten ab. Um ihn aufzunehmen, bedarf es zu allen Zeiten der Initiation durch einen gottverwirklichten Menschen, der ihn selbst bis zum Ziel zurückgelegt hat und anschließend andere Seelen zum selben Ziel führt. Daraus folgt: Jede Form von Religion ist prophe tisch.
Die heiligen Schriften können als Aufzeichnungen göttlichen Offenbarungswissens immer nur Zeugnis von früheren Propheten und ihren Lehren ablegen, sie können deren unmittelbare Hil fe und Führung jedoch niemals ersetzen. Umgekehrt können wir diese heiligen Schriften nicht einmal ihrem metaphysischen Sinn nach verstehen, solan ge wir nicht unter der Führung eines Propheten die gleichen eigenen in neren Erfahrungen haben.
Ich habe in meiner Übersetzung und Kommentierung der Veden (Vedamrit und Rigveda) ge zeigt, dass jeder Vers dieser ältesten religiösen Schrift Indiens die Be schreibung innerer Offenbarungen enthält – so, wie sie die religiösen Lehrer, von denen die Veden verfasst wurden (rishis), selbst im Innern erfahren haben. Genauso beschreibt Buddha seine persönliche Erfahrung von Gott im Innern und lehrt sie seine Schüler, die unter seiner Anleitung denselben Weg der Er lösung gehen.
Religionen wie der Buddhismus oder der Islam, in denen die Lehre oder „das Buch“ im Vordergrund steht, sind nicht weniger prophetisch als andere.
Denn auch wo Buddha augenscheinlich nicht ausdrücklich von „Gott“ spricht, zeigt eine genaue Betrachtung der buddhistischen Schriften, dass er eindeutig die göttlichen Eigenschaften schildert, die alle „Erleuchteten“ auf dem Offenbarungsweg erfahren haben und übereinstimmend beschreiben.
Da Religion also erstens ein Erfahrungsweg ist und zweitens diese Erfahrungen nur unter Anleitung eines Menschen zu empfangen sind, der sie aus eigenem Erleben kennt, ist Religion zwangsläufig immer mystisch und prophetisch zugleich – ob im Osten oder Westen. Denn die Aufgabe der Propheten richtet sich ja ausschließlich auf das Ziel der Vereinigung der Seele mit Gott. Wenn irgendein Christ, Hindu oder Muslim annimmt, nur die Religionen des Ostens seien vorwiegend mystischer Natur, so stellt er damit seiner eigenen Religion das größte Armutszeugnis aus und spricht ihr den we sentlichen Sinn jeder Religion ab.
Nun ist aber gerade Buddha nicht als Prophet aufgetreten, sondern hat sich im Gegenteil selbst sehr stark in den Hintergrund gerückt. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?
Diese Tatsache bedeutet nicht, dass er für seine Schüler nicht die Rolle des erleuchteten Meisters und Führers inne hatte, sondern nur, dass er der Gefahr der Vergötzung seiner Person und damit der Abwen dung von Gott entgegenwirken wollte. Darum sind auch die Religionen, de ren Meister oder Propheten ihre eigene Göttlichkeit oder Gottgesandtheit nicht so sehr betonen, nicht weniger prophetisch als andere.
Eine ähnliche Verhaltensweise wie Buddha zeigte auch Mohammed: Obwohl er selbst Prophet war und der Islam zu den prophetischen Religionen gezählt wird, widersetzte er sich energisch allen Versuchen, ihn auch nur als Übermenschen, geschweige denn als Gottessohn, zu betrachten. Er bezeichnete sich immer nur als Warner und als jemand, der auszuspre chen hatte, was Gott ihm offenbarte. Die Offenbarung selbst, so betonte er, sei das Entscheidende. Deshalb ist im Koran auch niemals von den An hängern des Propheten, sondern vom „Volk des Buches“ die Rede, also von den Anhängern der Offenbarung Gottes.
Mohammeds Gründe, die Botschaft beziehungsweise die Of fenbarung Gottes mehr als den Propheten zu betonen, sind ähnlich gelagert wie bei Buddha. Zum Einen wandte er sich damit gegen die im Christentum entstandene Verfälschung von Jesu Lehre. Jesus selbst hatte ebenfalls Gottes Erfahrungen in das Zentrum seiner Lehre gestellt, dabei jedoch freimütig von seiner eigenen zentralen Führungsrolle gesprochen. Allerdings hatte das Christentum zu Mohammeds Zeit die Bedeutung der Offenbarungen be reits völlig vergessen – statt dessen propagierte sie nun die Anbetung Jesu Christi als alleinigen Gott und seinen Tod als einziges Mittel zur Erlösung. Damit sich dieser Fehler in Bezug auf seine eigene Person nicht wieder holen konnte, lehrte Mohammed, dass allein die Offenbarung entschei dend sei, nicht aber der Gottesbote.
Darüber hinaus predigte er zu Menschen, deren Stammesreligionen in der Anbetung zahlreicher Gottheiten bestanden, und auch dieser Hintergrund veranlasste ihn, den einen universalen Gott und seine Offenbarung in den Vordergrund zu stellen. Wer den Koran aufmerksam liest, findet dennoch klare Hinweise darauf, dass er als lebender Meister oder Prophet seiner Zeit die Führung gewährte, ohne die niemand göttliche Offenbarungen empfangen kann.
Die unterschiedliche Betonung der Prophetenrolle hängt also jeweils von der konkreten individuellen und historischen Situation ab, in der ein Meister wirkt?
Ja. Jeder Meister fin det eine religiöse Umgebung vor, in der ein oder mehrere Aspekte des ewigen spirituellen Pfades vernachlässigt, vergessen oder missverstanden wurden. So lehrt er Gottes Gesetz jeweils auf solche Art, dass diese Miss verständnisse und Fehlentwicklungen in der betreffenden Religion klar gestellt und die ursprüngliche, reine Verkündigung Gottes wieder deut lich wird.
Auch Jesus stellte allein Gott, den himmlischen Vater, in das Zentrum seiner Botschaft. Aus diesem Grunde weist er einige Juden, die sich ihm ehrerbietig nähern, mit den Worten zurück: „Warum nennst du mich gut? Keiner ist gut außer Gott“ (Mt 19,16-17). Im Judentum seiner Zeit herrschte jedoch allgemein die Auffassung vor, Gott habe sich seit dem ersten Tempel Davids nicht mehr unmittelbar manifestiert, und diese unmittelbare Manifestation Gottes sei deshalb weiterhin an die Urväter gebunden – an die alten Propheten von Abraham über Moses bis zu König David. Daher musste Jesus deutlich machen, dass er als lebender Meister „der Weg und die Wahrheit“ (Jh 14,6) sei, also das Mittel, um ins Reich Gottes zu ge langen. Er betonte damit die Bedeutung des lebenden Meisters gegenüber den Propheten der Geschichte, und dasselbe bringen auf die eine oder an dere Weise auch alle anderen Gottmenschen zum Ausdruck.

