Ohne den Verstand verstehen
„Die Seele denkt nicht, sondern schaut“
Wozu haben wir den Verstand?
Warum hat Gott sich überhaupt die Mühe gemacht, diese Welt zu erschaffen, die so voller Elend, Kummer und Schmerzen ist?
Die beste Antwort, die ich Ihnen geben kann, sind die Worte eines alten Weisen: „Frage den, der sie gemacht hat. Ich war nicht dabei, als er sie erschuf.“ Es gibt Dinge, die sich nur der inneren Schau erschließen, nicht aber dem Denken, das lediglich seine Schlussfolgerungen aus äußeren Daten zieht.
Unsere ganze Weisheit, Vernunft und Logik ist lediglich das Ergebnis von Sinneserfahrungen in dieser Welt der Materie, das Ergebnis unserer Wahr nehmungen und Handlungen.
Warum hat uns Gott dann den Verstand gegeben?
Als Werkzeug und zu unserer Orientierung in der physischen Welt – und auch hierzu taugt er nur in begrenztem Maße. Jenseits dieser Welt ver sagt er. Wie könnte er außerhalb seines Erfah rungsbereichs wirken, in einer Sphäre, deren Gesetze und Arbeitsweise er noch nie erforschen konnte?
Schon die Ausbildung unseres Intellekts wird von so vielen äußeren Faktoren bestimmt – wie Lebensbedingungen, Umgebung, Erziehung usf. –, dass die Ergebnisse, die er liefert, sehr unterschiedlich ausfallen. Ein Amerikaner z. B. denkt anders als ein Afrikaner, ein Engländer anders als ein Deutscher. Hinzu kommt, dass un ser Denken unter dem Einfluss unserer Wünsche und Emotionen wie Sinnenlust und Zorn ganz anders funktioniert, als wenn wir ruhig oder voller Fragen sind. Es wechselt je nach Person und Stimmung und wandelt sich mit dem Alter – mit jeder äußeren Veränderung nimmt es andere Formen an. Wenn der Maßstab sich aber ständig ändert, wie können dann seine Messungen – die Ergebnisse des Denkens – zuverlässig sein?
Die Grenzen des Denkens
Aber der menschliche Verstand und die Wissenschaft haben wundervolle Dinge vollbracht. Das will ich gar nicht leugnen – aber nur in ihrem eigenen Bereich. Wissenschaft, Intellekt oder Vernunft können nicht den Anfang oder das Ende der Welt ergründen; sie können auch nicht sagen, wie und wozu sie erschaffen wurde, oder warum es das Böse gibt, und woher es kommt. Wir brauchen andere Flügel als die der kalten Vernunft, wenn wir uns zu den Höhen aufschwingen wollen, wo Gott er kannt wird.
In dieser materiellen Welt und mit diesen physischen Augen können wir nur Materie und materielle Dinge sehen, nicht aber Gott und geistige Din ge. Es ist eine alltägliche Erfahrung, dass unser Verstand manchmal selbst bei der Lösung von Problemen der mate riellen Welt kein guter und verlässlicher Führer ist.
Gott und die Seele – das ist etwas so Subtiles, dass menschliche Weisheit in diesen Fragen restlos versagt.
Ist das Denken nicht eine Funktion der Seele? Nein, es ist die Funktion unseres physischen Gehirns. So wie unser Intellekt jetzt beschaffen ist, kann er nur Dinge richtig einschätzen und verstehen, die uns in dieser Welt der Erscheinungen be gegnen und mit den physi schen Sinne zu erfassen sind. Und auch davon versteht er nicht alles. Er ist zu schwach und begrenzt, um die Dinge jenseits der Sinnenwelt und den Unbegreiflichen Einen zu begreifen. Einzig die Seele kann Gott und seine Handlungen erfassen. Sie schaut und erkennt, ohne zu denken.
Warum der Herr das alles so gemacht hat, kann ich mit Worten nicht sagen. Aber Sie finden alles bestätigt, sobald Sie selbst nach innen gehen.
Bis dahin sind wir wie kleine Kinder, die ihre Mutter fragen: „Mama, wie bin ich auf die Welt gekommen?“ Die Mutter weiß zwar die Antwort, aber kann das Kind sie erfassen? So lächelt sie nur und sagt: „Der Storch hat dich gebracht.“
Die innere Wirklichkeit entdecken
Aber ist das, was man innen sehen kann, nicht alles Halluzination oder eine Art Autosug - gestion – man sieht, was einem erzählt worden ist?
Natürlich, das könnte sein, wenn es sich nur um die Erfah rung von ein oder zwei Personen handeln würde. Aber alle Menschen, die nach innen gegangen sind – obwohl sie verschiedenen Zeitaltern, Ländern und Religionen an gehörten –, haben innen dieselben Dinge geschaut. Die Weisen Persiens und Chinas, die weder die Hindu-Literatur noch das Sanskrit oder eine andere indische Sprache kannten, die niemals einem hinduistischen Meister begegnet wa ren, berichten dieselben inneren Erfahrungen.
Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: Das Sanskrit-Alphabet kennt 48 Buchstaben, und jeder einzelne Buchstabe steht auf einem der 48 Blätter der sechs unteren Chakras geschrieben. Die indischen Rishis haben diese Buchstaben anscheinend direkt von dort übernommen. Aus diesem Grunde wird Sanskrit die „Sprache der Götter“ (Dev Bani) genannt. Dies wird auch von den muslimischen Mystikern bestätigt, die diese Chakras durchquert haben.
Spirituelle Er fahrungen sind genauso wirklich und wahr wie die Gegebenhei ten und Formen dieser äußeren materiellen Welt.
Auch Gott gibt es also wirklich? Wozu brauchen wir ihn überhaupt? Können wir nicht ohne ihn auskommen?
Erstens erklären die Rishis der Veden, die alten griechi schen und römischen Philosophen, die chinesischen Weisen und die vergleichsweise späten Propheten Arabiens und Persiens – alle, die jemals Gott und die Seele mit Hilfe der Wissenschaft des Geistes spirituell erforscht haben übereinstimmend, dass es einen Gott gibt, den Schöpfer und Lenker des Universums.
Gott, Seele, Schöpfung, Karma, Geburt und Tod und das Leben nach dem Tode müs sen wir wie alles Übersinnliche zunächst einmal auf das Zeugnis der Heiligen und Weisen hin glauben. Intellektuelle Haarspaltereien sind dabei nutzlos. Dann muss man all das unmittelbar wahrnehmen, und dazu es gibt einen Weg: Öffne dein inneres Auge, das Auge der Seele. Es existiert und kann geöffnet werden. Alle Heiligen versichern, dass sie den Herrn mit eigenen Augen gesehen haben
Zweitens dürfte selbst dem Einfältigsten klar sein, dass diese ganze wunderbare Schöpfung – Sonne, Mond, die Myriaden von Sternen, Länder, Berge, Meere – nicht von selbst entstanden ist. In dieser Welt von Ursache und Wirkung gibt es keine Wir kung ohne Ursache. Jede Tat hat ihren Urheber. Meinen Sie im Ernst, dass diese wunderbare Werkstatt des Universums, die mit solcher Präzision arbeitet, ohne einen Werk meister ist? Aber Sie können seine ordnende Hand nur sehen, wenn Sie sich den richtigen Führer nehmen und eine Eintrittskarte zu dem Schaltraum haben, in dem er wirkt.
Alle, die das Da sein und Wirken Gottes bezweifeln, haben nur nie am richtigen Ort und auf die richtige Weise nach Gott gesucht.
Die Wissenschaft der Seele studieren
Aber läuft im Universum nicht alles automatisch nach den Naturgesetzen ab?
Und wie und woher haben diese ungeheuren Massen toter Mate rie ihre „Natur“? Wie kamen Sonne und Mond zu ihrer Gestalt?
Betrachten Sie nur den menschlichen Körper. Bewegt er sich etwa von selbst? Nach dem Tode liegt er da und ist genauso beschaffen wie zuvor nur das, was seine Bewegung veranlasst hat, hat ihn verlassen. Und was ist das? Sie sagen: die Lebenskraft. Wer aber bewegt sie? Der Geist. Und wer den Geist? Die Seele. Genau genommen erhält die Seele aber Licht und Leben aus jenem verborgenen Kraftwerk, von jener verbor genen Hand, die alle Dinge in Gang hält, die aber nur den weni gen Sehern sichtbar ist, die das Geheimnis kennen.
Es gibt keine Bewegung in der Welt ohne einen Anstoß. Und aller Anstoß geht von Gott aus. Wenn wir Gott innen schauen, wird er uns in allen Din gen sichtbar, in jedem Blatt, in jedem Atom. Die Heiligen sehen ihn zu allen Zeiten, an allen Orten und in jedem Gegenstand.
Es gibt eine Wissenschaft der Seele, die wir zu diesem Zweck genauso studieren müssen wie alle anderen Wissenschaften. Wir brauchen zwanzig oder dreißig Jahre, um uns mit den gewöhnlichen materiellen Wissenschaften der Welt vertraut zu machen, und das gilt auch nur für einzelne Teilgebiete. Wir können sie niemals vollstän dig meistern. Doch seltsamerweise gibt es immer wieder Leute, die Be - hauptungen über Gott und die Seele aufstellen, ohne sich jemals mit dieser schwierigsten aller Wissenschaften befasst zu haben.
Was unterscheidet diese Wissenschaft von anderen Erkenntniswegen?
Sie wendet sich von außen nach innen und führt in unsere ursprüngliche Heimat zu rück, in der ewiger Frieden und Glückseligkeit herrschen. Die anderen Wege gehen von innen nach außen in die Welt, in der es nichts gibt als Verwirrung, Kummer und Schmerz. Die Hei ligen sagen: „Dein Schöpfer ist in dir. Geh und schaue ihn, während du lebst!“

