Schatzsuche des Herzens
Teil 2: Wie fi ndet man den Schatz?
DEN „PEILSENDER“ AUSRICHTEN. „Sammelt euch Schätze im Himmel“, riet schon Jesus seinen Jüngern (vgl. Mt 6,19), wie alle Meister vor und nach ihm. Auch die Veden bekräftigen an zahllosen Stellen, dass Gott uns mit seinen Schätzen beschenkt und wahrhaft reich macht.
Und wie sammelt man sich diese Schätze? Indem man die natürliche Bindungsoder „Haftkraft“ des Herzens nutzt (vgl. Teil 1, VISIONEN, April 2010) und sie bei jeder Gelegenheit voll auf Gott ausrichtet, bis zwischen ihn und unsere Seele kein einziger Gedanke mehr passt – und zwar nicht nur in der Meditation, sondern auch inmitten ganz normaler Alltagspflichten. Diese innere Haltung nennt man Hingabe. Und wie entwickelt man sie?
Den aller ersten Zugang bieten die Religionen. Kirchen und andere heilige Orte sind Stätten, die wir aufsuchen, um uns eine Weile aus dem Weltgetriebe zurückzuziehen und uns auf Gott zu besinnen. In ihrem Inneren herrscht angenehme Ruhe und gedämpftes Licht; Außenreize dringen nur von fern herein. So kommen wir mit äußeren Mitteln in einen ähnlichen Zustand wie an der Schwelle zur Meditation, am Übergang von der Außen- zur Innenwelt. Wenn die Sinnesreize nachlassen, kommt das Gemüt zur Ruhe und wird empfänglicher für die leisen Wahrnehmungen aus dem Seelenraum. Aber auch der heiligste Tempel nützt uns nichts, wenn wir dort nur körperlich anwesend sind, während unser Herz zur selben Zeit draußen in der Welt umherschweift.
Vertut eure Zeit nicht mit Brunnengraben: hier ein Stückchen, dort ein Stück... So findet ihr nirgends Wasser. Entscheidet euch, was ihr im Leben wirklich wollt.
Dazu gibt es eine Geschichte. Zwei Freun de wollten zusammen den Sonntag verbringen. Doch den einen zog es zum Fußballspielen, den anderen zur Kir che. Keiner wollte nachgeben und mit dem anderen gehen. Also ging der eine auf den Sportplatz und der andere in die Kirche. Was aber taten sie dort jeweils? Der Fußballspieler dachte: „Mein Freund findet jetzt sicher Frieden im Gebet.“ Und der Kirchgänger dachte: „Mein Freund hat jetzt bestimmt viel Spaß beim Fußballspielen.“ Jeder war mit seinen Gedanken bei dem, was wohl der andere gerade tat, und keiner war bei dem, was er sich selber vorgenommen hatte. Was hat das für einen Sinn? Was bringt es, auf dem Betstuhl zu sitzen und nur seinen Spaß im Kopf zu haben? Da ist es schon besser, man genießt sein Leben und denkt dabei an Gott!
ENTSCHLOSSEN DIE SUCHE AUFNEHMEN. Der erste Schritt – vom Fußballplatz in die Kirche – besteht also darin, in der Welt zu leben und Gott regelmäßig in seinem äußeren Haus zu besuchen. Dann aber sollte irgendwann auch der zweite Schritt nachfolgen: Wir müssen uns irgendwann für eine Richtung entscheiden – für Gott oder die Welt. „Niemand kann zwei Herren dienen. Denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben oder dem einen anhangen und den anderen verachten“ (vgl. Mt 6,24). Doch was tun wir normalerweise? Wir tun das eine, ohne von dem anderen zu lassen. So tun wir nichts von beiden richtig und haben am Ende von beidem nichts.
Sich ganz für einen Weg entscheiden bedeutet, sich einer Sache aus vollem Herzen, mit Leib und Seele, Haut und Haaren zu verschreiben und sein ganzes Leben darauf auszurichten. Doch leider lassen wir uns viel zu gerne treiben und halten uns lieber „alle Optionen frei“. Wir wissen nicht so recht, was wir eigentlich wollen. Deshalb dringe ich immer so sehr darauf, dass ihr zu einer verbindlichen Entscheidung kommt: „Was wollt ihr mit eurem Leben anfangen?“ Ihr setzt euch zwar eine Zeitlang für eine Sache ein, doch dann lasst ihr sie wieder fallen und geht zur nächsten über. So verbringt ihr eure Zeit mit dem, was ich „Brunnengraben“ nenne: An einer Stelle grabt ihr einen halben Meter tief, an der nächsten einen Meter, an der dritten eineinhalb – aber nirgendwo stoßt ihr auf Wasser. Entscheidet euch für ein festes Lebensziel.
„DRAN BLEIBEN“ UND DAS ZIEL ERREICHEN. Aus den heiligen Schriften wisst ihr, was alle Meister sagen: Sobald man einmal als Mensch geboren ist, besteht das höchste Lebensziel darin, die verloren gegangene Verbindung mit Gott wieder aufzunehmen. Das ist die Bedeutung des Wortes religio: re heißt „wieder“ und ligio „Bindung“ (vgl. „Legierung“). Eine Bindung führt einen immer dorthin zurück, woran man (fest-) hängt. Warum sonst seid ihr immer noch hier auf der Welt? Weil ihr noch daran hängt und noch keine richtige Bindung an Gott entwickelt habt – sonst wärt ihr nämlich schon längst bei ihm. Macht also euer Herz von allen anderen Gedanken frei.
Wenn eure Hingabe zunimmt, kommt ihr schließlich an einen Punkt, wo ihr euch ein Dasein ohne euren Schatz gar nicht mehr vorstellen könnt – so wie eine Mutter schon bald nicht mehr weiß, wie sie jemals ohne ihr Kind leben konnte.
Stellt euch vor, ihr habt ein paar Monate hintereinander jeden Tag zu einer bestimmten Zeit gebetet oder meditiert. Und eines Tages bleibt euch nicht eine Minute Zeit dazu. Dann werdet ihr innerlich unruhig, und es kommt euch vor, als hättet ihr etwas Wichtiges versäumt. Auf diesem Wege entwickelt sich Hingabe – durch Regelmäßigkeit.
Schneller und leichter geht es, wenn ihr Gelegenheit habt, oft mit jemandem zusammen zu sein, der sein Herz bereits Gott hingegeben hat, mit einem „spirituellen Freund“. Wenn ihr euer Herz ganz Gott schenken wollt, dann sucht und pflegt die Gemeinschaft solcher „Gottesfreunde“. Und falls ihr es dann immer noch an die Welt hängen wollt – bitteschön, ihr habt ja reichlich Gelegenheit dazu…

