Viele Meister – viele Kulte?
Gottes Boten stiften keine Religionen
EINE WAHRHEIT – VIELE AUSDRUCKSFORMEN.
In den Veden steht: „Der Gottessohn ist für die ganze Menschheit da. Er hat nur eine Mission: die Vereinigung der Seelen mit Gott.“ Dies ist nur auf einem einzi gen Wege möglich: auf dem Pfad der Meditation. Er beginnt, wenn der dazu berufene Gottessohn, Gottmensch, Meisterheilige, Gesandte oder Prophet die Seelen, die dafür reif und bereit sind, auf den inneren Weg zu Gott stellt, sie über die Grenzen ihrer äußeren Wahrnehmung hinaus führt und sie im „Jenseits“ der Sinne mit dem göttlichen Licht verbindet, das dort seit jeher in ihnen scheint.
Wer dann diese innere Verbindung regelmäßig pflegt, wird zunehmend von den Schranken seines Verstandes frei und nimmt dafür die Weisheit Gottes in sich auf. So wird er immer bewusster und verschmilzt schließlich wieder mit seinem Ursprung, Gott.
Spiritualität im Sinne von re-ligio, der „Wieder-Verbindung“ der verkörperten Seele mit dem All-einen Gott, ist also eine „Einbahnstraße“, die zuerst nach innen und dann nach oben führt. Doch dieser eine Weg hat viele tau send Ausdrucksformen.
Ein Gottesbote verkündet immer dieselbe Botschaft – ob er nun Christus, Buddha oder Krishna heißt.
Zum Einen ist er genau auf die individuellen Bedürfnisse jeder Seele abgestimmt. Darum erleben keine zwei Schüler den spirituellen Weg haargenau gleich. Wie Passagiere im selben Zug erkennen sie zwar die wichtigsten Etappen der gemeinsamen Route, nehmen ihre Reise im Einzelnen unter Umständen aber ziemlich unterschiedlich wahr – je nachdem, wo sie sitzen, wer sich noch mit ihnen im Abteil befindet, nach welcher Seite sie aus dem Fenster schauen, ob sie sich während der Fahrt noch mit anderen Dingen befassen usf.
Zum Anderen betonen die Gottesboten immer besonders die Aspekte des Gottespfades, die in ihrer Lebenszeit und ihrem kulturellen Umfeld am meisten in Vergessenheit geraten sind oder missverstanden werden, so dass der Eindruck entstehen kann, ihre Lehren seien anders oder umfassender als die ihrer Vorgänger oder sogar völlig neu.
Und schließlich hat auch jeder Meister seinen eigenen Unterweisungsstil – je nach Temperament und Mentalität, kulturellem und gesellschaftlichem Hintergrund. So gab es Meister, die Könige oder Gelehrte waren wie Maulana Rumi oder Meister Eckehart und die Theorie des Pfades auf sehr gebildete Weise vermitteln konnten, während andere von bescheidener Herkunft waren wie Jesus und sich dazu der schlichten Sprache des Volkes bedienten. Das erste, was ich zum Beispiel in meiner Heimat Indien über Jesus hörte, war: „Das war so ein einfacher Hirte aus Palästina, der immerfort nur von seinen verlorenen Schafen gesprochen hat…“ Der spirituelle Weg selbst, den diese Meister praktisch lehrten, war jedoch stets ein und derselbe.
AUGENFÄLLIGE ÜBEREINSTIMMUNGEN.
Wenn wir unter diesem Aspekt Jesus Christus betrachten, dann stellen wir fest, dass er dieselbe göttliche Botschaft lehrte, die schon vor ihm andere Meister ge lehrt hatten. Er selbst sagte ebenfalls von sich, er sei nicht gekommen, eine neue Botschaft zu bringen, son dern um der Welt das urewige göttliche Gesetz zu verkünden (vgl. Mt 5,17). Und aus all dem, was er lehrte, geht tatsächlich hervor, dass er nichts zu sagen hatte, was nicht schon vorher von anderen verkün det worden war.
In den 80er Jahren hieß es in einem Aufsehen erregenden Buch (Jesus lebte in Indien von Holger Kersten), Jesus sei gar nicht am Kreuz gestorben (s. LESETIPP), sondern habe schon vor Beginn seiner Mission und nach seiner Rettung in Indien gelebt. Dort sei er in der Religion des Buddhismus unterwiesen worden, dessen Prinzipien er dann befolgt und gelehrt habe.
Ich selbst konnte im Zuge meiner Veden-Übersetzungen feststellen, dass die Lehren Jesu durchweg mit den Veden in Einklang stehen. Das heißt aber nicht, dass er die Veden oder den Buddhismus gelehrt hätte. Die Veden sind shruti, göttliche Offenbarung, und auch die Lehre Lord Buddhas fußt auf göttlicher Offenbarung, die dieser selbst auf die ihm eigene Weise empfing. Seine Lehre ist deshalb dieselbe wie die Lehre Jesu Christi – daher die augenfälligen Übereinstim mungen.
Die Welt ist nie ohne einen Gottessohn, der seine Mission immer frisch an einen lebenden Nachfolger weitergibt.
NICHTS NEUES UNTER DER SONNE...
Das Neue Testament bezeugt zum Beispiel, dass Jesus Christus 23 Arten von übernatürlichen Kräften be saß: er konnte zum Beispiel Brot vermehren, auf dem Wasser gehen und sich in Licht verwandeln. Außerdem kannte er die Gedanken der Menschen und wusste, was in der Zukunft ge schehen würde, z. B. als er sagte, man könne „diesen Tempel niederreißen, und er werde ihn in drei Tagen wiederaufbauen“ (vgl. Jh 2,19). Er kannte auch die Vergan genheit, denn er verwies bei vielen Gelegenheiten auf Ereignisse, die in den heiligen Schriften erwähnt waren und sich nun genauso erfüllten. Darüber hinaus besaß er die Gabe, zur selben Zeit in verschiedenen Gestalten an verschiedenen Orten zu sein, und viele weitere überna türliche Kräfte.
Diese Fähigkeiten sind nichts Neues, sondern finden sich auch in anderen Schriften beschrieben, und zwar bereits in vedischer Zeit. Im Ashtang Yoga etwa wird sehr detailliert geschildert, wie man diese Art von über natürlichen Kräften erlangt. Jesus Christus stand also in der einen Tradition Gottes – gleich, ob er nun in einer be stimmten äußeren Tradition geschult wur de oder nicht. Was er selbst gelehrt wurde und seinerseits lehrte, entsprang unmittelbar der göttlichen Offenbarung.
Viele Geschehnisse aus der Zeit Jesu Christi erinnern dermaßen stark an Begebenheiten aus dem Leben früherer Meister aus anderen Traditionen, dass man den Eindruck der Wiederholung oder gar Nachahmung gewinnt. So erschien den drei Weisen aus dem Morgen land ein Stern, der ihnen den Ort offenbarte, wo Jesus Christus zur Welt kommen sollte. Dort fanden sie ihn und gaben ihm ihren Segen. Derartiges gibt es auch in der Tra dition des tibetischen Buddhismus.
AUSSEN VERSCHIEDEN – INNEN EINS.
Die Er eignisse im Leben vieler Gottmen schen weisen also starke Ähnlichkeiten mitein ander auf, auch wenn sie, von außen betrachtet, verschiede nen Religionen entstammen. Im Grunde entstammen sie aber nur einer Religion, der Religion Gottes, die in der Rückkehr der Seelen zu Gott besteht.
Die Bibel beschreibt diesen Weg so: „Das Gesetz Gottes ist vollkommen. Es wendet die Seelen nach innen und macht die (Welt-)Klugen weise“ (vgl. Ps 19,7). Genau dieselbe Botschaft hat jeder Gottmensch zu jeder Zeit gelehrt – ob er nun Jesus Christus, Lord Buddha, Lord Krishna oder anders heißt, und unabhängig davon, wo und wann er auf der Welt wirkt(e).
Mein Meister Sant Kirpal Singh sagte immer: „Wo die Philosophien der Welt enden, dort beginnt die Religion.“ Diese Philosophien sind Aussa gen, die uns andere Menschen über ihre Erfahrungen auf dem Pfad der Spiritualität überliefert haben. Dabei bedienten sie sich unterschied licher Ausdrucksweisen. Doch wenn wir uns nach in nen wenden, gelangen wir auf denselben Pfad wie sie und erkennen die grundlegenden Gemeinsamkeiten, die sie miteinander verbinden.
EINE ENDLOSE LICHTERKETTE.
Genau deshalb begründen die Meister auch niemals neue Religionen: Lord Buddha ist nicht der Gründer des Buddhismus, Je sus Christus rief nicht das Christentum ins Leben, und Hazrat Mohammed nicht den Islam. Es wa ren vielmehr andere Leute, die nicht die Fähigkeit besaßen, die Menschen mit Gott zu vereinen, die solche Religionen schufen. Wenn die Meister kommen, führen sie uns daher aus diesen religiösen Sekten heraus, um uns auf die höhere Ebene der Spiritualität zu erheben. Denn vom Standpunkt der Spiritualität aus sind die institutionalisierten Religio nen nichts weiter als Sekten, die sich vom eigentli chen Pfad der Religion abgespal ten haben. So kommt es, dass in der von Paulus begründeten Religion praktisch nichts mehr von dem zu finden ist, was Jesus Christus lehrte. Denn Jesus Christus lehrte stets den inneren Pfad, von dem Paulus nicht die geringste Ahnung hatte. (Vgl. dazu die vierteilige Serie: Paulus erfindet das Christentum in VISIONEN , Juni-September 2009.)
Bei denen, die nicht mehr über die nötige spirituelle Erfah rung verfügen, um andere auf dem Gottespfad zu führen, kommt es immer zu gravierenden Abweichungen. Gottverwirk lichte Seelen hingegen führen die Menschen stets auf demselben Gottespfad. Denn das Gesetz des Herrn ist vollkommen und umfasst nur einen einzigen Weg: sich über das Körperbewusstsein zu erheben und mit Gott zu vereinen, seine Weisheit in sich aufzunehmen und zu be folgen.
Und damit auch wirklich immer „die ganze Menschheit“ Zugang zu diesem Weg hat, ist die Welt nie ohne einen Gottmenschen, der seine Mission in einer ununterbrochenen „Lichterkette“ immer frisch an einen Nachfolger weitergibt, so wie man vor dem Verlöschen einer Kerze mit ihrer Flamme bereits die nächste Kerze anzündet, damit „das Licht der Welt“ (vgl. Jh 9,5) „bis ans Ende der Welt bei uns bleibt“ (vgl. Mt 28,20)…
Lesen Sie dazu auch den Beitrag „Wie frisches Brot. Die geistige Übermittlungslinie spiritueller Lehrer“ in diesem Heft.

