War Jesus ein froher Mensch?
Der Mythos vom ernsten Asketen
Ein Mensch wie Du und Ich?
Im Matthäus-Evangelium (vgl. Mt 11,18-19) geht Jesus auf Vorwürfe ein, die ihn als „Schlemmer und Trinker“ hinstellen. Jesus provo zierte seine Kritiker offenbar dadurch, dass er zuweilen wie ein gewöhnli cher Mensch zu Festen ging, den Freuden der Tafel zusprach und so weiter. Stellt eine solche Lebensweise nicht sein göttliches Wesen in Frage? Oder spricht sie vielmehr für einen Menschen, der eine gesunde Liebe zum Leben hat und die Vergnügungen anderer Menschen teilt, statt sie zu unterdrücken?
Wenn Jesus spricht, bezieht er sich grundsätzlich auf spirituelle Wirklichkeiten und nicht auf materielle Tatsachen. Dabei drückt er spirituelle Sachverhalte oft auf symbolische Weise aus. So zum Beispiel beim Abendmahl (vgl. Mt 26,26; Mk 14,22): Obwohl er dabei tatsächlich Brot in der Hand hielt, bezog er sich damit symbolisch auf die Nahrung für die Seele. Er sagte damit seinen Jüngern, dass sie täglich ihre Seele mit den göttlichen Offenbarungen sättigen sollten, die er in Wahrheit war: der Christus, das Fleisch gewordene Wort, der „Gott gewordene Mensch“ (Meister Eckehart), der sämtliche göttliche Offenbarungsformen (wie Licht und Klang) in sich vereint, um sie auch anderen Menschen zu vermitteln. Um zu betonen, dass seine Jünger die se Nahrung ständig aufnehmen sollten, gebrauchte er den einfachen Ver gleich mit dem täglichen Brot, das wir dem Körper als Nahrung zufüh ren. Wer nichts von den inneren Offenbarungen weiß, neigt dazu, solche Textstellen wortwörtlich zu verstehen und damit ihren Sinn zu verfehlen.
Aussen verbunden – innerlich frei
Da Jesus eins mit Gott eins war, empfand er keinerlei Bindungen weltlicher Art. Er stand über Emp findungen wie sinnlicher Freude, Ärger, Gier, Zorn und dergleichen, und es ist un möglich, dass er in irgendeiner Weise an materiellen Dingen hing. So erklärt er beispielsweise bei Johannes 16,33: „…ich habe die Welt überwunden.“
Gleichzeitig widerspricht es seinem Wesen und seiner Aufgabe keinesfalls, wenn er auf natürliche Weise mit seinen Mitmenschen um ging. Wer stets in Gott ruht, kann überall hingehen, ohne von weltlichen Wünschen beeinflusst zu werden. Warum sollte Jesus also nicht an einer Hoch zeitsfeier (vgl. Mt 25,10) teilnehmen? Es ist falsch, sich Jesus in seinem Umgang mit An hängern oder anderen Menschen als entrückte Gestalt vorzustellen. Er bewegte sich sehr natürlich als Mensch unter Menschen. Sonst wäre es ja gar nicht notwendig, dass Gott als Mensch erscheint, damit die Menschen Vertrauen und Liebe zu ihm ent falten können.
Es ist falsch, sich Jesus in seinem Umgang mit anderen als entrückte Gestalt vorzustellen. Er bewegte sich wie alle Gottessöhne als Mensch unter Menschen.
In der indischen Tradition gibt es zahllose Geschichten zu diesem Thema. Sie zeigen, wie spirituelle Meister ganz normale Dinge tun: sie essen, schlafen, reden und lachen wie jeder andere auch. Der aufmerksame Beobachter merkt jedoch immer wieder, dass sie dabei im Unterschied zu ihren Mitmenschen in nerlich gelassen und losgelöst sind (vgl. Gelassenheit in allen Dingen. Die wahre Freiheit leben, VISIONEN 2/2009 ).
In der Natürlichkeit und Bescheidenheit ihres Auftretens unterscheiden sich die wahren Meister gerade von den selbst ernannten religiösen Füh rern, die versuchen, ihrer angeblichen Würde durch Pomp und äußerliche Symbole Ausdruck zu verleihen. Die Gottmenschen hingegen besitzen diese Würde ganz von selbst und berühren damit die Menschen in ihrer Seele.
Die „Wüsten-Diät“ – ein Festmahl für die Seele
Demnach ist wahres Asketentum also eine Sache der inneren Unabhängigkeit und weniger des sichtbaren Verhaltens. Warum lebte Johannes der Täufer dann im Gegensatz zu Jesus als strenger Asket?
Die Evangelien geben nur spärliche Hinweise auf Johannes den Täufer und seine Lebensweise. Auch hier gilt, dass symbolische Ausdrucksweisen aus Unwissenheit über den spirituellen Pfad oft missverstanden wurden. Wenn etwa davon die Rede ist, dass Johannes sich in die Wüste zurückzog und dort von Honig und Heu schrecken lebte, so ist dies – wörtlich verstanden – eine absurde Vorstel lung. Wäre dies eine exakte Beschreibung seiner „Wüsten-Diät“, dann müsste auch das lebenswichtigste Nahrungs mittel erwähnt sein: Wasser. Auch findet man in der Wüste keinen Honig.
Wer jedoch die verschiedenen Offenbarungsformen im Innern kennt und auch mit anderen heiligen Schriften vertraut ist, stößt auf interessante Pa rallelen. An einigen Stellen des Alten Testaments finden sich Hinweise auf den Klang des Bienensummens. Auch in den Veden wird ein be stimmter Klang, der sich dem Meditierenden im Innern offenbart, immer wieder als Bienensummen beschrieben. Auf diese spirituelle Erfahrung, die auch als Zikaden- oder Grillengesang wahrgenommen werden kann, verweisen die „Heuschrecken“ des Johannes.
Anstelle des „Honigs“ steht in den Veden der Begriff Soma, der ebenso missverständlich meist für einen Kräutertrank gehalten wird (vgl. VISIONEN, 10/2008 ). Soma ist jedoch eine ho he Stufe der Gotteserfahrung, die den Menschen mit Glückseligkeit er füllt. Honig und Soma sind Ausdrucksweisen für die beseligende „Sü ße“ der höheren Gotteserfahrungen (vgl. Hesekiel 3,3) – wie auch das wohlbekannte Manna aus dem Alten Testament oder Nektar und Ambrosia, die Speise der antiken griechischen Götter.
Der Rückzug in die Wüste (vgl. Mt 4,1; Lk 5,16; Jh 6,31) und der (anschließende) Aufstieg auf einen (dort gelegenen) Berg (vgl. 1 Könige 19; Mt 5,1; 14,23) steht in der Bibel an vielerlei Stellen für die Einkehr nach innen, bei der die Seele sich von den vielfältigen Sinnes- Eindrücken der äußeren Welt in die innere Versenkung zurückzieht und sich über den Körper und die materielle Welt erhebt, um sich jenseits davon mit Gott zu verbinden.
Das Bild von Johannes dem Täufer als dem Asketen schlechthin entstand also aus der wörtlich genommenen symbolischen Ausdrucksweise der Bibel, die nur von seiner hohen spirituellen Entwicklungsstufe spricht, in Wahrheit aber nichts über seine äußere Le bensweise aussagt.
Aussen verschieden – innerlich eins
Da die Kirche Jesus als den historisch einmaligen Gottessohn propagierte, konnte sie natürlich keinen gleichrangigen Meister neben ihm dulden und war daher bemüht, einen Gegensatz zwischen ihm und Johannes zu kon struieren und die Bedeutung des Täufers herunterzuspielen.
In Wirklichkeit war Johan nes der Täufer ebenso kompetent wie Jesus, anderen eine Er fahrung vom „Reich Gottes“ im Innern zu vermitteln: Bei der Tau fe, die er Jesus gewährte, hatte dieser hohe spirituelle Erfahrungen, die auch in anderen heiligen Schriften wie den Veden dokumentiert sind – die Himmel öffneten sich ihm, er sah strahlendes göttliches Licht und hörte Gottes Stimme, die ihm verkündete: „Du bist mein geliebter Sohn“ (vgl. Mt 3,16). Indem Jesus sich von Johannes taufen ließ – das heißt die Einweihung auf den inneren Pfad erhielt –, nahm er ihn als seinen spirituellen Lehrer und Meister an, bevor er selbst als Gottmensch zu wirken begann. Wenn Jesus aber Johannes’ Schüler war und schließlich selbst vollkommen wurde, muss auch sein Lehrer vollkommen gewesen sein, denn es gilt: „Der Jünger steht nicht über dem Meister“ (Mt 10,24). Außerdem weist Jesus selbst ihn eindeutig als Nachfolger früherer Gottessöhne aus, die sich in ihrem göttlichen Wesen in keiner Weise voneinander unterscheiden: „…alle Propheten und das Gesetz haben bis zu Johannes hin geweissagt, und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elija, der kommen soll“ (Mt 11,11-14).
Gottmenschen können in völlig unter schiedliche Lebensumstände hineingeboren werden. Sie mögen wie Buddha in Pracht und Reichtum aufwachsen oder wie Jesus in einem einfachen Stall zur Welt kommen. Ihr Lebensweg wird in jedem Fall früher oder später von der alles beherrschenden Suche nach Gott bestimmt, und darum ist es falsch, in der Lebensführung der Gottmenschen irgendeinen Unterschied zu sehen, der Ausschlag gebend für ihr Wesen ist. Wer versucht, einen Gottmenschen anhand seines äußeren Ver haltens zu beurteilen, wird seinem Wesen niemals gerecht.

