Weise Menschen
Wanderer zwischen den Welten
Weise Menschen sind Wanderer zwischen den Welten – nicht nur zwischen den spirituellen Welten, sondern in erster Linie zwischen den Welten, die sich die Menschen in ihren Köpfen erschaffen. Menschen setzen sich fast immer selbst Grenzen. Weise Menschen können sehen, wo jemand seine Grenzen gezogen hat und was er jenseits davon sein könnte.
Der Archetyp des alten Weisen
Wir kennen sie aus den Märchen und wir sehen sie auch im Kino: weise Menschen. Den Archetypus des weisen alten Mannes können wir uns zum Beispiel ganz wunderbar verkörpert in den drei „Herr der Ringe“-Filmen anschauen in der Gestalt von Gandalf dem Grauen, oder in den Harry Potter-Romanen und -Filmen, verkörpert durch den Schulleiter Professor Dumbledore. Eine für mich persönlich ebenso amüsante wie auch authentische Darstellung einer weisen Frau finden wir in dem herrlichen Wikinger Epos „Der 13. Krieger“. Die weisen Gestalten der Märchen, Sagen und Filme sind stets alt und grau. Sie bergen in sich den scheinbaren Widerspruch von kindlicher Unschuld und uraltem Wissen, gepaart mit tiefer und echter Menschenliebe. Gandalf der Graue liebt die Menschen so sehr, dass er sich für sie seinem gefährlichsten Feind stellt, einem Dämon der Finsternis. Er weiß und sieht alles, kennt alle Geheimnisse der Welt, weiß immer, was zu tun ist, und seine Freunde finden Kraft durch seine Stärke. Gleichzeitig ist er aber auch der Spaßvogel, der sein kindliches Vergnügen daran hat, für die Kleinsten des Dorfes Feuerwerksraketen in die Luft gehen zu lassen.
Widersprüchliche Wirklichkeit
So stellen wir uns die weisen Menschen vor, aber wie ist die Wirklichkeit? Für mich war Osho einer der letzten wirklich Weisen. In ihm verkörperte sich nicht nur gelebte Spiritualität, großes Wissen und tiefe Menschenliebe, sondern auch ein nicht unbeträchtlicher Hang zu scherzen und sich über diese Welt zu amüsieren. Auch konnte er verbal recht heftig zuschlagen. Wer sich gar zu dümmlich gab, der bekam schon mal die Wahrheit etwas kräftiger um die Ohren geknallt. Auch das kennzeichnet den Weisen. Weisheit macht nicht schwächlich, auch wenn sie aufgrund ihrer unschuldigen Naivität gelegentlich in dieser Richtung falsch eingeschätzt werden. Aber spätestens dann, wenn sich jemand mit ihnen anlegt, wird er die Wahrheit herausfinden. Wir haben es hier scheinbar mit zwei Widersprüchen zu tun: Wie kann ein Weiser zugleich naiv sein? Wie kann ein Mensch der Liebe aggressiv reagieren? Weise Menschen sind Wanderer zwischen den Welten. Gemeint sind hiermit jedoch nicht nur die spirituellen Welten, sondern in erster Linie geht es hier um die Welten, die sich die Menschen in ihren Köpfen erschaffen. Menschen setzen sich fast immer selbst Grenzen.
Die Grenzen in unseren Köpfen
Eine Klientin erzählte mir, dass ihre Mutter immer ihre Schwester bevorzugte. Sie selbst gab sich so viel Mühe, eine „gute“ Tochter zu sein, sie tat so vieles dafür. Es wurde ihr jedoch nie gedankt. Die Schwester, welche in der Beschreibung durch meine Klientin immer nur an sich selbst dachte und nie an die anderen, bekam immer alles von der Mutter. Ich sagte meiner Klientin, dass sie genauso behandelt werden würde wie ihre Schwester, wenn sie sich entschließen könnte, sich ebenso zu verhalten. (Verhalten und Rolle gehören stets zusammen. Meine Klientin verhielt sich wie das Aschenputtel, wurde also auch so behandelt. Ihre Schwester zeigte hingegen das Verhalten einer Thronanwärterin, was ihr die entsprechende Behandlung einbrachte.)
„Weise Menschen dienen stets dem Leben. Sie richten sich stets auf die höchste Kraft oder den Weg, der die größten Entwicklungsmöglichkeiten birgt.“
Aber die Fähigkeit ihrer Schwester, an sich selbst zu denken, ihre Wünsche klar zu äußern und sich nicht alle Arbeit aufbürden zu lassen, erschien in den Augen meiner Klientin wie der pure Egoismus. Sie lehnte es heftig ab, sich ebenso zu verhalten wie ihre Schwester. Das war für sie eine Grenze, die sie nicht bereit war zu überschreiten. Ihre Welt endet an dieser Grenze. In ihrer Welt kann sie nur das Aschenputtel sein, weil sie andere Verhaltensweisen und deren Konsequenzen ablehnt.
Weise – Grenzgänger zur Freiheit
Fast alle Menschen haben solche selbst gezogenen Grenzen, über die sie nicht gehen wollen oder können. Weise Menschen hingegen bewegen sich völlig frei zwischen all diesen Grenzen hin und her. Weise Menschen sind fähig zu erkennen, wo ein anderer seine Grenzen gezogen hat. Sie können für ihn über jene Linie gehen, um zu sehen, was sich jenseits dieser Barriere möglich machen ließe. Sie sehen dort, was der Mensch sein könnte. Sie selbst besitzen keine selbst erschaffenen Grenzen mehr in ihrem Innern. Das bedeutet auch, dass sie keine „Moral“ haben. Moral ist nichts anderes als ein Sammelsurium von Grenzen. Menschen haben sich diese Richtlinien selbst erschaffen, weil sie sich nicht zutrauten, auch ohne sie gute Menschen zu sein.
Weise benötigen solche Hilfsmittel nicht mehr. Sie dienen stets dem Leben, aber nicht aus Prinzip oder Einseitigkeit, sondern weil dies ein offener Weg ins Wachstum ist – sowohl für die weise Person selbst als auch für die Hilfe Suchenden, die sich an den weisen Menschen gewendet haben und ebenso für die Menschheit an sich, die mit dem Weisen durch das morphogenetische Feld verbunden ist und von daher von all seinen Fähigkeiten und Wachstumsprozessen profitiert.
Weise Menschen haben keinerlei Prinzipien, da Prinzipien auch nichts anderes sind als selbst geschaffene Grenzen. Sie folgen auch keinen Regeln und erfüllen keine Erwartungen. Sie richten sich stets auf die jeweils höchste Kraft oder den Weg, der die größten Entwicklungsmöglichkeiten birgt. Warum? Weil es Spaß macht. Es macht einfach viel mehr Spaß, sich zu entwickeln, als auf der Stelle zu treten, und es ist so viel interessanter Probleme zu lösen, als ewig darüber zu reden.
Entweder-Oder?
Nicht jeder Weise hat sich entschlossen, ein Berater oder Lehrer zu sein. Auch das ist nur eine Vorstellung, die von Menschen erschaffen wurde, die sich noch nicht von allen inneren Grenzen befreit haben. Aber wenn eine weise Person beratend oder lehrend tätig ist, dann bedient sie sich einer ebenso umfassenden wie gelegentlich überraschenden Didaktik.
Die Vorstellung, dass ein Seminar sich auf eine bestimmte Weise gestalten sollte oder müsste, ist auch nichts weiter als eine Grenze, ebenso wie die Annahme, dass der Weise sich in einer bestimmten festgelegten Weise zu verhalten habe.
Ich erlebe das gelegentlich bei meinen Seminarteilnehmern und Klienten. Einmal brachte mich ein Mann in Wut und sagte mir dann: „Jetzt bist du keine weise Frau mehr. Jetzt bist du gefallen, weil du wütend geworden bist.“ Er hatte in seinem Kopf eine Grenze für mich. Die weise Frau muss immer lieb und verständnisvoll sein (egal wie rüpelhaft oder intrigant sich die Menschen um sie her verhalten).
Würde eine weise Person sich an diese Vorgaben halten, könnte sie nicht länger weise sein. Sie hätte dann keine Möglichkeit mehr, hinter die Grenzlinie zu gehen. Alles, was sich hinter jener Grenze zur Aggression befindet, wäre ihr dann nicht mehr zugänglich. Und gerade hinter dieser Grenze finden wir so viel Wertvolles, Nützliches und auch Lebensnotwendiges.
Nichts ablehnen, nichts ausschließen
Denn alles, was wir in unserer Seele finden, ist auch für irgendetwas gut. Manchmal dauert es eine Weile, bis wir herausgefunden haben, wofür eine unserer Charaktereigenschaften gut ist, aber es gibt für alles sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten. Wut und Aggression sind wertvolle Kräfte zu unserer Verteidigung. Es wäre doch wahrhaftig blind zu behaupten, dass alle Menschen dieser Welt es immer gut mit uns meinen. Egal wie pazifistisch wir uns auch fühlen, manchmal werden wir angegriffen. Ich weiß, es gibt Religionen, wie etwa die Amisch, die dennoch Gewalt ablehnen. Das ist hochachtungswert, aber nicht weise. Eine solche Haltung dient auch nicht dem Leben. Der Gewalttätige triumphiert über den Liebevollen. Kennen sie das Sprichwort „Der Klügere gibt nach, und darum regieren die Dummen auf dieser Welt“?
Weise Menschen sind weit davon entfernt, ihre eigenen Kräfte abzulehnen, und das schließt selbstverständlich auch Wut und Aggression ein.
Was macht den Weisen weise?
Und wie ist es nun mit der Ambivalenz zwischen Weisheit und Naivität? Wie kann es angehen, dass der Weise zugleich weise und (scheinbar) dumm ist? Entscheidend für das Verständnis dieser Polarität ist zu erkennen, dass Weisheit nicht die Steigerung von Klugheit ist. Es geht nicht darum, möglichst viel zu wissen, alles gelesen und im Kopf gespeichert zu haben, und dann darauf zu hoffen, dass aus all dieser Klugheit mit dem Alter auch Weisheit wird. Weisheit ist eine gänzlich andere Qualität, die nicht einmal unbedingt Wissen erfordert.
Der Weise benötigt nur die Menschen um sich her. Aus der Beobachtung des menschlichen Verhaltens kann er mit der Zeit alles ablesen, was er wirklich wissen muss. Und kein angehender Weiser, der viel gelesen hat, wird darum herum kommen, alles Angelesene im Leben anhand konkreter Erfahrungen zu verifizieren.
Aber auch Beobachtung alleine macht noch keinen Weisen. Es geht um mehr. Es geht um die Öffnung von Herz, Geist und Wille füreinander und miteinander. Der Geist vermittelt Wahrheit, der Wille vermittelt Gefühl und das Herz verbindet sie in Liebe.
Keine Weisheit ohne Liebe
Wenn ich die Menschen nicht liebe, dann werde ich keinen Einblick in ihre Seele bekommen. Meine Beobachtung wird immer an der Oberfläche bleiben. Es gibt keine Wahrheit ohne Liebe. Sie ist wie der Treibstoff, der die Rakete aus dem Orbit bringt. Ohne sie bleibt alles schal und im Bereich reinen Wissens. Der Raffinierte aber vermag nicht mehr zu lieben. Er glaubt, zu viel gesehen zu haben, zu viel von der dunklen Seite des menschlichen Seins, zu viel von der Schlechtigkeit dieser Welt. Die Liebe in ihm ist erloschen, und zurück blieb Klugheit und Raffinesse, vielleicht noch Zynismus. Die Liebe hingegen sieht auch die „Schlechtigkeit“ dieser Welt, aber ohne an ihr zu verzweifeln, ohne ihren Glauben an das Gute zu verlieren.
Weise Menschen blicken tief in die Herzen ihrer Mitmenschen. Sie sehen alles, auch das, was man vor ihnen zu verbergen sucht, aber sie verurteilen nichts, sie blicken noch tiefer und erkennen das wahrhaftige Potential jener Seele. Jeder Mensch ist fähig, außergewöhnlich edle Taten zu vollbringen und ebenso verheerende Schandtaten. Der Weise weiß, dass es an ihm liegt, welche Seite des Menschen sich ihm offenbart. Er glaubt an das Gute im Menschen, weil er es sehen kann, und er kann es sehen, weil er daran glauben kann.
Keine Liebe ohne Unschuld
Nur der unschuldige Mensch ist zu solcher Liebe fähig. Nur der unschuldige Mensch, der „reinen Herzens“ ist, kann den Weg durch diese Dunkelheit so weit gehen, dass er das Licht wiederfindet, weil er sein eigenes Licht in sich trägt, weil er keine Dunkelheit mit sich herumträgt, die ihm die Sicht versperren könnte. Der Unschuldige hat nie aufgehört, ein Kind zu sein, verspielt und scheinbar naiv, während sich Welten in ihm auftun.
Weise Menschen betrachten das ganze Leben als ein Spiel und sie spielen es mit Begeisterung, Freude und Hingabe, bis es zu Ende ist. Mal gewinnen wir, mal verlieren wir, aber egal, wie eine Runde ausgeht, wir erfreuen uns daran, wie herrlich wir es gespielt haben.
Genau genommen nimmt der Weise nichts mehr wirklich wichtig. Denn in jeder Wichtigkeit verbirgt sich schon wieder eine heimliche Grenze. Auch sich selbst nimmt der Weise nicht wichtig. Wenn er nicht gerade arbeitet, dann will er seinen Spaß haben und nicht in seiner Freizeit von allen angehimmelt und verehrt werden.
Das Dilemma des Weisen
Und wenn wir nun den Faden zurückknüpfen zu der Frage, warum die Weisheit heutzutage nur eine so geringe Rolle spielt unter den spirituellen Menschen dieser Welt, dann sehen wir, vor welchem Dilemma der Weise steht.
Ist ein spiritueller Mensch wirklich weise, dann wird er von den meisten seiner Klienten nicht erkannt. Er entspricht nicht ihren Vorstellungen von Weisheit, die sich an einem Wertesystem orientieren, also reine Grenzsetzungen sind. Sie stellen sich ihren Weisen ernsthaft vor – und er erzählt Witze. Sie glauben, er würde in seiner Freizeit nur meditieren – und er grillt mit den Dorfbewohnern Würstchen. Einige glauben, er würde in Pracht und Reichtum wohnen (wie Osho), weil er als Weiser ja auch seine Geldschwierigkeiten überwunden haben muss – und er wohnt in einer kleinen Hütte. Einige glauben, er würde in einer kleinen Hütte wohnen, weil er ja als Weiser jeglichen Wunsch nach Reichtum abgelegt haben muss – und er besitzt ein riesiges Haus. Da ist es nur zu verständlich, dass einige spirituelle Lehrer auf die Sache mit der Weisheit verzichten und sich lieber ein eigenes Regelwerk erschaffen (ein paar sinnvoll erscheinende Grenzen), um wenigstens einige Menschen problemlos erreichen zu können.
Es ist nicht immer einfach, weise zu sein – aber es ist immer spannend.

