Wie nahe ist das Gottesreich?

Wie nahe ist das Gottesreich?

Bibel-Rätsel, spirituell gelöst

Jesus sagte zu Beginn seines Wirkens, das Gottesreich sei „nah“. Die Christen erwarten es aber erst am Ende der Zeit, viele Menschen schon für 2012. Woher rührt diese zeitliche Verschiebung?

Vorgestellt.

Der Autor Soami Divyanand lehrt als spiritueller Meister seit über 30 Jahren den Yoga der Seele, den Pfad
des göttlichen Lichts und Klangs.

Jesus erklärt gleich zu Beginn seines Wirkens, das Gottesreich sei nah (vgl. Mk 1,15). Dann wurde es aber auf den Jüngsten Tag vertagt... Hängt dieser Aufschub mit Jesu gewaltsamem Tod zu zusammen?

Nein. Anders als von kirchlicher Seite propagiert, ist Jesu spirituelles Wirken absolut unabhängig von seinem Tod. Richtig ist: Er vergab vielen Menschen ihre Sünden, gewährte ihnen das ewige Leben – und brachte ihnen das Gottesreich: seine spirituellen Segnungen. Seine Jünger erfreuten sich schon während ihres irdischen Daseins am inneren göttlichen Licht und wurden von der Stimme Gottes und den Visionen des Heiligen Geistes geleitet.

Leben kommt immer von Leben. Das ewige Leben und das ewige Licht kann nur geben, wer es selbst in sich erkannt und verwirklicht hat. Jesus wird vom Apostel Johannes als die Verkörperung des logos beschrieben, als das Fleisch gewordene Wort: „...in ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Jh 1,4), „...das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Jh 1,9). Damit war Jesus zu seinen Lebzeiten die Quelle des ewigen Lichts und Lebens für andere, und auch er selbst bekräftigte: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt“ (Jh 9,5). Er war es für die Menschen, die mit ihm lebten oder persönlich mit ihm zusammentrafen.

Wenn Jesus vom Gottesreich spricht, geschieht dies grundsätzlich im spirituellen Sinn.

Wie kam es dann zu der Vorstellung, das Gottesreich bräche erst nach Jesu Tod in ferner Zukunft an?

Schon kurz nach Abschluss seiner Mission in Palästina ging der spirituelle Kern seiner „frohen Botschaft“ bei denen verloren, die sie angeblich in seinem Namen verbreiteten. So verschob sich der Schwerpunkt der neuen christlichen Lehre immer weiter vom lebenden Erlöser Jesus auf seinen Tod als Opferlamm, von der eigenen „Freude im(!) Herrn“ (vgl. Mt 25,23) auf Jesu Leiden und Passion, von der direkten Erfahrung des inneren Gottesreichs hin zu „Harren und Hoffen“ auf künftiges Heil und damit von der Gegenwart in eine nebulöse Zukunft.

Viele Zeitgenossen Jesu lebten damals in der Erwartung eines Messias, der sie von der römischen Fremdherrschaft befreien und in Palästina einen jüdischen Gottesstaat errichten sollte. Gleich zu Anfang der paulinisch geprägten Apostelgeschichte wird diese aktuelle Frage aufgegriffen – aber völlig anders beantwortet als zuvor von Jesus.

Den „erwählten Aposteln“ (auf die sich Paulus notgedrungen als Zeugen berufen muss, da er selbst nie zu ihnen gehörte!) „erwies er (Jesus) sich lebendig nach seinem Leiden durch viele Beweise, indem er ihnen vierzig Tage hindurch erschien und über das Gottesreich sprach“ (vgl. Apg 1,3). Diesen „Versammelten“ wird nun vor der angeblichen „Himmelfahrt“ (in Wirklichkeit eine rein spirituelle Erfahrung, bei der die Jünger ihren lebenden Meister als Lichtgestalt im eigenen Inneren schauten!) von Paulus die Frage in den Mund gelegt: „Herr, wirst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder aufrichten?“ Worauf Jesus die Antwort „zu-geschrieben“ wird: „Es kommt euch nicht zu, Zeit und Stunde zu wissen, die der Vater in der ihm eigenen Vollmacht festgesetzt hat“ (Apg 1,6-7). Im Klartext heißt das: „Natürlich kommt das Gottesreich auf Erden, nur wann wird jetzt noch nicht verraten!“

Umso blumiger schmückt Paulus den genauen Ablauf dieses Ereignisses aus – und erweckt dabei geschickt den Eindruck, selbst in die göttlichen Geheimnisse eingeweiht zu sein: „Denn das versichern wir euch mit einem Wort des Herrn: … Er selbst, der Herr, wird bei dem Befehlsruf, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallt, herniedersteigen vom Himmel. Dann werden zunächst die Toten in Christus auferstehen. Darauf werden wir, die wir noch leben und übrig geblieben sind, mit ihnen zusammen auf Wolken dem Herrn entgegen in die Luft entrückt werden und so immerdar mit dem Herrn sein“ (1 Thess 4, 15-17). Dabei verlegt Paulus ein weiteres Mal vielfach bezeugte innere Offenbarungen (Engelsstimme, Posaunenschall, Wolken, d. h. die innere Erfahrung des „wolkigen Lichts“) nach außen…

Was sagt Jesus selbst vom Gottesreich – im Unterschied zu Paulus?

„Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme“, hatte Jesus selbst noch gesagt: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es berechnen könnte. Auch wird man nicht sagen können: ‚Siehe, hier ist es’, oder ‚dort’. Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ – bzw. nach einer anderen Lesart: „das Reich Gottes ist inwendig in euch“ (vgl. Lk 17,20-21). Von Pontius Pilatus nach seinem Reich als „König der Juden“ befragt, wird Jesus noch deutlicher: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (vgl. Jh 18,36). Wenn Jesus vom Reich Gottes spricht, tut er dies also grundsätzlich im spirituellen Sinne.

Als er seine Jünger auf das Ende seines Wirkens und die baldige(!) Ankunft seines Nachfolgers vorbereitet, „des Trösters, den der Vater in meinem Namen zu euch senden wird“ (vgl. Jh 14,26), sagt er über einige der Anwesenden, sie würden diesen neuen Menschensohn noch zu Lebzeiten „in“ seinem Reich kommen sehen (vgl. Mt 16,28). (Mehr zum Tröster in: „Wer kam nach Jesus?“ VISIONEN, August 2010.)

Der Pharisäer Nikodemus, ein hochrangiger Vertreter des etablierten Judentums, ist von Jesu göttlicher Autorität so beeindruckt, dass er in der Nacht heimlich zu ihm kommt, um mehr über den spirituellen Weg zu Gott zu erfahren. Ihm erklärt Jesus ebenfalls: „Und doch ist niemand in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist, der Menschensohn, der im Himmel ist“ (Jh 3,13).

Der Menschensohn ist also auch dann im Himmel- oder Gottesreich, wenn er im Fleische auf der Erde weilt. Darum verkündet Jesus, als er sein öffentliches Wirken beginnt: „Das Gottesreich ist herbeigekommen“ (vgl. Mk 1,14) – es ist also jetzt und hier schon da! Und zwar mit ihm – er ist das verkörperte Gottesreich.

An anderer Stelle drückt er es noch deutlicher aus: „Wenn ich aber durch den Geist Gottes Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen!“ (Mt 12,28) Wo immer der Geist Gottes wirkt, ist also das Gottesreich. Und wenn der Geist Gottes sichtbar durch den Menschensohn wirkt, ist er das Gottesreich in Person!

Heißt das nicht, dass alle Menschen, die nicht das Glück hatten, Jesus zu Lebzeiten zu begegnen, vom Gottesreich ausgeschlossen sind?

Der Zugang zu diesem Reich wird den dafür reifen Menschen zu allen Zeiten von denen gewährt, die als Söhne Gottes Mit- „Inhaber“ seines Reiches sind und damit direkte Quellen seiner Offenbarungen oder, um es in der Sprache der Bibel zu sagen, seiner „Herrlichkeit“: „Und ich habe die Herrlichkeit, die du (heiliger Vater) mir gegeben hast, ihnen gegeben...“ (Jh 17,22). Überall, wo ein Gottessohn ist, ist gleichzeitig auch das Gottesreich gegenwärtig, und überall, wo er ist, wirkt auch der Heilige Geist, der die inneren Offenbarungen bringt. Daher kommt das Gottesreich genauso wie der Heilige Geist immer zusammen mit dem jeweils lebenden Gottessohn. Wenn die paulinischkirchliche Tradition die Ankunft des Heiligen Geistes auf das Pfingst-Erlebnis nach Jesu Kreuzigung und angeblicher Himmelfahrt verlegt (vgl. „Wer kam nach Jesus?“ VISIONEN, August 2010) und das Kommen des Gottesreiches in eine unbestimmte Zukunft verschiebt, so trennt sie Dinge, die eins sind, und geht daher gewaltig in die Irre.

Zitat-Hervorhebungen: Red.
Fragen-Beantwortung: Soami Divyanand
www.dsforg.net

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