VERTRAUEN
Ein Thema – sechs Facetten
UNVERTRAUEN
Das Vertrauen wiederum, wo nicht Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit des Anderen es rechtfertigen, schwebt vollends in der Luft, ist unklug, leichtfertig, verderblich. Leichtgläubigkeit und leichtfertiges Vertrauen ist ein schwerer Fehler. Man kann ihn wohl entschuldigen, denn Menschenkenntnis ist nicht jedermanns Sache.
Aber ungleich sittlich ernster ist der umgekehrte Fehler, das habituelle Misstrauen, die eingewurzelte Skepsis gegen menschliche Gesinnung. Der Misstrauische versündigt sich am Vertrauenswürdigen, ihm fehlt das Gefühl für das ihm entgegengebrachte Gut der aufrichtigen Gesinnung. Er setzt mit seinem Zweifel den Wahrhaftigen und Getreuen wider Verdienst herab. Seine Rechtfertigung freilich liegt wiederum in der Begrenztheit menschlichen Durchschauens.
Alles Vertrauen und aller Glaube ist ein Wagnis, es gehört immer ein Bruchteil sittlichen Mutes und seelischer Kraft dazu. Es geschieht immer mit einem gewissen Einsatz der Person. Und wo das Vertrauen weit geht, der Glaube felsenstark ist, da kann der Einsatz unbegrenzt hoch steigen – und mit ihm der sittliche Wert des Vertrauens.
Nicolai Hartman
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