WAS IST MYSTIK?

WAS IST MYSTIK?

Ein Thema – sechs Facetten

Mystiker haben unabhängig von ihrer religiösen Herkunft die Vereinigung mit ihrem Gott erlebt und die Geheimnisse ihres Glaubens unmittelbar erfahren. Ihre Zeugnisse sprechen auf je eigene Weise vom unaussprechlichen Ergriffenwerden durch den Einen, der „Alles in Allem“ für sie geworden ist. Der Weg, den sie gegangen sind, ist jedoch das Geburtsrecht aller Menschen, auch wenn es nur selten verwirklicht wird.

EINE NATÜRLICHE BEGABUNG

Wenn Mystik in der Moderne als Grenzwert einer normalen Welterfahrung aufgefasst werden muss und nicht als gespenstisch wirkender Durchbruch aus einem vollen Drüben in unsere Welt, dann muss eine Beschreibung des Menschen möglich sein oder versucht werden, die mystische Zustände als allgemeine Geburtsrechte in ruhigem Tone anerkennt. Eine Anthropologie des Mystischen müsste die Natürlichkeit der mystischen Zustände zugleich mit ihrer Seltenheit erklären.

Dies setzt eine Analyse des menschlichen Gedächtnisses voraus, die plausibel macht, warum Menschen, obwohl „geborene Mystiker“, im Gang ihres ICH-Erwerbs ihre Grundbegabung üblicherweise vergessen, je tiefer sie sich in vulgäre Versionen von Erwachsenenleben verstricken. Zudem wäre zu zeigen, dass gewisse Individuen an dieser „Begabung“ wiederanknüpfen, wenn sie, am Erworbenen vorbei, den Zustand des Gehirns vor den weltwärts gerichteten Lernprozessen wieder einnehmen, etwa nach Schocks, unter Drogen-Einfluss oder durch meditatives Weg-Üben der alltäglichen Vorstellungswelt.

Peter Sloterdijk

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