Was ist Zen?
Ein Thema - sechs Sichtweisen
Direkte Selbsterfahrung
Zen hat nichts zu tun mit philosophischen Überlegungen und logischen Schlussfolgerungen. Seine Grundidee ist, auf dem direkten Weg zur Erfahrung unseres wahren Wesens zu kommen, ohne auf irgendetwas Äußeres zurückzugreifen.
Zen ist vollkommen frei und duldet keine Anlehnung an irgendetwas, was es auch sei – nicht einmal an den Buddha. Zen ist die freieste und unmittelbarste Lehre, bei der es absolut nichts zu tun oder zu lernen gibt. Es ist der Weg, der zum „direkten und augenblicklichen Erfassen“ der Wirklichkeit, so wie sie ist, führt. Alle buddhistischen Lehren, wie sie in den Sutras und Shastras dargelegt werden, sind in den Augen der alten Zen-Meister nichts weiter als wertloses Klopapier, um den Abfall des Intellekts aufzuwischen. Denn Zen hat nichts zu tun mit spitzfindigen, philosophischen Überlegungen und logischen Schlussfolgerungen. Nach der Grundidee des Zen sollen wir auf dem direkten und kürzesten Weg zur Erfahrung unseres wahren Wesens kommen, ohne auf irgendetwas Äußeres oder Zusätzliches zurückzugreifen. Deshalb lehnt Zen alles ab, was auch nur im Entferntesten mit äußerer Lehre zu tun hat, es hegt das absolute Vertrauen zum inneren Wesen des Menschen.
Zensscho W. Kopp
Weg aus dem Leiden
Menschen, die entschlossen jahre- und jahrzehntelang Zen praktizieren, tun dies, weil sie leiden. Sie set zen sich auf ein Kissen, schauen an die Wand und be schließen: Ich will den Weg aus dem Leiden finden.
Ich behaupte, dass Menschen, die entschlossen jahre- und jahrzehntelang Zen praktizieren, dies ausschließlich tun, weil sie leiden, ob ihnen das bewusst ist oder nicht. Welchen Grund sonst sollten sie haben, sich schweigend und bewegungslos auf ein Kissen zu setzen und den inne ren Dämonen ins Auge zu schauen? Es muss in ihnen et was geben, das die üblichen Ablenkungsmanöver, die Menschen sich so ausdenken, nicht zulässt. Etwas in ih nen verbietet das Ausweichen, das Davonlaufen, das Leugnen. Vielleicht haben sie das Davonlaufen schon ein Leben lang geübt und wissen, dass es für sie nicht funk tioniert. Sie leiden immer noch. Sie kapitulieren. Sie set zen sich auf ein Kissen, schauen an die Wand und be schließen, bewusst oder unbewusst: Ich will den Weg aus dem Leiden finden. Und das ist ein bewundernswerter und mutiger Ent schluss. Wie mutig er ist, wissen sie noch gar nicht, wenn sie da zum ersten Mal in einem zendo oder zu Hau se in der Zimmerecke sitzen. Sie werden Dinge über sich erfahren, von denen Sie sich nichts träumen ließen; sie werden sich tapfer voran arbeiten müssen durch diese Masse namens Leiden. Sie werden (hoffentlich) gute Weg begleiter haben und dennoch immer wieder einmal, schlotternd vor Furcht, ihren Entschluss in Frage stellen. Das alles gehört dazu, wenn wir es wagen, in unser Lei den tief hineinzuschauen.
Margit Irgang
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