Am 22. Juni 2006 stellte A Centre for the World Religions – eine internationale Nichtregierungsorganisation mit beratendem Status bei den Vereinten Nationen – auf einem ganztägigen Forum am UN-Hauptsitz in New York, an dem mehr als 80 Delegierte aus verschiedenen Kontinenten teilnahmen, ein Abrüstungs- und Weltfriedensprogramm mit spirituellem Ansatz vor. Das Programm „Eine spirituelle Agenda für den Weltfrieden“ (wir berichteten, siehe VISIONEN 06/06 ) zeigt einen Weg auf, wie der UN-Sicherheitsrat dezentralisiert wird, bis zu 500 Milliarden US-Dollar freigesetzt werden und die UNO somit in die Lage versetzt wird, die UN Millenium Declaration von 2000 zu erfüllen, nämlich für die 40% der Weltbevölkerung, die arm sind, „Armut durch Entwicklung zu beheben und Frieden und soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen” (www.un.org/millenium/ declaration/ares552e.htm für den Originalwortlaut, sowie www.UNMilleniumProject.org für den Plan).
Gerlinde Glöckner, die internationale Vorsitzende von ACWR, und die 18-jährige Jugenddelegierte Sandhya Hasswani erläuterten jeweils eine Dia-Präsentation des Vorschlags. Dabei bekräftigten sie, dass die ursprüngliche Vision der Vereinten Nationen „danach verlangt, dass auch die Familie der Weltreligionen ihren Beitrag leistet und Konflikte, Hass und Gewalt überwinden hilft durch gemeinsame vergleichende Studien ihrer heiligen Schriften, Verständigung … und durch Meditation.“
Diesem spirituellen Ansatz entsprechend wurden sowohl die Morgen- als auch die Nachmittagssitzung mit einer kurzen, religiös ungebundenen Meditation eingeleitet. Natalie Shell, eine Delegierte, die als Beraterin und Organisatorin mit Schwerpunkt Workshopund Meeting-Design tätig ist, sagte anschließend, dass sie „ACWR besonders für die Meditation danken wollte, die eine sehr kraftvolle gemeinsame Erfahrung war! … Es ist klar, dass Ihnen Lob dafür gebührt, diesen Geist in das UN-Gebäude hineingebracht zu haben!“
Mit Interesse verfolgte eine Reihe von Konferenzteilnehmern die Frage, wie Abrüstung mit Spiritualität und Religion zusammenhängt. Wie ACWR-Vorsitzende Anke Kreutzer erklärte, resultieren „nach offiziellen Schätzungen mindestens ein Drittel der Kriege auf diesem Planeten direkt aus religiösen Konflikten und Gewalt, die im Namen Gottes verübt wird.“ Da die Kriege generell ausgefochten werden zwischen Nationen, die zu den 191 Mitgliedsstaaten der UNO zählen, stimmten die Forumsteilnehmer durchgehend zu, dass es von entscheidender Bedeutung ist, dass UNDelegierte, UN-Mitarbeiter und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) vorangehen und den notwendigen spirituellen Bewusstseinswandel bei sich selbst voranbringen und andere dabei unterstützen. Lakshmi Shah, UN-Vertreterin der „Jain-Mission bei der UN“ (www.jainology.org ) betonte: „Frieden beginnt im Innern“, und die betreffenden Mitglieder der UN-Gemeinschaft müssen „Frieden stiften, statt lediglich Frieden zu wünschen.“
Victor Goode, Jura-Professor an der City University von New York in Queens und ehemaliger Vorsitzender der National Conference of Black Lawyers (Nationale Vereinigung Schwarzer Anwälte, www.ncbl.org ), mahnte zur Umsicht, denn, da religiöse Feindseligkeit und Fundamentalismus gegenwärtig rasant zunehmen, „sollte das Hauptaugenmerk auf Spiritualität jenseits der Konfessionen gerichtet sein“, um „bei Menschen in Autoritäts- und Führungspositionen Bewusstheit und Einsicht zu fördern.“
Jene Skeptiker, die der Auffassung sind, dass dies bei den Mächtigen, die die Welt und die UN regieren, nicht funktionieren wird, verwies Swami Parameshananda, internationaler Vertreter der Bharat Sevashram Sangha (www.bssnj.org ) mit Sitz in Indien, auf die eindrucksvollen Veränderungen, die von Menschen wie Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela inspiriert und eingeleitet wurden. „Spiritualität“, so rief er den Delegierten in Erinnerung, „hat die Macht, durch Inspiration und göttliche Führung Veränderungen herbeizuführen.“
Da jedoch der Begriff der Spiritualität und ebenso der Begriff der Religion verwässert und abgewertet worden seien, seien „praktische Einübung und Disziplin in der Spiritualität“ Voraussetzungen für das Gelingen, meinte Cynthia Goddard, Mitarbeiterin beim World Council of Churches (Weltkirchenrat/Ökumenischer Rat der Kirchen, www.oikoumene.org/de/home.html ).
Generell waren sich die Teilnehmer darüber einig, dass das Forum für die „Spirituelle Agenda für Frieden“ erst einen Anfang darstellt. Es sei außerordentlich wichtig, so Jin In, Koordinatorin der globalen Aktivitäten der amerikanischen Pfadfinderinnen (Girl Scouts of America), „direkt mit Regierungsstellen zu sprechen“ und „die Agenda in die Öffentlichkeit zu tragen und auf eine breite gesellschaftliche Basis zu stellen.“ Dr. Alexander Gibber von der International Association for Religious Freedom (Internationale Vereinigung für Religiöse Freiheit, www.iarf.net ) fügte dem hinzu: „Wir brauchen nicht auf die UN zu warten – wir können schon heute Botschafter in unseren Gemeinden vor Ort sein.“
Die soziale Aktivistin „Queen Mother“ Delois Blakely aus New York City, weithin als „Ehrenbürgermeisterin von Harlem“ bekannt und Vorsitzende der Harlem Women International, stimmte dem zu, besonders weil es unter anderem bedeutet, „anzuerkennen, wie wichtig es ist, dass junge Menschen in dieser Zeit des sozialen Wandels Führungsaufgaben übernehmen. Sie sind nicht unsere Zukunft, sie sind unser Jetzt!“ Delois Blakely freute sich über die Zahl junger Teilnehmer am Forum. Wie auch Dr. Marge Schiller, Delegierte der Organisation Appreciative Inquiry Commons (www.appreciative-inquiry.org ). Sie unterstrich die Notwendigkeit des „Intergenerationengesprächs mit Heranwachsenden“. Die Jugend auf Führungsaufgaben vorzubereiten, damit sie diese Art von Abrüstungsinitiative bei der UN voranbringen können, war wiederholt Thema auf diesem Forum. Mariana Malaman, Jugenddelegierte der Legions of Good Will, die mit jungen Menschen rund um die Welt arbeitet, erklärte, es sei lebenswichtig, „die Herzen der Menschen abzurüsten“ und „andere junge Menschen zu inspirieren, Führungsverantwortung zu übernehmen.“
Dieser Gedanke wurde aufgegriffen von der ältesten Teilnehmerin am Forum, der 96 Jahre „jungen“ Rose Walker von der American Ethical Union (www.aeu.org ). Sie war hoch erfreut über die Themen und Diskussionsbeiträge am Forum. In den mehr als 40 Jahren, die sie nun mit NGOs bei der UNO zusammenarbeitet, habe sie noch nichts Derartiges erlebt und „freut sich auf die nun folgenden Schritte“.
Es sei eine ehrfurchteinflößende Herausforderung, die „Spirituelle Agenda für Frieden“ umzusetzen, warnte Dr. Victor Margollin von Sushila Dharma International, der in sozialen Projekten rund um den Globus mitgearbeitet hat; gleichzeitig stellte er deutlich die Stärke des ACWR heraus, die darin bestehe, „diese Initiative einer größeren Gemeinschaft von NGOs bekanntzumachen“. Einige Forumsteilnehmer, wie Deborah Moldow von der World Peace Prayer Society (www.worldpeace.de ), waren sehr dankbar dafür, dass NGOs wie A Centre for the World Religions zu diesem kritischen Zeitpunkt die Initiative ergreifen; denn die Vereinten Nationen als Einrichtung befinde sich zur Zeit „in Aufruhr über Reformvorschläge, Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedsstaaten und Androhungen, die Mitgliedsbeiträge zurückzuhalten.“ Wie sie berichtete, werde sogar über die Beurlaubung von UN-Angestellten und – kaum zu glauben – die Möglichkeit, dass die UN in den nächsten sechs Monaten den Betrieb schließt, diskutiert. Als nächsten Schritt nach der Präsentation der „Spirituellen Agenda fürFrieden“ legte sie dasselbe nahe wie einige andere Teilnehmer: es braucht mehr „strategisches Denken, um ein neues Bewusstsein in der UNO zum Tragen zu bringen.“
Große Einigkeit herrschte auf dem Forum darüber, dass eine Anhebung des spirituellen Bewusstseins auf globaler Ebene notwendig ist, um die Vereinten Nationen als wirksames Instrument der Abrüstung, des Weltfriedens und der sozialen Gerechtigkeit zu reformieren und zu ermächtigen. Erst recht da die Welt vor der Katastrophe steht, wie sie sich in der globalen Erwärmung, im wirtschaftlichen Auseinanderklaffen zwischen arm und reich, im Terrorismus und den Kämpfen in Krisenherden wie dem Nahen Osten und Irak, und im Streit zwischen den USA, Iran und Korea um nukleare Aufrüstung bereits abzeichnet. Aus diesem Grunde genügt es nicht, die Gespräche auf Empfehlungen und Beratungen von Weltexperten für Waffen, Wirtschaft, Politik usw. zu beschränken, wie ACWR-Vizepräsident Leonard Burg betonte. Wenn wir uns darin einig sind, dass es einer Anhebung des spirituellen Bewusstseins bedarf, dann „obliegt es uns, diejenigen ausfindig zu machen und anzusprechen, die Experten sind in der Wissenschaft, mit der uns allen innewohnenden Göttlichen Kraft Kontakt aufzunehmen und zu pflegen – genauso wie wir uns an weltliche Titelträger, Fachleute und Gelehrte wenden.“