Wer sich mit Ägypten beschäftigt, macht eine Reise zurück zu den Wurzeln unserer eigenen Kultur. Fast 3.000 Jahre lang brachten die Ägypter eine Hochkultur hervor, welche mehr als bewundernswert ist. Sie schufen stattliche Bauwerke, erfanden die Schrift und den Kalender und waren erfolgreiche Mediziner. Die Ärzte des Pharaos waren weit über die Grenzen Ägyptens bekannt.
Dr. rer. nat. Sherif Nabet, ein Experte der „Altägyptischen Medizin“, ist erstaunt über die Fähigkeiten seiner Vorfahren. Er hält es für wahrscheinlich, dass der größte Teil der heutigen „Westlichen Medizin“ letztendlich ihren Ursprung bei den Ägyptern findet. Nach Vorstellung der alten Ägypter und vieler noch heute in Kairo praktizierender Volksheilkundler kommt es zu Krankheitszuständen, wenn zwischen Körper, Geist und Seele eine Disharmonie besteht. Körperliches Wohlbefinden ist auch vom Zustand der anderen beiden Faktoren, Geist und Seele, abhängig, und umgekehrt. Das Leben im Einklang mit der Natur und der Respekt gegenüber Tieren und Pflanzen spiegeln sich in der Religion wieder. Krankheit wird als Unausgewogenheit betrachtet; um das Gleichgewicht wiederherzustellen, wird der ganze Mensch behandelt. Die Altägyptische Medizin ist somit eines der ältesten ganzheitlichen Medizinsysteme der Welt. Die geistigen, körperlichen und seelischen Zustände können durch falsche Ernährung, Klima und Umwelt beeinträchtigt werden. Der Körper wurde mit dem Leben am Nil verglichen. So wie das Leben am Nil ständig in Veränderung ist, so ist auch der Zustand des Menschen ständig in Bewegung.
Die körperliche Entwicklung des Menschen von der Geburt bis zum Greisenalter ist mit den früher auftretenden Nilzeiten oder bei uns mit den Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter vergleichbar. Die Organe verhalten sich so wie der Füllungszustand des Nils und seiner Seitenarme. Ein trockenes Flussbett ist vergleichbar mit einer Unterfunktion eines Organs, eine Überschwemmung mit einer Überfunktion. Besteht ein Gleichgewicht, so wird der Ideal- oder Normalzustand erreicht. Füllungszustände können die Saat zerstören, ein Zuviel an Nahrung führt zu Diabetes und anderen Krankheiten. Dürre lässt die Saat vertrocknen, Vitaminmangel trotz Nahrungsmittelüberfluss lässt die Zellen verkümmern. Gier und Geiz führen zu Mangelerscheinungen von Geist und Seele. Den Ägyptern war bekannt, dass Sonne, Wasser, Luft und Erde in richtiger Dosierung für einen guten Ernteertrag sorgen. In Übertragung auf die Gesundheit bedeutet dies, die richtige Dosierung für Körper, Geist und Seele zu finden und so Ausgeglichenheit zu schaffen.
Diese Ausgeglichenheit hat auch soziale Aspekte. Jede soziale Schicht hatte ihre genaue Funktion, und so trugen alle zur Stabilität der Gesellschaft bei. Es handelte sich um eine hierarchische Gesellschaftsstruktur, an deren Spitze der Pharao stand und das System koordinierte. Jedes Individuum war Teil eines Ganzen, welches seine Aufgaben im Inneren der Gesellschaft zu erfüllen hatte; dabei wurde stets auf Einklang mit der Natur geachtet. Eine Art von Kleiderordnung und die Vorzüge von „Gutem Benehmen“ waren bereits im Alten Ägypten bekannt. Wer sich entsprechend anzieht und „Gutes Benehmen“ zeigt, der stärkt damit sein Selbstwertgefühl und dadurch auch seine Psyche. Gesellschaftliche Harmonie konnte durch Gleichberechtigung erreicht werden. Zu Zeiten der Pharaonen gab es eine geschlechtliche Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Die Harmonie zwischen den Geschlechtern sorgte für gesellschaftliches Wohlbefinden und zeigt den kulturellen Fortschritt des Pharaonenreichs. Im alten Ägypten galt die Heirat als Privatangelegenheit, der beide Partner zustimmen mussten. Die beneidenswerte gesellschaftliche Stellung der Frau in der Gesellschaft konnte in anderen Kulturen so nicht beobachtet werden. Vor Gericht konnten Frauen gleichwertig als Zeugen, Angeklagte oder Klägerinnen auftreten. In den medizinischen Texten ist in der Regel nur von „man“ die Rede, ohne Rücksicht auf das Geschlecht. Nur bei den Mitteln für eine Frau oder ein Kind wird natürlich „Frau“ und „Kind“ gebraucht.
Bei der Behandlung von Kranken wurde alles getan, um dem Patienten zu helfen. So heißt es an einer Stelle: „…Das ist ein Heilmittel für das Beseitigen einer Schwellung an irgendwelchen Körperstellen des Mannes. Dann wird er schnell gesund. Mache es und du wirst den Erfolg sehen“ (Eb 589). Auch in vielen anderen Rezepten steht am Ende mit Blick auf den Kranken: „…bis es schnell besser geht“ (z. B. Eb 283) oder „...bis er (der Patient) schnell gesund wird“ (z. B. Eb 591). Bewährte Rezepte werden gern hervorgehoben: „…wirklich vorzüglich“ (z. B. Eb 636), „…unzählige Male erprobt“ (z. B. Eb 131). Häufig findet sich auch der Zusatz: „…eine Krankheit, die ich behandeln werde“ (z. B. Sm 36).
War jedoch der Erfolg von Beginn an aussichtslos, dann hieß es: „eine Krankheit, die man nicht behandeln kann“. Als Beispiel sei der Fall 33 aus dem Papyrus Smith genannt, bei dem eine Querschnittslähmung beschrieben wird: „Informationen über eine Quetschung an einem Wirbel seines Nackens… Du findest, dass er seiner Arme und seiner Beine nicht mächtig ist, infolgedessen… eine Krankheit, die man nicht behandeln kann.“ Eine Reihe von Heilgottheiten ließen sich als Ärzte verehren, unter ihnen Amun, Min, Horus und Thot. Von den Göttinen spielt Isis die Hauptrolle. Imhotep stieg als vergöttlichter Mensch zum Heilgott auf. Dies verdeutlicht die hohe Stellung und das Ansehen der Ärzte im Pharaonenreich. Anfang des Neuen Reichs (18.-20. Dynastie, etwa 1555-1070 v. Chr.) finden sich vermehrt Zaubertexte. Insgesamt spielen Zaubersprüche jedoch nur eine geringe Rolle, obwohl der frühe Arzt „Medizinmann“ gewesen ist, eine Mischung von Priester, Zauberer und Arzt. Der Papyrus Smith zeigt sein hohes Maß an Erfahrungswissen und gesicherten Gesetzmäßigkeiten.
Die Vorstellungen der alten Ägypter reichen über 4000 Jahre zurück. Die Natur wurde mit dem notwendigen Respekt behandelt, und man hat viele Phänomene durch Vergleiche mit der Natur zu erklären versucht. Das Leben am Nil wurde durch die Natur und deren Ereignisse bestimmt. Die ganzheitliche Medizin und ein Teil unserer Lebensphilosophie haben ihre Wurzel in Ägypten.
Wir hoffen, Sie finden diese Vorschau auf den Artikel aus dem Magazin VISIONEN interessant!
Es würde uns sehr freuen, Sie als neuen Abonnenten des Magazins begrüßen zu dürfen.