Susanne Fischer-Rizzi, bekannte Buchautorin und Seminarleiterin, schildert ihre Erfahrungen in der kanadischen Wildnis und erläutert die seelische Verbindung zwischen Tier und Mensch.
Erst viel später, als wir weit weg von der Wildnis, den Indianern und den Bären waren, habe ich verstanden, warum uns die alte Indianerin die Geschichte „Von der Frau, die einen Bären heiratete“, erzählte. In der sicheren und beschützten Geborgenheit der Blockhütte, inmitten der nordischen Wälder, froh, mit dem Leben davongekommen zu sein, waren wir offen für die Lehren der Indianer. Ihre Weisheit und ihre Erfahrungen, die sie uns mit Geschichten, Ritualen und Gesängen vermittelten, drangen tief in unsere Herzen.
„Wenn du zu den Tieren sprichst, werden sie zu dir sprechen, und ihr werdet euch kennen. Wenn du nicht zu ihnen sprichst, wirst du sie nicht kennen, und was du nicht kennst, davor wirst du dich fürchten – und was man fürchtet, das zerstört man“. --Häuptling Dan George
So hatte alles begonnen: Hoch oben im Norden Kanadas, im Wolfsblut-Land Jack Londons, waren wir, eine kleine Gruppe von Freunden, in Kanus unterwegs auf einem der Flüsse, die gen Norden dem Eismeer zuströmen. Einmal unberührte Natur erleben, wilden Tieren in ihrer natürlichen Umgebung begegnen, uns fern der Zivilisation zu erfahren, dieser Wunsch und etwas Abenteuerlust hatten uns diese Reise antreten lassen. Mitten in der Wildnis wurden wir von einem mächtigen Bären angefallen und eine von uns schwer verletzt. An diesem Tag hatten wir stundenlang gegen den Wind gepaddelt und waren erschöpft. Eine Mitreisende fühlte sich krank, und es kam uns gerade recht, deshalb früher als geplant an einem unbekannten, auf unserer Route weniger weit entfernten Platz das Lager für die Nacht aufzuschlagen. Wir nahmen uns nicht wie sonst genügend Zeit, um den Lagerplatz gründlich zu inspizieren und uns auf ihn einzustellen. Die vielen Bärenspuren und ganz frischer, von Beeren durchsetzter Bärenkot blieben unbeachtet. Der Platz war eine große Kiesbank, deren Rückseite zum Wald hin mit Weidengestrüpp und Pappeldickicht bewachsen war. Das Zelt mit der Kranken hatten wir etwas abseits aufgebaut. Nach einem kräftigen Abendessen saßen wir ums Feuer und blickten auf das gegenüberliegende Ufer. Es war wie eine Bühne, auf der, wie wir uns ausmalten, die Tiere des Waldes ein komisches Theaterstück aufführten.
„Vor langer Zeit sangen braune Bären um unsre Lagerfeuer, heute Nacht tanzen sie wieder in unseren Träumen.“ -William Oandasan vom Volk der Yuki-Indianer
Die Tiere kamen dabei nicht besonders gut weg. Wir hatten nicht bemerkt, dass einer von uns eine Schale Essen zum Krankenzelt gebracht hatte. Dort stand es nun, zwar im Zelt, doch zu nahe am Dickicht, und verströmte einen verlockenden Duft. Außerdem bekam die Kranke gerade eine Massage mit duftendem Öl. Ich befand mich etwas entfernt vom Lager am Ufer des Pelly, um Wasser und Kräuter für einen Tee zu holen. Da brachen die Schreie los. Sie waren voller Todesangst. Ein mächtiger Schwarzbär hatte die verlockende Witterung von all unseren Unachtsamkeiten aufgenommen: vom gebratenen Speck des Abendessens und vom Massageöl. Seine Nase hatte ihn direkt zum Zelt am Rande des Lagers geführt. Lautlos war er aus dem Dunkel des Dickichts zum Zelt geschlichen und hatte die Zeltwand wie dünnes Papier entzweigerissen. Mit seinen messerscharfen Krallen verletzte er eine der beiden, die sich zu dieser Zeit im Zelt befanden, am Rücken. Nun nahm er den Kopf der anderen in sein riesiges Maul, ließ wieder los und biss sich in ihrem Arm fest. Wir schrieen, bewarfen den Bären mit dem, was wir gerade in Händen hatten, traten auf ihn, um das Tier so von seinem Opfer abzulenken. Das Gewehr funktionierte nicht, kein Bärenspray war griffbereit! Wir fühlten uns unerträglich hilflos. Plötzlich stürmte Shirley, unsere indianische Begleiterin, mit erhobenem Paddel, laute Schreie ausstoßend auf die Unglücksstelle zu und schlug auf den Bären ein. In all dem Chaos erkannte ich, dass sie ganz in ihrer Kraft war, so wie ich es einmal über Medizinmänner vom Stamm der Mic-Mac-Indianer gelesen hatte: Mit den Tieren in vollkommener Verbundenheit und gleichzeitig absolut achtsam sein; die Kraft ganz durch sich hindurch fließen lassen. Der Bär war so überrascht, dass er von seinem Opfer abließ. Dann schaute er die Indianerin an, schien ihre Kraft zu erkennen und trollte sich. Shirley erzählte uns später, dass sie genau wusste, dass uns dieser wütende Bär nach ihrer Attacke auf ihn alle nacheinander hätte töten können. Sie kannte solche Fälle. Doch sie wusste auch, dass nur diese Art von Eingreifen das Opfer vor dem Tod bewahren konnte. Mit weiterem Lärm gelang es uns, das Tier zu vertreiben und endlich die schwer Verletzte zu verbinden und zu versorgen. Wir wussten nun, dass es sich um einen territorialen Bär handelte, in dessen Revier wir eingedrungen waren und der hier wahrscheinlich auch seine Beute, einen Elch oder einen Hirsch, vergraben hatte. Er verteidigte sein Territorium. Einen weiteren angreifenden Bären, der sich am nächsten Tag beängstigend schnell auf uns zu bewegte, brachte die Indianerin wie durch ein Wunder mit einem uralten Lied aus der Tradition ihres Stammes zum Umkehren. Sie schien auf magische Weise mit dem Bär wie auch mit allen uns umgebenden Tieren verbunden. Sie nannte den Bär sogar „Großvater“. Diese Art von Kommunikation zwischen Mensch und Tier versetzte uns in tiefes Erstaunen; doch es blieb vorerst nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken, denn wir waren noch nicht außer Gefahr.
Nachdem wir nach weiteren Abenteuern völlig erschöpft wieder in die Zivilisation zurückkehrten, erwarteten uns die Verwandten der Indianerin und der Medizinmann bereits. Sie nahmen unser weiteres Schicksal in ihre Hände. Sie hatten insgeheim das Versprechen abgegeben, uns vom Trauma des Bärenangriffs zu heilen, uns verständlich zu machen, warum dies alles passierte, und vor allem wollten sie uns die indianische Sichtweise von der Verbindung zwischen Menschen und Tieren lehren. Ihr Unterricht begann mit der Geschichte „Von der Frau, die einen Bären heiratete“. Es ist, wie ich später bei meinen Recherchen herausfand, eine uralte Weisheitsgeschichte, die seit Tausenden von Jahren überall dort auf der Welt, wo es Bären gibt, erzählt wird. Sie lebt heute noch weiter, zum Beispiel in Grimms Märchen oder in der Erzählung „Die Schöne und das Biest“. Die Geschichte geht – kurz gefasst – so: Es war einmal eine junge Frau, die pflückte im Sommer Beeren. Ihre Freundinnen waren schon zurück zum Lager gegangen. Da entdeckte sie frische Bärenspuren zwischen den Sträuchern. Aber statt eines Bären stand plötzlich ein wunderschöner junger Mann vor ihr. Er bot ihr an, beim Beerensammeln zu helfen, und da es rasch dunkel wurde, nahm er sie mit, tiefer in den Wald hinein, wo sie in einer Höhle übernachteten. Nun, beide waren mit der Geistwelt verbunden, wo es keine Grenzen gibt zwischen Tier- und Menschenwelt. Der junge Mann war nämlich ein Grizzlybär und konnte seine Gestalt verändern. Allmählich vergaß die junge Frau ihre menschlichen Verwandten und liebte den Bären. Die Jahre vergingen und sie gebar zwei Bärenkinder. Sie waren alle glücklich miteinander. Die beiden Brüder der Frau entdeckten bei der Jagd im Winter die Höhle im Wald, und bevor die Frau sie daran hindern konnte, töteten sie den Bärenmann. Sie zwangen die Frau, mit ihren Kindern zurück ins Lager zu kommen. Dort lehrte die Frau die Menschen, was sie in der Zeit mit dem Bären gelernt hatte. Doch die Menschen wurden neidisch auf sie, denn sie hatte großes Wissen erlangt. Die Menschen des Stammes misshandelten die Bärenkinder und waren misstrauisch und unfreundlich gegenüber der Frau. So beschloss sie, wieder in die Wälder zurück zu gehen. Sie kannte nämlich die Sprache der Tiere und die Tiere waren nun ihre engsten Verwandten geworden. Die Geschichte erzählt von der Verwandtschaft zwischen Menschen und Tieren, ja eigentlich von dem natürlichen Verhältnis der Menschen zur Natur selbst. Der Kommentar der Indianer, für den Fall, dass wir es noch nicht begriffen hätten, lautete dazu: „Wenn ihr etwas für Mutter Erde tun, sie und euch heilen wollt, dann ist es unerlässlich zu wissen, dass wir alle miteinander verwandt und füreinander verantwortlich sind: Pflanzen, Tiere, Menschen“. Mit weiteren Geschichten lehrten sie uns, dass Pflanzen unseren Leib, die Tiere unsere Seele heilen können. „Und da ihr mehr an eurer Seele als am Leib erkrankt seid, ist es für euch in eurer Kultur wichtig, sich wieder mit den Tieren zu verbinden“. (In meinem Buch „Tierverbündete“ berichte ich ausführlicher darüber)
Es gibt eine universelle Sprache der Natur, die alles in der Schöpfung miteinander verbindet. Sie zu kennen war und ist für die Naturvölker unentbehrlich zum Überleben. Uns westlichen Menschen ist diese Sprache weitgehend unbekannt. Zu laut und rastlos ist dafür unser Leben: Diese Sprache zu verstehen bietet Einblicke in die komplexen Zusammenhänge und Kreisläufe der Natur. Das Wissen darum befähigt den Menschen, in Harmonie mit der Natur und mit sich selbst zu leben. Um diese universelle Sprache zu erlernen ist es wichtig, die Wahrnehmung zu erweitern, die Wahrnehmungsspanne auszudehnen.
Tiere sind dafür gute Lehrmeister. Jede Hauskatze beherrscht diese Kunst. Tiere sind ganz sie selbst, sie leben vollkommen im Hier und Jetzt und können uns wieder mit der lebendigen Wirklichkeit der Natur und unseres eigenen Lebens verbinden. Der achtsame Umgang mit der Natur lässt uns mehr und mehr erleben, dass alles mit allem verbunden ist. Das Gewahrwerden von Synchronizität zwischen Mensch und Tierwelt, von Mensch und der ganzen Natur, ist ein Schlüssel zum Erleben der ganzheitlichen Welt. Wieder zurück in Deutschland, fiel mir die verhängnisvolle Überheblichkeit unserer Kultur gegenüber den Tieren, ja der ganzen Natur in fast unerträglicher Weise auf. Als Krone der Schöpfung waren wir weit davon entfernt, eine Verwandtschaft allen Lebens zu erfahren und verantwortungsvoll mit der Natur umzugehen. Artensterben, Klimawandel und Tierseuchen sind ein Ergebnis der völligen Ökonomisierung der Natur. „In unserem Geist hat sich zu viel Arroganz angesammelt, zu viele Tendenzen, unsere Umwelt zu zerstören“, wie es Leonardo Boff, der bekannte brasilianische Theologe einmal beschrieben hat, dem 2001 der Alternative Nobelpreis verliehen wurde. Eine neue „Zeit der Tiere“, könnte uns helfen, wieder ein Teil vom Netz des Lebens zu werden.