Mit der Gotik erlebte Europa im 12. und 13. Jahrhundert die erste internationale Stilepoche, deren herausragendste Schöpfung die Vielzahl von beeindruckenden Kathedralen ist, die wir noch heute bewundern. Nie zuvor und kaum je wieder danach wurde in Europa im Bereich der spirituellen Kunst Größeres erschaffen als in der Epoche der Gotik. Erstaunlicherweise bestand die ökonomische Basis für diese einzigartige kulturelle Blüte in einem feudalen System der permanenten Geldentwertung.
Die Gotik entwickelte sich in einem Umkreis von 150 Kilometern um Paris, ausgehend von der Ile-de-France. Hier entstanden vom 11. bis 13. Jahrhundert etwa 150 Kirchenbauten, darunter etwa 20 herausragende große Notre-Dame-Kathedralen. Dieses Gebiet war aber nicht nur architektonisches, sondern auch geistiges Zentrum Europas. Hier wurde die Scholastik geboren, die in den berühmten Kathedralschulen ihren Ausdruck fand. In vielen Städten, in denen es gotische Kathedralen gab – z.B. Laon, Chartres, Reims, Paris – waren auch Kathedralschulen, die Vorläufer der späteren Universitäten, ansässig. Aus diesen Schulen gingen bedeutende Gelehrte und Autoren des Mittelalters hervor.
Das in den Kathedralschulen in Form der sieben freien Künste als Trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) gelehrte Wissen gründete sich vor allem auf Platon und Pythagoras. Das Wissen hatte einen deutlichen Bezug zur Spiritualität: Es sollte dem Menschen bzw. seiner Seele den (Rück-)Weg zu Gott ebnen. Abbildungen der sieben freien Künste in Form von Skulpturen finden sich an vielen Kirchenportalen. Seinen sichtbaren Ausdruck fand das geometrische und musikalische Wissen in der Architektur der Gotik. Die Geometrie war der Schlüssel, um den Baugedanken mit dem der Schöpfung zugrunde liegenden Weltgedanken zu verbinden. Die Kathedralen spiegelten die göttliche Harmonie der höheren Sphären wider und repräsentierten das „himmlische Jerusalem“ auf Erden. Sie waren perfekt bis in die nicht sichtbaren Details hinein ästhetisch gestaltet.
Einzelne Vorläufer gotischer Merkmale, z.B. das Kreuzrippengewölbe, Spitzbögen und Strebepfeiler, tauchten bereits vor dem 11. Jahrhundert an verschiedenen französischen Kirchen auf, bis mit dem Bau der Kathedrale von St. Denis in der Nähe von Paris zum ersten Mal eine rein gotische Kathedrale entstand.
Der „Prototyp“ von St. Denis – der Chorneubau einer Klosterkirche, die über Jahrhunderte als königliche Grablege diente – wurde von Abt Suger ab 1137 erbaut. Suger war als königlicher Kanzler eine Art „graue Eminenz“ des damaligen französischen Königs Ludwig VI. des Dicken. Die Entstehung und Verbreitung der gotischen Kathedralen ab 1144, beginnend mit St. Denis, fällt zeitlich zusammen mit dem Aufstieg der französischen Krone, die sich mehr und mehr aus der unbedeutenden Rolle des in viele kleine Herrschaftsgebiete zerfallenden westfränkischen Reiches befreite. Von daher sieht man auch häufig in der Verbreitung der Gotik einen politischen Aspekt: Der neue Stil wurde gewissermaßen zum prominenten Exportschlager Frankreichs in den Gebieten der Ile-de-France und der Picardie – später dann in ganz Europa – und untermauerte damit architektonisch sichtbar den neu entstandenen Herrschaftsanspruch des französischen Königtums.
Im Hinblick darauf wie auch auf den geistigen Hintergrund der gotischen Baukunst konnte der päpstliche Legat Eudes de Chateauroux im 13. Jahrhundert schreiben: „Frankreich ist der Ofen, wo das geistige Brot der Menschheit gebacken wird.“ – Nach St. Denis entsteht innerhalb von nur knapp anderthalb Jahrhunderten eine Reihe von Kathedralen auf französischem Boden, die sich gegenseitig an Größe, Höhe, Breite und Schönheit übertrafen.
Schaut man sich den ökonomischen Hintergrund der gotischen Blüte an, so sieht man, dass fast alle Städte Nordfrankreichs, in denen gotische Kathedralen wie auch Kathedralschulen errichtet wurden, bischöfliche Münzprägestätten und ebenso Marktstädte waren. Bereits Karl der Große hatte ab 794 im sog. „Karolingischen Münzfuß“ das Gewicht der Münzen verbindlich festgelegt: Aus einem Pfund Feinsilber waren 240 Denare zu prägen, die jeweils ein Gewicht von 1,7 Gramm haben mussten. Ein Pfund hatte somit 408 Gramm, was dem Gewicht von 15 römischen Unzen zu gut 27 Gramm entsprach. Es galt:
12 Denare (oder Pfennige) = 1 Solidus (oder Schilling)
20 Denare = 1 Unze bzw. ein Pfund („pondus Caroli“).
Der „Denar“, lat. „denarius“ (von „decem“ = „zehn“), frz. „denier“, wurde nach der weit verbreiteten Münze des römischen Geldsystems bezeichnet. Als Münzen ausgeprägt wurden im fränkischen Reich nur Denare, während Solidus (frz. „sous“) und Pfund lediglich Recheneinheiten auf Papier oder Pergament waren. Mit der Münzreform Karls des Großen wurde für etwa 500 Jahre in Westeuropa die Silberwährung etabliert. Dennoch gab es noch mehrere Jahrhunderte lang weite Gebiete, in denen parallel zur Geldwirtschaft die Naturalund die Tauschwirtschaft weiter existierten.
Das Münzregal, also das hoheitliche Recht des Kaisers zur Münzprägung, wurde in wachsendem Maße an Herzöge, Markgrafen sowie andere höhere Adlige vergeben und schließlich, in einem weiteren Schritt, an Bischöfe, Klöster und Abteien, zuletzt an Städte, als diese mehr und mehr wirtschaftlich aufblühten. Die immer größere Ausdehnung der Münzhoheit zog sich bis weit ins 11. Jahrhundert hinein.
Konkret kann man sich das folgendermaßen vorstellen: Adlige, Bischöfe und Kirchenfürsten sowie Klöster waren bestrebt, aus ihren landwirtschaftlichen Gütern Einnahmen zu erzielen. Sie wollten die in ihrem Herrschaftsgebiet hergestellten bzw. erwirtschafteten überschüssigen Produkte, die sie nicht selbst brauchten, verkaufen, um andere benötigte Güter erwerben zu können. Voraussetzung dafür war jedoch die Einrichtung von Märkten zum Warentausch bzw. -(ver)kauf sowie das Vorhandensein von Geld.
In vielen Gegenden, in denen es ursprünglich noch keine Märkte gab, baten die jeweiligen Herrscher den Kaiser oder König, einen Markt einrichten zu dürfen. Die Monarchen waren durchaus bestrebt, den Handels- und Geldverkehr anzuregen, zumal sie davon profitierten. So wurde dann häufig das Recht für „Markt, Münze und Zoll“ auf Ersuchen eines weltlichen oder kirchlichen Herrschers erteilt. Das Recht, einen Markt einrichten zu dürfen, war fast immer mit dem Recht verbunden, Münzen prägen zu dürfen. Denn in Anbetracht unsicherer Straßenverhältnisse und vieler Überfälle war es kaum zumutbar, Geld über weite Distanzen zu transportieren. Es war somit unumgänglich, den jeweiligen Markt durch Münzen vor Ort mit Geld für den Tauschhandel
auszustatten.
Seit karolingischer Zeit konzentrierten sich die Münzstätten im Gebiet zwischen Seine und Rhein. Paris, Reims, Amiens, Sens, Le Mans, Meaux, Tours, Noyon, Bourges, Troyes, Auxerre und Laon – alles Kathedralstädte – besaßen sogar schon vor Karl dem Großen ungefähr ab 760 bischöfliche Münzhoheit; Rouen, Senlis und Orléans durften ungefähr ab 800, St. Denis und Châlons-sur-Marne etwa ab 850, Beauvais, Soissons und Bayeux etwa ab 980 Münzen prägen. Dasselbe ist auch weiter westlich zu beobachten: Köln, Aachen, Mainz, Strassburg und Mailand besaßen ab etwa 760 oder 800 Münzhoheit, wurden zu bedeutenden und vergleichsweise großen Handelsstädten des Mittelalters und brachten herausragende, teilweise gotische Kathedralen hervor. Die Karte zeigt die Zusammenhänge vor allem im Kernland der Gotik.
Das Umgekehrte gilt allerdings nicht: Man kann zwar feststellen, dass die allermeisten Städte mit gotischen Kirchen in Nordfrankreich Münzhoheit besaßen, aber nicht, dass alle Städte, die Münzhoheit besaßen, auch gotische Kirchen hervorgebracht hätten. Die Münzhoheit erstreckte sich wesentlich weiter über die fränkischen Reiche, als sich die Gotik von ihrem Kernland, der Ile-de-France, ausbreitete. Dennoch ist der Zusammenhang zwischen dem Münzwesen und der Blüte der Gotik offensichtlich: Schon über zwei bis vier Jahrhunderte vor der Entstehung der Gotik hatten sich diese Städte mit ihren Märkten zu blühenden Handelsplätzen entwickeln können.
Außergewöhnlich ist nun, dass ab dem 11. Jahrhundert permanente Geldentwertungen überhand nahmen. Waren sie früher schon aus technischen Gründen erforderlich – weil sich die Münzen, insbesondere die einseitig geprägten Brakteaten, abnutzten und weil bei ungeschickten Prägungen ein Teil des Silbers verloren ging –, so wurde nun aus den Münzverrufungen mehr und mehr ein profitables Geschäft der Münzherren. Es wurde üblich, zwei- bis viermal jährlich, z.B. anlässlich eines geplanten Kreuzzuges, kirchlicher Feiertage oder Messen – die ja, wie das Wort schon sagt, zugleich auch Handelsmessen waren –, Münzverrufungen mit Gewichtsverschlechterungen bzw. Reduzierung des Silbergehalts vorzunehmen, wobei der Abschlag immer größer wurde und jeweils 10 bis 25 Prozent betrug. Häufig wurden für 12 eingezogene nur 9 neue Pfennige ausgezahlt. Am sog. „Schlagschatz“, der beim Auswechseln der Münzen entstand, verdienten die jeweiligen Landes- und Kirchenherren ebenso wie König oder Kaiser.
Die Geldentwertung nun erwies sich für die Handels- und Münzstädte nicht als hemmend, sondern im Gegenteil als förderlich. Viele Städte stiegen im 12. Jahrhundert mit den gotischen Kirchen und den Kathedralschulen sogar zu geistigen und religiösen Mittelpunkten Europas auf.
Landläufig gelten die ständigen Münzverrufungen im Mittelalter als Zeichen einer zerrütteten Geldordnung und eines heillosen Währungsdurcheinanders. Doch hatten sie ihre positiven Seiten. Zwar litt die Bevölkerung unter der dauernden Geldentwertung, da eine Kapitalbildung unmöglich war. Doch andererseits führte das System auch zu bemerkenswerten Investitionen: Die ständigen Münzentwertungen nahmen den Menschen zwar das Gefühl von materieller Sicherheit, führten jedoch auch dazu, das Geld ohne Unterbrechung in Umlauf zu halten und das Erworbene schnellstmöglich wieder auszugeben. Leben fand jetzt statt, nicht später – wenn die Kasse stimmte.
Die Domherren von Chartres z.B. nahmen einen Betrag von umgerechnet 700.000 bis 900.000 Dollar jährlich – nach heutigen Maßstäben (!) – ein, also ein echtes Vermögen. Wenn man sich vorstellt, wie sehr sich die mehrfache Abwertung eines solchen Vermögens jährlich auswirkte (bei vier Münzverrufungen pro Jahr um jeweils 25 Prozent handelte es sich um eine etwa 70-prozentige Entwertung!), so wird verständlich, warum man lieber mit vollen Händen das Geld ausgab und es in den Neubau gotischer Kathedralen investierte, als es zu sparen.
Eine Vielzahl von Handwerkern und Künstlern konnte mit Arbeiten aller Art beauftragt werden, wobei man nicht kleinlich zu rechnen brauchte und sicher auch Geld zum Experimentieren zur Verfügung stellte. Handwerk und Kunst konnten aus dem Vollen schöpfen. So gelang es in der Gotik, technische und künstlerische Probleme zu lösen, denen man in der Romanik noch nicht gewachsen war: Kirchenschiffe konnten zum Ruhme Gottes erheblich höher und breiter gebaut werden als noch in der Romanik, ohne einzustürzen. Auch die Kunst der Glasmalerei erreichte in der Gotik ihren Höhepunkt. Es gelang, Fenster von enormer Höhe und Größe nicht nur ästhetisch zu gestalten, sondern auch statisch perfekt in die filigranen Kirchenschiffe einzufügen. – Neben dem Klerus engagierte sich die einfache Bevölkerung beim Bau der Kathedralen, z.B. durch Stiften von Fenstern.
Die Menschen hatten damals mit dem Bau einer Kathedrale den Mut, ein Werk zu beginnen, dessen Ende und Ausgang sie nicht kannten und nicht kennen konnten. Sie fingen aus Begeisterung für die Sache selbst, aus religiösem Eifer (im positiven Sinne, nicht mit dem Unterton des „Bekehrungseifers“) an, ohne das Ende überblicken zu können. Man wusste damals weder, wann eine Kirche fertig sein würde, noch wie viel Geld dafür überhaupt notwendig war – Letzteres umso weniger, als die vielen Kirchenbauten praktisch fast alle gleichzeitig entstanden, so dass niemand die Kosten zur Gänze übersehen konnte. Kathedralen wurden nicht vor-, nach- und gegenfinanziert; ihnen lagen keine Businesspläne modernen Zuschnitts zugrunde.
So kam es vor, dass bei etlichen Kirchenbauten der Geldfluss ins Stocken geriet. Der reichen Diözese Chartres soll etwa – trotz allen Engagements beim Start des Baus der Kathedrale im Jahre 1194 – schon nach drei Jahren das Geld ausgegangen sein. Nichtsdestotrotz wurde ohne Unterbrechung bis 1224 weitergebaut, bis der Bau fertig war. Die geschichtlichen Quellen geben keinen Aufschluss darüber, woher man das fehlende Geld so schnell bezog; die Antwort kann nur im damaligen Währungs- und Geldsystem liegen.
Ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts veränderten sich die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse radikal: Zwischen England und Frankreich begann der Hundertjährige Krieg (1339-1453), der in Frankreich mit einer Münzverrufung zur Kriegsfinanzierung eingeleitet wurde. In den kritischen Kriegsjahrzehnten des 15. Jahrhunderts wurden sogar sämtliche Münzstätten in ganz Frankreich außer in Paris, Toulouse und Montpellier geschlossen. Hinzu kommt, dass die Edelmetallförderung der Silberbergwerke im 14. Jahrhundert versiegte und sich die Geldmenge massiv verringerte. Die europäische Bevölkerung litt unter den Kriegen wie auch unter der Pest. Die Landwirtschaft lag darnieder, der Handel stagnierte.
Zahlreiche Münzfunde belegen, dass es parallel zur Liquiditäts- und Wirtschaftskrise des 14. und 15. Jahrhunderts europaweit zu einem gesteigerten Hortungsverhalten in der Bevölkerung kam. Das wenige Geld, das noch vorhanden war, wurde nicht mehr ausgegeben, sondern dem Geldumlauf durch Horten entzogen: Münzen wurden in Tonkrügen in der Erde vergraben oder zu Silbergeräten, Brokattuchen, Innendekorationen usw. verarbeitet, um sie bei Bedarf später durch Einschmelzen und Neuvermünzung wieder in Verkehr bringen oder beleihen zu können.
Das Horten des Geldes war Ausdruck der Angst in der Bevölkerung: Man wollte sich gegen die schlechter werdenden Zeiten absichern, indem man sich einen Silbervorrat zulegte. Parallelen zwischen der Gegenwart und dem Mittelalter sind offensichtlich: Wir erleben heute mit dem „Angstsparen“, dass das Geld während der wirtschaftlichen Depression gehortet und damit dem Geldkreislauf entzogen wird. Aber wir erleben – zumindest in einzelnen Gebieten – mit dem Regio(nal)geld, wie z.B. dem Chiemgauer, auch, dass es trotzdem zu wirtschaftlicher Blüte kommen kann, wenn Geld einer permanenten Entwertung unterliegt und daher lieber ausgegeben anstatt gespart wird.
Mit dem knapper werdenden Geld, der wirtschaftlichen Depression und dem Elend der Bevölkerung versiegte auch die schöpferische Quelle der Gotik. Die kulturelle Blüte des 11. bis 13. Jahrhunderts war unwiederbringlich zu Ende; das Zeitfenster hatte sich geschlossen. Viele gotische Bauwerke, die bis zum Ausgang des 14. Jahrhunderts nicht vollendet werden konnten, blieben unvollendet, oder ihre Fertigstellung verzögerte sich um viele Jahrzehnte, wobei man oft „auf Raten“ während kurzer Erholungsphasen zwischen den Kriegen jeweils für einige Jahre weiterbaute. Man denke an den Kölner Dom, der 1268 begonnen wurde und dessen Vollendung sich bis ins 19. Jahrhundert dahinschleppte.
„Wenn sich Kultur in der Vergeistigung des Stoffes zeigt, in der Kunst, allezeit vorhandene Materie zu beseelen, Gestaltungen zu bilden, die etwas Tieferes im Menschen anrühren und etwas in ihm zum Klingen bringen, das ihn über den Alltag hinaushebt, ihn wieder aufrichtet und ihm das Gefühl gibt, als Mensch doch mehr zu sein als ein sprachbegabtes Tier, dann ist es echte Kultur. Daran war das hohe Mittelalter reicher als wir – auch wenn mitunter noch Borstentiere über die Straße der mittelalterlichen Stadt liefen und Asphaltstraßen, Neonlicht, Staubsauger und Radio unbekannte Begriffe waren“ (Karl Walker: Das Geld in der Geschichte. Zürich 1999, S. 62).