Die Entdeckung des Unbewussten

Die Entdeckung des Unbewussten

Sigmund Freud zum 150. Geburtstag

Am 6. Mai jährt sich der 150. Geburtstag des Begründers der Psychoanalyse. Der Arzt und Neurologe Sigmund Freud (1856-1939) hat die abendländische Vorstellung vom Menschen umgekrempelt wie wohl kaum ein anderer. Mit ihm begann eine ganz neue Auseinandersetzung mit der Psyche. Und die Diskussion setzt sich bis heute fort.

Am 6. Mai jährt sich der 150. Geburtstag des Begründers der Psychoanalyse. Der Arzt und Neurologe Sigmund Freud (1856-1939) hat die abendländische Vorstellung vom Menschen umgekrempelt wie wohl kaum ein anderer. Mit ihm begann eine ganz neue Auseinandersetzung mit der Psyche. Und die Diskussion setzt sich bis heute fort.

Beleidigung des Egos

Sigmund Freud schätzte seine Psychoanalyse als die „dritte Beleidigung des menschlichen Narzissmus“ ein. Narziss ist jener mythische Schönling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Er ist – wie wir alle – auf ein Bild von sich selbst fixiert. Wir nennen das landläufig Ego. Und diesem Ego geht es nun an den Kragen, an seine Schminke und sein überhebliches Getue – an seine Selbstverliebtheit. Die erste Beleidigung des Menschen sei Kopernikus’ Entdeckung gewesen, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Die Erde stellt nicht den Mittelpunkt des Universums dar, sondern ist nur einer von unzähligen, möglicherweise ebenfalls bewohnten Planeten. Damit rückt auch der auf ihr lebende Mensch in eine peinlich unbedeutende Position. Der Gott des Mittelalters kann ihn nicht mehr wie auf dem Präsentierteller beobachten und behüten, belohnen und bestrafen. Die zweite Ohrfeige verteilte Charles Darwin mit seiner Theorie, dass der Mensch vom Affen abstamme. Das ließ sich kaum noch mit der Vorstellung vom Menschen als Ebenbild Gottes vereinbaren. Trotz allgemeiner Empörung, die auch heute noch nicht abgeklungen ist – die Biologen, Gen- und Gehirnforscher haben die niederschmetternden Beweise erbracht:
Der Mensch ist nicht etwa ein entfernter Verwandter oder eine herausragende Weiterentwicklung, nein: er ist ein Affe. Er gehört zur Art der „Schimpansenartigen“. Weder sein Verhalten noch seine Gehirnstruktur weisen auf einen gewaltigen „Evolutionssprung“ hin. Die „dritte Beleidigung“ ist Freuds eigenes Modell vom Ich. Eingequetscht zwischen den unbewussten Wünschen und Trieben des „Es“, den gesellschaftlichen Normen des „Über-Ich“ und den Anforderungen der wahrgenommenen Umgebung kann es kaum mehr als eine hilflose Diener- oder Vermittlerrolle spielen. Die Psychoanalyse bietet sich dem eingeklemmten Ich als Helfer an. Es kann sich einiger der unbewussten Kräfte bewusst werden und sie teilweise in sein alltägliches Leben integrieren.

„Gegen Angriffe kann man sich wehren, gegen Lob ist man machtlos“ (Sigmund Freud)

Vom Neurologen zum Psychiater

Sigmund Freud begann seine Karriere in Wien als Gehirnforscher, nicht als Psychologe oder gar Psychotherapeut. Er studierte Medizin, war Schüler von Ernst Brücke, der alles Geistige auf Gehirnprozesse zurückführen wollte. 1883-1886 erforschte Freud als Assistenzarzt im Labor des Hirnanatomen Theodor Meynert, der als führender Neurologe in Europa galt, die Stammhirn-Funktionen von Wirbeltieren. 1896 arbeitete er mit seinem Kollegen, dem Neurologen Joseph Breuer, an den „Studien über die Hysterie“, zugleich aber auch an einer Schrift über das Nervensystem. Dieser erst 1950 veröffentlichte „Entwurf einer Psychologie“ integriert die damals neue Erkenntnis, dass das gesamte Nervensystem des Körpers aus Nervenzellen (Neuronen) aufgebaut ist und dass bestimmte Teile des Gehirns für unbewusste, andere für bewusste Vorgänge zuständig sind.

Freuds Durchbruch ist „Die Traumdeutung“ (1900). Das Psychisch-Unbewusste beweist seine Existenz in unseren Träumen. Und wir haben Zugang zu ihm, wir können es verstehen über die verschlüsselten Traumsymbole.

In den nächsten Jahren folgen weitere wichtige Abhandlungen. Die Psychoanalyse wächst schnell als eine neue und eigenständige Richtung zwischen Psychologie und Medizin. Einige Grundbegriffe der Psychoanalyse sind so populär geworden, dass sie heute zur alltäglichen Sprache und zum Selbstverständnis des westlichen Menschen gehören. Unbewusst, unterbewusst, Es, Über-Ich, Hysterie, Neurose, Projektion, Verdrängung, Zensur, Ödipus-Komplex, Penisneid, Sexual- und Todestrieb, Lustprinzip, Libido…Wir machen uns gegenseitig auf „Freud’sche Versprecher“ aufmerksam, deuten Träume als Symbolsprache oder Bilder für „verdrängte sexuelle Wünsche“ und gehen wie selbstverständlich davon aus, dass ein großer Teil unseres Verhaltens „unbewusst“ ist.

Wie wir uns selbst sehen

Mit „unbewusst“ meinen wir allerdings meist ein antrainiertes oder „automatisiertes“ Verhalten. Gehen, Essen, Autofahren. Alles, was wir gelernt haben, läuft automatisch ab. Wir können zwar jederzeit, müssen aber nicht bewusst bei der Sache sein. Das ist nicht das eigentliche Thema der Psychoanalyse. Ihr „Unbewusstes“ ist dem Ich verschlossen. Es hat die Tür gleichsam von innen zugesperrt. Das Ich weiß nichts von dem, was hinter der Tür verborgen ist. Und doch bestimmt dieses Verborgene unsere Entscheidungen, unser Leben.

Beliebter Krimistoff: Ein psychopathischer Serientäter ermordet rothaarige Frauen. Seine Mutter war rothaarig. Sie hat ihn als Kind grausam bestraft. Doch er hat das vergessen, „verdrängt“. Keinesfalls absichtlich oder bewusst. Das Unbewusste hat zum Schutz des bewussten Ich „zensiert“. Keine Erinnerung. Doch leider bleibt etwas anderes: der für den Killer selbst unerklärliche und unkontrollierbare Drang, rothaarige Frauen zu töten.

Mit derartigen vereinfachten Bildern von der Macht des Unbewussten sind wir geradezu überfüttert. Irgendwo lauert nun stets der Verdacht: Weiß ich wirklich, was ich tue? Könnte es da nicht ein Kindheitstrauma geben, das mich daran hindert, eine Beziehung einzugehen? Warum habe ich so wenig Selbstvertrauen? Liegt das an der Dominanz meines Vaters? Oder bin ich gar als Kind missbraucht worden?

Die komplexe Theorie von Freud und die vielen therapeutischen Richtungen, die im 20. Jahrhundert daraus entstanden, kann ich hier nicht einmal annähernd skizzieren. Doch soviel möchte ich behaupten: Die Psychoanalyse hat erheblich dazu beigetragen, dass wir unserem bewussten Ich weniger Kontrolle, Selbständigkeit und Entscheidungsfreiheit zutrauen. Die „dritte Beleidigung“ hat gesessen.

Die Auswirkungen sind durchaus nicht negativ. Die Effektivität von Freuds Psychoanalyse war zwar von Anfang an und ist heute erneut recht umstritten. In den USA, wo bereits 1911 die „amerikanische psychoanalytische Vereinigung“ gegründet wurde, genießt Freud einerseits hohes Ansehen – Alfred Hitchcock benutzte in den 50er und 60er Jahren Freuds Theorie für spannende Handlung und dramatische Effekte. Andererseits häuften sich seit den 70er Jahren die Witze über die ewigen Psychiaterbesuche, nicht zuletzt in den Woody- Allen-Filmen. Die jahrelangen „Couch-Sessions“ mögen oft nicht die erwartete Heilwirkung haben. Was aber unter dem Strich bleibt, ist ein geschärftes Bewusstsein für das, was wir „Ich“ nennen – und damit eine gewisse Bereitschaft, mit der „vierten“ Beleidigung umzugehen: Nämlich dass das Ich eine Illusion ist. Das ist das Ergebnis heutiger neurologischer Forschung.

Mit Sigmund Freud bekam die Frage nach unserem Wesen einen neuen Impuls, einen Dreh, der sich mit den östlichen Philosophien des Vedanta und des Buddhismus verbinden lässt. In diesen Traditionen gilt das Ego als Einbildung, als flüchtiger Gedanke. Unsere Person, Werte, Stellung in der Gesellschaft sind ebenso flüchtig. Die Idee, dass wir mit unserem Verstand alles kontrollieren können, hat Freud nachhaltig untergraben. Wir müssen tiefer suchen, um zu unserem Kern vorzudringen.

eZ Publish™ copyright © 1999-2012 eZ Systems AS