Leben, das zu sich selbst kommen will

Leben, das zu sich selbst kommen will

Von der Spiritualität des Sich-Verliebens oder Warum Eros einen Weg zu Gott bahnt

Den frühen Kirchenvätern ist es zu verdanken, dass die Liebe in eine himmlische und eine irdische aufgespalten wurde. Christoph Quarch stellt dar, wie sich diese „Moralisierung“ auf uns bis heute ausgewirkt hat und wie wir zur ungeteilten Liebe zurückfinden können.

Liebe hat Konjunktur. Zwar nicht gerade als Realität im wirklichen Leben, wohl aber in Büchern, Seminaren und Internet-Foren. Da wird fleißig über die Liebe gechattet, da wird der „Weg des Herzens“ gelehrt, da wird sie als „unordentliches Gefühl“ denunziert. Und wenn Sie „Liebe“ googlen, bekommen Sie satte 150 Millionen Einträge – ein unerschöpfliches Thema, zu dem immer noch nicht alles gesagt zu sein scheint; und zu dem auch tatsächlich noch nicht alles gesagt ist. Im Gegenteil: Mir scheint, dass noch einiges über die Liebe gesagt werden muss – ganz einfach, weil sie ein Phänomen ist, über das jede Menge Einseitigkeiten, Missverständnisse und Irritationen kursieren. Vor allem im Bereich der Spiritualität.

Liebe und Spiritualität

Da freilich boomt die Liebe ganz besonders. Und wenn Sie einen Konvent der spirituellen Meister aller Traditionen einberufen würden, könnten Sie sicher davon ausgehen, dass über eines große Einigkeit besteht: Liebe ist wichtig, Liebe ist heilig, Liebe ist äußerst spirituell… – Nur was dabei jeweils gemeint ist, bleibt oft unklar. Denken die einen an die bedingungslose, nichts und niemandem anhaftende Liebe des Erleuchteten, so geht es den anderen um das erotische Entflammt-Sein eines ins Göttliche verliebten Herzens. Meinen die einen ein engagiertes und tatkräftiges Handeln für die Armen und Schwachen, denken die anderen an sexuelle Ekstasen im Tantra- Kurs. Und auch wenn es auf Anhieb nicht so aussieht: Sie alle haben irgendwie Recht. Denn die Liebe ist ein weites Feld – und ihre Erscheinungsformen sind mannigfaltig.

Sie haben aber auch nur „irgendwie“ Recht, und dieses Recht hört genau da auf, wo jemand beansprucht, seine Sicht der Liebe sei die einzig richtige, oder gar allein seligmachende. Und wer eine andere Erscheinungsform der Liebe als spirituelle Praxis lehre, sei auf dem Irrweg. Nicht nur, dass dies reichlich lieblos wäre – es wäre auch buchstäblich ein-fältig, da die Liebe nun einmal vielfältig ist; so vielfältig wie das Leben.

Die Vielfalt der Erscheinungsformen der Liebe zu würdigen, sollte nun aber auch nicht dazu verführen, aus dem Blick zu verlieren, dass es bei all diesen Erscheinungsformen offenbar auch etwas Gemeinsames gibt: etwas, das es rechtfertigt, von den Erscheinungsformen dieses einen, wundersamen Phänomens Liebe zu reden. Und die Gefahr der einfältigen und kurzgreifenden Deutung der Liebe – gerade in spirituellen Fragen – ist dann besonders groß, wenn ein Bewusstsein für dieses Gemeinsame fehlt: für dasjenige, was – philosophisch gesprochen – das eigentliche Wesen der Liebe ausmacht.

Die Liebe packt uns alle beim Genick und schleppt uns Zappelnde zu Gott. Rumi

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