Als ich Christian Meyer in der alten Bibliothek des von Willigis Jäger geleiteten Benediktushofs in Holzkirchen bei Würzburg gegenübersitze, sehe ich in seinen blauen Augen innere Ruhe und forschende Intensität, eine Kombination von Qualitäten, die mir schon bei früheren Gesprächen mit einigen bedeutenden spirituellen Lehrern und Lehrerinnen unserer Zeit aufgefallen ist. Doch sieht er sich selbst als einen spirituellen Lehrer? So frage ich ihn:
Ja, ich verstehe mich als einen spirituellen Lehrer, und was ich lehre, ist das Aufwachen. Meine Arbeit soll Menschen darin unterstützen, dass sie zum Aufwachen finden.
Die innere Basis ist natürlich das eigene aufgewachte Sein. Aber ich glaube, dass das nicht ausreicht. Ich glaube, dass viele Lehrer zu schnell nach dem Aufwachen Satsang geben und nicht realisieren, dass man auch lernen muss, wie man mit Menschen arbeitet, wie man das Psychische und das Spirituelle berücksichtigt und wie man Menschen wirksam begleiten kann.
„Was ich lehre, ist das Aufwachen“ Christian Meyer
Ja, das sollten sie tun!
Ich glaube, dass das Lehrersein sehr viel auch mit wirklichem Arbeiten, Verstehen, Erfahrung usw. zu tun hat. Ich hatte vor meinem Aufwachen ja schon 20 Jahren therapeutisch gearbeitet und war da auch auf dem spirituellen Weg. Ich hatte einen guten spirituellen Lehrer, Leland Johnson († 2003) – ein amerikanischer Psychotherapeut und Schüler von Muktananda, der den Siddha Yoga-Weg lehrte. Ich habe also eine lange Erfahrung mit Yoga, Meditation, Gestaltund Körpertherapie und Trancearbeit, habe das miteinander verbunden. Das war mein Hintergrund, bevor ich anfing, spirituell zu lehren, und so konnte ich auf vieles zurückgreifen. Darüber hinaus bin ich auch nach meinem Aufwachen bei meinem endgültigen Lehrer auf Jahre hinaus „in die Lehre gegangen,“ um zu lernen, um das Aufwachen zu integrieren und zu vertiefen, und auch, um eben das Lehren zu lernen.
Ich bin zu Eli Jaxon-Bear gekommen und hörte dort zum ersten Mal, dass Aufwachen in diesem Leben möglich ist. Im Siddha-Yoga dauert das viele Leben. Und ich habe für mich gemerkt – und das ist auch etwas sehr Wichtiges in meiner Arbeit geworden –, dass diese innere Öffnung für die Möglichkeit, hier und jetzt aufzuwachen, plötzlich auch die Energien ganz anders ausrichtet. So war ich dann auf zwei Retreats bei Eli, wir haben mit dem Enneagramm gearbeitet, damit zusammenhängende spirituelle Fragen bearbeitet und dann ist das Aufwachen folgendermaßen geschehen:
Ich saß bei ihm, am vorletzten Tag eines Sommer-Retreats, und da gab es eine Bewusstseins-Übung, die ich nun auch in meinen Retreats und Seminaren vermittele, wo es darum geht, sich immer tiefer nach innen fallen zu lassen in das, was gerade gefühlt wird. Man kann da ein inneres Fallen erleben. Als am nächsten Tag das Retreat zu Ende war, habe ich mich auf eine Terrasse gesetzt – eine sehr schöne Terrasse mit weitem Blick über den See (lacht) – und die Augen geschlossen, und da setzte das Fallen wieder ein. Bei dem Fallen fühlte es sich so an, als würde ich durch einen sehr engen Schacht gleiten – nicht als Bild, sondern als Erfahrung von Enge. Der Atem geht dabei sehr zurück. Der Körper scheint nur noch auszuatmen. Inzwischen haben mir Dutzende von Schülern von einer ganz ähnlichen Erfahrung berichtet. Es ist also etwas Typisches und ein wichtiger Schritt in dem Prozess.
Der Körper atmet aus und nur noch ganz zart ein, und manche haben dabei Angst zu ersticken. Glücklicherweise konnte ich es geschehen lassen, auch weil ich mich an die Yogatechnik des Feueratmens erinnerte, und fiel durch die Enge hindurch in einen sich weitenden Raum, wo das Fallen in ein Schweben übergeht. Und aus dem Schweben wird dann ein Fliegen. Und daraus wird dann schließlich das Erleben, dass man nicht mehr im Raum, sondern der grenzenlose Raum selbst ist. Das ist ein typischer Prozess, wie Aufwachen geschieht. Ich erlebe das bei meinen Schülern, dass sie es genauso beschreiben. Einige lassen es geschehen und wachen auf, andere stoppen. Aber so kann man sich sehr genau mit der Bewusstheits- Übung vorbereiten. Sie hat mit dem Atem und einer besonderen Durchlässigkeit des Körpers zu tun, dieses besondere Atmen zuzulassen. Und mit Hingabe.
„Es gibt weder ein Schicksal, also Vorherbestimmtheit, noch einen freien Willen.“ Ramana Maharshi
Ja, das ist mir auch aufgefallen, und wir haben da weiter geforscht. Man fühlt nämlich nicht nur, dass man fällt, sondern erfährt einen starken Sog. Das ist zum Teil wie beim Nahtod-Erleben, wo man sich wie durch einen Tunnel hindurch gezogen fühlt. Ich bin auch deshalb darauf gekommen, weil eine Frau nach einer Nahtod-Erfahrung und nach dem erfolglosen Besuch bei einigen Therapeuten zu mir gefunden hat; sie ist nach ganz kurzer Arbeit mit mir vollständig aufgewacht.
Das Kriterium ist, das jemand vollständig im gegenwärtigen Augenblick lebt, und das bewirkt, dass der Verstand still ist. Gedanken sind da, wenn sie gebraucht werden, aber überwiegend herrscht Stille. Und diese Fähigkeit, mit stillem Geist sich in diesem Augenblick zu erfahren als diese Stille, Weite, Unendlichkeit, als diesen Frieden, diese unendliche Liebe und immer wieder auch die Glückseligkeit – das ist für mich das aufgewachte Sein. Sat chit ananda - Leere Bewusstsein Liebe. Und dies nicht als eine zeitgebundene Erfahrung, sondern als das sich vertiefende Sein.
Vor dem Aufwachen machen Menschen Erfahrungen mit dem aufgewachten Sein, die zeitlich begrenzt und – wie ich glaube – auch nicht vollständig tief sind. Eine halbe Stunde erfahren sie sich still und in dieser Leere, und dann ist es wieder weg. Vielleicht auch länger, aber jede Erfahrung hat einen Anfang und ein Ende. Oder auch, dass sie sich nur in der Präsenz des Lehrers so fühlen. Das sind Erfahrungen. Das aufgewachte Sein durch diesen Durchbruch – wie die christlichen Mystiker das früher sehr schön genannt haben – ist deswegen keine Erfahrung mehr, weil es weder aufhört noch anfängt. Und es ist niemand da, der die Erfahrung macht. Es ist das Sein in dem Augenblick. Und insofern würde ich da Tony Parsons zustimmen: Es ist nicht – wie Erfahrungen – auf Zeit bezogen, mit Anfang und Ende. Es ist vielmehr eine Seinsweise, ein Dasein in diesem Augenblick. Und darum kann ich nicht sagen, dass es eine Erfahrung ist.
Es ist ja auch so, dass bei der Erfahrung, die viele Menschen vor dem eigentlichen Erwachen machen, ein Subjekt und ein Objekt ist. Das Subjekt kann über die Erfahrung berichten und reflektieren. Nach dem Erwachen gibt es dieses Subjekt nicht mehr. Insofern gibt es auch keine Erfahrung, die jemandem zukäme. Es ist einfach das Sein an sich.
Natürlich. Es ist nie jemand da gewesen. Das ist ganz richtig. Es ist wirklich lustig, dass die Menschen glauben, dass da jemand ist, der Entscheidungen treffen und Dinge erledigen muss.
Niemand.
Ja. Vor allem mache ich ihnen einen grundlegenden Unterschied deutlich: Es gibt Übungen, in denen ich etwas lerne. Und es gibt Übungen, in denen ich aufhöre, etwas zu tun. Ich kann mich zum Beispiel in ein Mantra einüben oder eine Sprache erlernen. Aber ich kann mich auch darin entwickeln, anzuhalten und nichts zu tun.
Obwohl kein Ich da ist, das etwas tut, geschieht in diesem Menschen eine ganze Menge Tun. Wir wissen ja inzwischen schon sehr viel darüber, wodurch dieses Tun bestimmt ist – Familienverstrickungen: der Einzelne ist in seinem Erleben durch die Ahnen verschiedener Generationen bestimmt. Charakter-Fixierungen, wenn man es nach dem Enneagramm benennen will. Da gibt es viele soziale und ganz individuelle, auch genetische Faktoren, in östlichen Traditionen als Karma zusammengefasst. Das alles hält den Menschen in Bewegung. Ein großer Teil der Bewegung ist die Abwehr – von Leere, von Tod, von Sterben, von Angst, sodass die Menschen sich beschäftigen und getrieben sind, um nicht in diese innere Leere zu fallen.
So ist der Mensch ja in dieser karmischen Bewegung, und was er tun kann, ist: er kann lernen anzuhalten und zu dem „Nichts tun“ zu kommen. Wenn ich die Leute frage: „Habt ihr das Gefühl, dass ihr wählen könnt, ob ihr anhaltet, oder ob ihr davon bestimmt seid und es automatisch abläuft?“ ist das etwa so, wie wenn ich einen Alkoholiker fragen würde: „Sag mal, kannst du das Glas Whisky da auch stehen lassen, oder kannst du nicht anders, als zu trinken?“ Da würde ein Teil der Alkoholiker antworten: „Nee, ich bin dem absolut ausgeliefert.“ Aber ein anderer Teil wird sagen: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich wählen kann. Manchmal kann ich sogar wählen, ganz aufzuhören.“ Da haben wir einen Organismus, der nicht wählt, was zu tun ist – es gibt kein Ich, das sagt: „Oh, ich mach jetzt dies oder das.“ Das alles geschieht gewissermaßen in diesem „karmischen“ Schwung, vom Leben selbst aus. Aber wir haben eben auch einen Organismus, der offensichtlich die menschliche Freiheit hat zu sagen: „Stopp! Heute lenke ich mich nicht ab!“ Ob es nun Alkohol ist, oder Fernsehen usw.
Also, ich meine, da ist offensichtlich im Herzen eine Kraft, die entscheiden kann: Nicht entscheiden, etwas zu tun, aber entscheiden anzuhalten. Und die Menschen machen die Erfahrung, dass die Fähigkeit, das Anhalten zu wählen, im Laufe des spirituellen Weges zunimmt. Die Übungen tragen dazu bei. Mit dieser Antwort ist es vielleicht so ähnlich wie beim Licht, wo sich die Wissenschaftler jahrzehntelang darüber gestritten haben, ob es nun die immaterielle Eigenschaft von Wellen oder eine materielle der Teilchen bzw. Korpuskeln hat. Schließlich ist man überein gekommen, dass es da ein Sowohl – Als auch gibt, je nach der Perspektive. Ramana Maharshi sagte einmal: „Es gibt weder ein Schicksal, also Vorherbestimmtheit, noch einen freien Willen.“ Und ich glaube, es ist so: In dieser Bewegung gegenüber dem, was da von alleine abläuft, kann der Mensch entscheiden – und da sind die Übungen, die ich von meinen Lehrern übernommen oder selbst entwickelt habe, geeignet, diese Fähigkeit des Anhaltens zu verstärken.