Was ist Gerechtigkeit

Was ist Gerechtigkeit

Serie: Werte und Tugenden (Teil 4)

Gerechtigkeit (lat. Justitia) ist die Grundlage unseres menschlichen Zusammenlebens. Alle demokratischen Verfassungen berufen sich auf sie. Doch zugleich entstehen mit der Frage: „Ist das gerecht?“ stets neue Diskussionen. Christian Salvesen versucht eine möglichst einfache Darstellung eines komplexen Begriffs.

„Der kriegt doppelt soviel Taschengeld wie ich“, beschwert sich der achtjährige Ingo bei seiner Mutter. „Das ist ungerecht!“ Die Mutter erklärt: „Dein Bruder ist schon 12. Er braucht mehr Geld als du. Er muss länger in der Schule sein, manchmal in der Stadt essen, sich bestimmte Sachen kaufen, verstehst du?“ Ingo schüttelt den Kopf. Es ist und bleibt ungerecht. Warum soll er sich mit weniger Taschengeld begnügen als sein älterer Bruder? Kinder entwickeln schon recht früh eine Art von Gerechtigkeitssinn, der auf ungleiche Behandlung reagiert. Gleichheit ist einer der Maßstäbe für Gerechtigkeit. So heißt es im Grundgesetz (Artikel 3): Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Gerechtigkeit gilt seit Plato als eine Kardinaltugend. Überall und zu allen Zeiten hatten und haben Menschen ein Gerechtigkeitsempfinden. Doch was ist gerecht, und was nicht? Kann es da überhaupt eine allgemein gültige Antwort geben oder ist das nicht eher von Fall zu Fall zu erwägen? Und dann erst die Frage: Was ist Gerechtigkeit? Unzählige Bücher wurden darüber geschrieben. Wie könnte die Frage auf zwei Seiten beantwortet werden? Wird das der Sache gerecht?

In dieser Serie wurden bisher die Würde des Menschen, Weisheit und Treue behandelt. Gerechtigkeit hat mit diesen und etlichen anderen Werten und Tugenden zu tun. Und darüber hinaus kommt in Verbindung mit Gerechtigkeit noch ein weiterer Begriff ins Spiel, nämlich die Pflicht. Es gibt keine Pflicht zur Würde oder zur Weisheit, wohl aber zur Gerechtigkeit. Denn es geht hier auch um Recht und Gesetz. Die Sache ist äußerst vielschichtig und verschlungen. Versetzen wir uns noch einmal in die Lage von Ingo. Ist die ungleiche Verteilung des Taschengeldes gerecht oder nicht?

Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, dass Menschen leben auf Erden. (Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten)

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