Nachdem Julia Cameron zehn Jahre lang spirituelle Workshops geleitet hatte, schrieb sie 1992 „The Artist’s Way“ (1996 als „Der Weg des Künstlers“ in Deutschland erschienen). Darin fasst die Mutter einer Tochter ein mehrwöchiges Trainingsprogramm zusammen, dessen Zielsetzung Julia Cameron darin sieht, den Menschen beizubringen, ihre eigene Kreativität zuzulassen. Diese Kreativität steckt in jedem von uns, davon ist die Amerikanerin fest überzeugt. Wir alle können ein Künstler sein. Von wegen Kunst ist nur was für Eliten, begnadet und talentiert. Das Argument, mit ihren Workshops würde sie dem Dilettantismus Tür und Tor öffnen, fegt die sympathische blonde Frau mit der warmen Stimme resolut vom Tisch. Kunst habe nichts mit dem Ego zu tun, sie entspringt dem Herzen, sagt sie und hat auch gleich ein Beispiel parat. Eine Mittfünfzigerin fand zum Drehbuchschreiben und gewann damit zahlreiche Preise.
Wichtiger als die Anerkennung von außen ist allerdings der Glaube an sich selbst. Den Grund dafür, dass sich viele Menschen für untalentiert halten, sieht Cameron in der gesellschaftlichen Entwicklung. Denn die fördere die Kunst nicht, im Gegenteil, unterdrücke sie sogar. Wenn das Buch, der Film oder das Bild nicht perfekt ist, dann ist es keine Kunst. Dieser Glaube würde schon im Elternhaus an die Kinder weitergegeben und in der Schule zementiert. Auf diese Weise würde niemand mehr auf seinen Instinkt hören, sich einfach mal ausprobieren und sehen, was dabei herauskommt.
Julia Cameron kennt den Druck, erfolgreich zu sein, aus eigener Erfahrung. Scheitern, Blockaden, Ausgebrannt-sein werden von der Gesellschaft nicht geduldet. Mit 29 war sie trockene Alkoholikerin, stand vor den Scherben ihrer Beziehung mit Regisseur Martin Scorsese und war allein erziehende Mutter. Sie verließ New York und zog nach Taos/New Mexiko. Dort begann sie jeden Morgen zu schreiben.
Ein Basiselement der Werkzeuge, die Julia Cameron Seminarteilnehmern und Lesern ihrer Bücher an die Hand gibt, sind eben diese so genannten Morgenseiten. Bevor der Tag losgeht, greift man zu Papier und Stift und schreibt drei DIN A4 Seiten voll und zwar mit allem, was einem gerade in den Sinn kommt: Träume, Gedanken, Fragen, Ideen oder Sorgen. Egal wie, es müssen drei volle Seiten werden, „ohne Abkürzungen, die streng dem Bewusstseinsstrom folgen“ (Cameron). Dazu könnten auch Sätze gehören wie: „Schon wieder diese Morgenseiten, mir fällt aber so absolut nichts ein. Ich muss noch die Waschmaschine anstellen usw.“ Die Idee dahinter? Den Geist klären, um gleichzeitig Inspiration und zur eigenen Kreativität zu finden. Aber warum nun ausgerechnet drei Seiten? Julia Cameron begründet das so: „Das Maß ist mit Bedacht gewählt. Wir haben festgestellt, dass ein geringerer Ausstoß das Feuer nicht ausreichend entfacht.“ Wären es mehr als drei Seiten, könnte „das Feuer zu sehr in die Höhe schießen“, und man gerate auf die Ebene der Innenschau, wie man sie beispielsweise beim Tagebuchschreiben erreicht.
„Phantasie ist wichtiger als Wissen.“ (Albert Einstein)
Zwölf Wochen umfasst das von Julia Cameron entwickelte Workshop-Programm. Zu den täglichen Morgenseiten gesellt sich ein so genannter Künstlertreff einmal in der Woche. Gemeint ist weniger eine Zusammenkunft verschiedener Kreativer, sondern vielmehr ein bestimmter Zeitraum, zum Beispiel eine Stunde, in dem das kreative Bewusstsein und die Kreativität genährt werden. „Ihr Künstler muss ausgeführt und verwöhnt werden“, so Julia. Natürlich kennt sie all die Ausreden, die immer kommen, wenn sie über Morgenseiten oder Künstlertreffs spricht: Ich habe keine Zeit. Ich bin zu pleite. Ich weiß nicht wie ich anfangen soll. Zum Thema Zeit sagt Cameron, wer wirklich an sich arbeiten will, der findet diese Zeit, und wenn er den Wecker eine Stunde früher stellt. Und wer sagt überhaupt, dass so ein Künstlertreff mit größeren Ausgaben verbunden sein muss? Julia empfiehlt, die Kreativität als Kind zu betrachten, das beschäftigt werden möchte und dem es wichtiger ist, Zeit mit den Eltern zu verbringen als teuere Spielsachen zu besitzen. Eltern überlegen auch nicht lange, wie sie mit ihren Kleinen spielen sollen, sie tun es einfach. Genauso kann man sich gegen den Gedanken, wie soll ich bloß anfangen, wehren. Ein Künstlertreff kann etwa ein Spaziergang sein, bei dem man die Natur oder einen Sonnenuntergang beobachtet. Oder man setzt sich in ein Straßencafe oder eine Bahnhofshalle, beobachtet die vorbeiziehenden Leute und denkt sich Geschichten zu ihnen aus. Oder warum nicht mal ein Viertel in der Heimatstadt besuchen, in dem viele ausländische Familien leben und sich von den fremden Klängen, Gerüchen oder Ansichten inspirieren lassen?
„Der Weg des Künstlers ist im Wesentlichen ein spiritueller, der durch Kreativität initiiert und praktiziert wird.“ (Julia Cameron)
Ziel eines Künstlertreffs ist auch eine Innenschau. Wie reagiert die Seite in uns, die der ganzen Sache von Anfang an ablehnend gegenüberstand? Versucht sie, Ausreden zu finden, warum diese Woche keine Zeit für den Treff bleibt? Was sagt der Künstler in uns über das Erlebte? Durch diese Innenschau lernt man auch, seiner Intuition zu vertrauen, auf sein Herz und den Bauch zu hören, anstatt dem Verstand immer den Vortritt zu lassen.
Zum Ansporn und Rückhalt rät Julia Cameron, mit sich selbst einen Vertrag abzuschließen, bevor man sich auf den Weg des Künstlers macht.
Jede der zwölf Wochen des Workshops ist einem Gefühl gewidmet, das zurückgewonnen werden soll. Sicherheit, Identität, Integrität, Stärke, Mitgefühl und Vertrauen sind nur einige von ihnen.
„Der Weg des Künstlers ist eine spirituelle Pilgerreise zu uns selbst“, bringt die Amerikanerin ihre Philosophie auf den Punkt. Der Pfad, dem man dabei folge, verlaufe spiralförmig. Deshalb würde sich die Aussicht zwar nicht wesentlich verändern, aber durch den Höhenunterschied die Perspektive. „Wachstum ist ein spiralförmiger Prozess, bei dem man immer wieder zurückkehrt, neu bewertet und ordnet“, so Cameron.
Sich schöpferisch betätigen sei auch deshalb ein spiritueller Prozess, weil nichts mehr Geduld erfordere als die dritte Überarbeitung eines langen Romans und nichts lehre mehr Demut und Akzeptanz als eine grausam bissige Kritik, findet Cameron. Denn „wenige Dinge lassen uns mehr spirituelles Staunen erfahren, als die plötzliche schöpferische Inspiration“, die ja eigentlich sogar eher einer Vision gleiche, die „uns zum Dienst am Kunstwerk aufruft.“ Kunst zu schaffen, davon ist Julia Cameron überzeugt, sei eine Berufung im wahrsten Sinne des Wortes. Das Schaffen von Kunst sei es gewesen, das sie spirituelle Lektionen lehrte und bis heute lehrt.