Stellen Sie sich vor, Sie wären eine Stadt. Ja, sie haben richtig gelesen, eine Stadt. Nehmen Sie sich dafür eine mittelalterliche Stadt mit einer hohen Stadtmauer, die von Wächtern und Soldaten bewacht und beschützt wird. Sie selbst sind die Königin der Stadt, wenn Sie eine Frau sind, und der König, sofern Sie ein Mann sind. Das bedeutet, es ist Ihre Aufgabe, diese Stadt königlich und dennoch demokratisch zu regieren.
Aber Sie sind nicht nur König oder Königin, Sie sind auch jeder andere in der Stadt, jeder Bäcker, Zimmermann, Hufschmied, jede Dienstmagd, Hofdame oder Kaufmannsfrau, und natürlich sind sie auch jeder Trinker in der Kneipe und jeder Bettler auf der Straße. Um die Stadt herum wohnen Bauern, die das Land bestellen, die aber ebenfalls zur Stadt gehören. Es gibt auch ein Kloster mit einigen Bewohnern, die sich ganz der Spiritualität geweiht haben. Das alles und auch alles Weitere, was ihnen dazu einfällt, das sind nun also Sie. Nehmen sie das Ganze einfach als ein Spiel. Spielen Sie mit und stellen Sie sich vor, Sie wären diese Stadt.
Nun besteht die Aufgabe darin, jedem Menschen in der Stadt zu einem zufriedenen Leben zu verhelfen. Die Menschen aber, das sind in Wahrheit Ihre inneren Anteile. Ihre Wut zum Beispiel können sie als einen Soldaten verkörpern, aber auch als Störenfried, der von den Soldaten verhaftet und vor den König gebracht wird. Als König oder Königin müssen Sie nun den Störenfried befragen, warum er sich so aufführt. Wenn Sie sich ernsthaft auf dieses Spiel einlassen und Ihrer Wut in Gestalt des Störenfrieds wirklich eine Stimme verleihen, dann werden Sie in seiner Antwort vielleicht den Grund erfahren, warum Sie in bestimmten Situationen immer wieder wütend werden. Vielleicht sagt der Störenfried: „Ich wüte, weil ich nie bekomme, was ich tatsächlich brauche.“
Was auch immer er sagt, es geht nicht darum, ihn zu verurteilen und aus der Stadt zu verbannen, denn wenn Sie sich erinnern – Sie sind ja jeder in der Stadt, also sind Sie auch der Störenfried, und Sie können keinen Teil Ihrer selbst so einfach los werden. Das wäre auch nicht gut, insbesondere nicht, wenn es sich um eine so kostbare Energie wie Wut handelt. Glauben Sie mir, der Störenfried würde ihnen später fehlen, wenn Sie in Ihrem Leben einmal in eine Situation kommen, wo Sie sich rigoros wehren müssen. Dort benötigen Sie seine Kraft.
Daher achten wir bei der Arbeit mit der inneren Stadt stets darauf, eine bessere und demokratischere Lösung zu finden. Wir müssen herausfinden, was der Störenfried benötigt, um seine Energie für die Stadt einzusetzen und nicht länger gegen sie.
Und wie könnte das zum Beispiel aussehen? Gehen wir einmal davon aus, der Störenfried hat die obige Antwort gegeben. In dem Fall fragen wir ihn natürlich, was es denn ist, das er braucht. Möglicherweise antwortet er dann: „Ich brauche meine Freiheit, um zu tun und zu lassen, was ich will.“ Sie antworten möglicherweise darauf: „Und wenn ich dir diese Freiheit gebe, was wirst du dann tun und lassen?“ – „Ich werde essen, wenn ich hungrig bin, schlafen, wenn ich müde bin und arbeiten, wenn ich Lust dazu habe.“
So eine Antwort deutet darauf hin, dass Sie sich zu sehr durch feste Regeln einengen. Ihnen fehlt die Freiheit, Ihrem inneren Impuls zu folgen. Es muss jetzt ein Raum gefunden werden, in dem Sie sich selbst die Erlaubnis geben können, frei und nicht nach Plan zu leben und Ihren inneren Impulsen nachzugehen.
Dazu müssen wir aber eines noch klar verstehen. Der nach Freiheit strebende Störenfried verkörpert nur einen Teil Ihrer selbst und nicht Ihr ganzes Ich. Wenn dieser Aspekt ihres Ichs nach Freiheit ruft, ist es dafür nicht erforderlich, dass Sie selbst Ihren Job aufgeben, zum Aussteiger werden und sich Ihr ganzes Leben lang der Befriedigung der Bedürfnisse des inneren Störenfrieds widmen. Eine teilweise Befriedigung würde die Störung schon heilen.
Dafür sehe ich mehrere Möglichkeiten. Wir könnten dem Störenfried ein Haus geben und ihm zusagen, dass er sich in diesem Haus verhalten und bewegen darf, wie es ihm beliebt, solange er niemand anderem dadurch weh tut. Für Sie selbst bedeutet dies, Sie haben die Möglichkeit, sich mit ihrem inneren Störenfried zu identifizieren, wenn sie zu Hause sind. Dort kann er seine Freizeit gestalten und sich die Freiheit nehmen, einmal nicht auf die Wünsche und Bedürfnisse anderer einzugehen.
Ich habe diese Methode aus den alten Formen des schamanischen Reisens und Visionierens weiter entwickelt. Die Visionsreise ist ein mittlerweile vielfach anerkanntes schamanisches Instrument der Psychologie geworden. Sie ist in drei Hauptformen bekannt. Die ursprünglichste Form des schamanischen Reisens sah vor, dass nicht der Klient, sondern der Schamane oder Medizinmann eines Dorfes seinen Geist in die „Unterwelt“ auf Reisen schickt, um dort etwas zu erledigen oder zu holen.
Sehr bald entwickelte sich daraus die nächste Form. Nicht der Schamane, sondern der Klient schickt seinen Geist auf Reisen, um etwas Wichtiges zu erledigen oder zu finden und wird von seinem Schamanen dabei begleitet und beschützt. Diese Methode findet heutzutage vielfach Anwendung in der modernen Psychologie. Die dritte Form, die oft unter der Bezeichnung „geführte Meditation“ bekannt ist, schickt ebenfalls den Klienten in seinem Geist auf die Reise. Hier wird jedoch nichts gesucht oder durchgeführt. Der Klient wird statt dessen angeleitet, sich selbst zum Beispiel auf einer grünen Wiese zu sehen, an einem schönen Strand oder im Wald, wo er Ruhe finden und entspannen kann.
Da ich mehr der schamanischen Tradition verhaftet bin als der meditativen Richtung, habe ich die Arbeit mit der inneren Stadt aus der zweiten Form des schamanischen Reisens entwickelt. Mit gefällt der Gedanke, dass wir in der Vision wichtige Dinge erleben und aktiv etwas bereinigen können. In diesem Sinne sind Visionsreisen überhaupt eine großartige Methode, sich in die eigene Innenwelt zu begeben und dort etwas in Ordnung zu bringen.
Bei dieser Arbeit hat es sich gezeigt, dass ein jeder Klient innerlich so vielschichtig und vielfältig strukturiert ist, dass sein Selbst sich wie eine ganze Stadt darstellt mit all ihren vielen verschiedenen Bewohnern, die ihren jeweils unterschiedlichen Aufgaben nachgehen. So entstand die Arbeit mit der inneren Stadt ganz natürlich an Hand der Erfahrungen, die meine Klienten und ich mit der Zeit gemacht haben.
Wenn ein Klient mit einem Anliegen zu mir kommt, für das sich diese Methode eignet, dann beginne ich die Arbeit zumeist folgendermaßen: Ich bitte den Klienten, sich seine innere Stadt vorzustellen, insbesondere den Marktplatz, auf dem sein Thron steht. Der Klient selbst sieht sich nun als König, dessen Aufgabe darin besteht, den inneren Frieden wieder herzustellen. Der Seelenanteil, der eine Disharmonie erzeugt, wird aufgefordert, vor dem König zu erscheinen. Mein Klient visioniert nun diesen Seelenanteil in einer menschlichen oder zumindest menschenähnlichen Gestalt. Das ist sinnvoll, da wir mit einem Türgriff oder einer Duschhaube nicht besonders gut kommunizieren könnten.
Kürzlich hatte ich einmal die Gelegenheit, Folgendes in einer solchen Sitzung zu erleben: Mein Klient war ein Student, der zwar sehr gute Leistungen erbrachte, aber zugleich unter großen Zukunftsängsten litt und sich sehr schwer damit tat, mit seiner Arbeit zu beginnen. Er fühlte sich zweigeteilt. Einerseits neigte er dazu, sehr hohe Anforderungen an sich selbst zu stellen (denen er im Endeffekt auch immer gewachsen war), andererseits scheute er vor diesen hohen Anforderungen zurück und litt unter Ängsten und Depressionen im Vorfeld jeder zu erbringenden Leistung.
In der inneren Stadt rief er zunächst den „Anforderungen-Steller“ herbei. Dieser erschien schwungvoll und selbstbewusst in Gestalt eines Musketiers. Ich erinnerte meinen Klienten daran, dass die Musketiere früher die Leibgarde des Königs waren. Der Musketier sagte, er sei dazu da, den König anzutreiben und zu kontrollieren. Als mein Klient ihn darauf aufmerksam machte, dass er sich diesen Anforderungen nicht gewachsen fühlte, zeigte der Musketier sich ratlos.
Wir riefen daraufhin die Angst vor den Thron. Die Angst erschien in Gestalt eines Mönches, eines Mannes, der sein Leben dem Frieden und der Spiritualität gewidmet hatte. Der Mönch riet dazu, nicht so energisch voran zu schreiten, sondern inne zu halten und sich auf sich selbst zu besinnen.
Als beide vor dem König standen, wurde etwas deutlich: ihre Rollen waren vertauscht. Der Musketier fungierte als Berater des Königs, obwohl seine Energien weitaus besser geeignet gewesen wären, die Truppen zu befehligen. (Die Truppen verkörpern hier die aggressiven Energien des Klienten, die für ihn unabdingbar sind, um sich den Herausforderungen seines Studiums erfolgreich zu stellen.) Und der Mönch, der als Berater des Königs viel besser geeignet gewesen wäre, fungierte als Befehlshaber der Truppen (hielt sie aber stets zurück und sagte ihnen, sie sollten lieber Frieden halten).
Für den Klienten bedeutet das Folgendes: Wenn Energie und Vorwärts-Stürmen in seinem Leben angesagt sind, also wenn er sich auf ein neues Referat stürzen sollte, um es „in Angriff“ zu nehmen, dann rät ihm die Angst, sich statt dessen doch lieber auf sich selbst zu besinnen, zu verharren und nicht zu handeln. Das aber bringt ihn in Konflikt mit den aktuellen Anforderungen, so dass er sich selbst wegen seines Zauderns und Zögerns kritisiert und verurteilt.
Ich schlug ihm vor, die beiden inneren Figuren ihre Rollen tauschen zu lassen. Daraufhin ernannte mein Klient den Musketier zum Oberbefehlshaber der Truppen und den Mönch zum Berater des Königs. Durch diesen Rollentausch wurde jeder dieser Anteile auf den ihm zukommenden Platz gerückt mit dem entgegen gesetzten Element als Polarität. So wird es meinem Klienten leichter fallen, seine Referate zu erledigen und in seiner Freizeit zu entspannen.
In fast jeder Sitzung mit der inneren Stadt kommen derartig überraschende Erkenntnisse zu Tage. Deshalb betrachte ich diese Arbeit als sehr heilsam. Um sie zu einem erfolgreichen Abschluss bringen zu können, ist jedoch die Einhaltung einige Grundsätze wesentlich:
Ich kann diese Arbeit nicht mit einem Klienten machen, der zu sehr im Verstand ist, denn der Verstand besitzt die Fähigkeit, sich alles Mögliche auszudenken. Wenn die Vision vom Gefühl abgeschnitten ist, können wir zwar phantastische Bilder sehen und gewaltige Kulissen erschaffen, in denen abenteuerliche Dinge geschehen – es wird aber keine Auswirkung auf die seelische Gesundheit haben. Daher achte ich immer darauf, dass wir den Kontakt zum Gefühl nicht abreißen lassen.
Der Vorteil einer solchen Methode liegt auf der Hand. Wir können einzelne Aspekte unserer Seele betrachten und – indem wir sie in menschlicher Gestalt erscheinen lassen – direkt mit ihnen reden. Wir können mit der Angst, der Wut, dem Heißhunger, der Krankheit, der Sexualität, dem Körper oder wem auch immer sprechen. Oftmals kommen auf diese Weise verblüffende Informationen ans Licht. Fast immer erfahren wir mehr darüber, welche Seelenanteile aus dem Gleichgewicht geraten sind, was uns in dem meisten Fällen auch zeigt, wie wir die Balance zwischen ihnen wieder herstellen können.
Auf jeden Fall ergibt sich daraus mehr innere Demokratie und Selbstliebe. Das gehört zu den Aspekten dieser Arbeit, die mir besonders gefallen. Wir alle verdienen viel mehr Liebe. Wir können damit bei uns selbst beginnen, indem wir uns liebevoll den Anteilen zuwenden, aus denen wir als Seele bestehen. Das wird auf alle Fälle Auswirkungen haben, auch auf unsere Umwelt, denn alles beginnt im Geist – und wie ich so gerne sage: Bewusstsein ist alles!