Die philosophische Praxis

Die philosophische Praxis

Sprechstunde bei Dr. Phil

Seit Februar 2009 antwortet VISIONEN an dieser Stelle auf Fragen von LeserInnen im Sinne der „Philosophischen Praxis“. Statt der üblichen Ratgeber-Tipps wird hier der Fragende auf sich selbst und seine eigene Weisheit zurückgeführt.

Peter H. aus Münster fragt:
Nach der Lektüre von Eckhart Tolles „Jetzt“ ist mir bewusst geworden, dass ich innerlich gespalten bin, mein Ich ist mir unerträglich. Doch leider ist bei mir bisher keine Auflösung des Ich geschehen wie bei Eckhart. Ich versuche, seine Lehre im Alltag umzusetzen, aber es wird alles eher schlimmer als besser. Was kann ich tun?

Lieber Peter H., es kommt relativ oft vor, dass sich Leser von spirituellen Ratgebern mit der Geschichte des Autors identifizieren. Am Anfang seines Bestsellers „Jetzt“ beschreibt Eckhart sein „Gefühl des Grauens“, mit dem er, wie schon davor, in den frühen Morgenstunden aufwacht. Diesmal ist es besonders stark. Die Welt und seine eigene Existenz erscheinen ihm „abscheulich“. „Ich kann mit mir selbst nicht mehr weiterleben“, kreist es seinem Kopf. Dann die erste Erkenntnis: „Wenn ich nicht mit mir selbst leben kann, dann muss es zwei von mir geben: das ‚Ich’ und das ‚Selbst’, mit dem ‚Ich’ nicht mehr leben kann.“ Unmittelbar darauf Fassungslosigkeit, keine Gedanken, waches Bewusstsein.

Dann fühlt sich Eckhart immer stärker in einen Energiewirbel hineingezogen und hat furchtbare Angst. Er hört – „wie aus dem Inneren meiner Brust“ – die Worte: „Wehre dich nicht!“ Er fühlt, wie er „in eine Leere hineingesaugt wird“, die innen, nicht außen ist. „Plötzlich war keine Angst mehr da, und ich ließ mich in diese Leere hineinfallen.“ Am Morgen erwacht er dann völlig verwandelt. Er fühlt sich wie neugeboren. Jeder Moment erscheint frisch und geheimnisvoll. Jahre später erkennt er, dass ihm „etwas geschehen war, wonach andere suchen“. Er analysiert, dass wohl der Leidensdruck das Bewusstsein dazu gebracht haben muss, sich von dem persönlichen Ich zu lösen und fortan als reines, seliges Bewusstsein von Ich bin, unabhängig von Zeit und Form, zu existieren.

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