Scheitern als Chance

Scheitern als Chance

Scheitern tut weh. Das endgültige Aus für eine berufliche Karriere, eine Unternehmensgründung, eine Beziehung, eine Ehe, einen Lebensentwurf kann die Hölle auf Erden sein, ja bis an die Grenze der menschlichen Existenz führen. Doch „das Verwundende ist das Heilende auch“, weiß Claus Eurich, Professor für Kommunikation und Ethik am Institut für Journalistik der Universität Dortmund. „Leben will Steigerung, will Entwicklung“, schreibt er in seinem neuesten Buch „Die heilende Kraft des Scheiterns“ (bei Via nova). Existenzielle Krisen sind Teil dieser Entwicklungsdynamik, indem sie alte Lebensstrukturen und Selbstbilder zerbrechen lassen und so den Weg für Neues freimachen – vor allem für Selbsterkenntnis und Transzendenz.

VISIONEN fragte Professor Claus Eurich, wie sich die Chance dieser dunklen Zeit erkennen und nutzen lässt.

Bücher zum Thema Erfolg gibt es zuhauf, Sie aber thematisieren in Ihrem Buch das Gegenteil: die Erfahrung des Scheiterns im Privatleben und im Beruf. Warum und aus welchem Motiv haben Sie Ihr Buch geschrieben?

Unsere Kultur ist auf Machbarkeit hin konditioniert. Nur Erfolg ist „sexy“. Die Alltäglichkeit von Ohnmacht und Scheitern jedoch bedroht diese höchst fragile Konstruktion. Und so wird das Scheitern verdrängt, stigmatisiert und tabuisiert. Die zahllosen, oft so vordergründigen Ratgeberbücher „Wie werde ich glücklich und zwar sofort?“ setzen genau bei dieser Verdrängung an. Doch ich kann mich nur dem heilend und integrierend zuwenden, was ich zuvor erkannt, angenommen, durchlebt und durchlitten habe. Sonst laufe ich blind vor der Tiefe des Lebens davon und verfehle im Letzten mein Selbst – und damit alles.

Es gibt kein Licht ohne Dunkel und ohne Schatten. Natürlich ist das nicht nur eine gesellschaftliche Beobachtung oder eine philosophische Feststellung; es ist immanenter Teil meines eigenen Lebens. Insofern trägt das Buch gewiss auch persönliche Züge.

Sie greifen das heiße Eisen Suizid als selbstbestimmte Konsequenz des Scheiterns auf. Das ist nicht nur im Hinblick auf Manager aktuell, die sich für den wirtschaftlichen Ruin ihres Unternehmens verantwortlich fühlen, sondern auch auf das Lebensgefühl von Jugendlichen, die ihr noch recht kurzes Leben als gescheitert ansehen und im Extremfall ihre Frustration im Amoklauf mit anschließender Selbsttötung beenden wollen. Warum kommen Menschen überhaupt auf die Idee, der Tod könnte eine adäquate Antwort auf ein Scheitern sein?

Heinrich von Kleist schrieb kurz vor seinem Freitod am 21.11.1811 an seine Schwester: „Meine Seele ist so wund...daß mir das Tageslicht weh tut... Die Wahrheit ist...daß mir auf Erden nicht zu helfen war.“ In der Selbsttötung sagt der Mensch aus tiefster Verwundung heraus Nein zu sich selbst. Er versucht sich zu entkommen und einem entmächtigten Lebensentwurf ...

Wir hoffen, Sie finden diese Vorschau auf den Artikel aus dem Magazin VISIONEN interessant!
Es würde uns sehr freuen, Sie als neuen Abonnenten des Magazins begrüßen zu dürfen.

eZ Publish™ copyright © 1999-2012 eZ Systems AS