Vor über 35 Jahren begann sie am berühmten Esalen-Institut in Kalifornien, die Lebensgeister frustrierter Manager und Hollywoodgrößen durch spontanes Tanzen wieder zu erwecken. Dann gründete sie in New York die Gruppe „The Mirrors“, mit der sie bisher an die 30 Musik-CDs produzierte. Sie leitete weiter zum Tanzen an, ging auf Tourneen, bald auch weltweit. Ihre Art der Vermittlung wurde schon in den 70er Jahren von Experten als „schamanisch“ eingestuft.
Das Erstaunliche und Besondere an Gabrielle Roth ist jedoch, dass sie eine komplexe Philosophie und Psychologie in fünf einfache Rhythmen komprimierte, die getanzt und gelebt werden können. Die Grunderkenntnisse aller Schamanen und Religionen sind in diesen Rhythmen zusammengefasst, dazu die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft und die aktuellen kulturellen Strömungen mit ihrer Sehnsucht nach Harmonie, Einkehr und Einheit. Heute vermitteln Hunderte von ausgebildeten Trainern in über 40 Ländern weltweit die 5rhythms™. Schulklassen veröffentlichen ihre Aufsätze über die 5 Rhythmen im Internet. Im folgenden Interview spricht Gabrielle Roth über die Heilkraft und spirituelle Bedeutung dieser Rhythmen.
Eine Erfindung sind sie ganz bestimmt nicht. Ich hab ja nicht allein im Zimmer gesessen und darüber nachgedacht. Nein, ich habe mir mit Tausenden von Leuten den Arsch abgetanzt und dabei wahrgenommen, was für Kämpfe sie ausfechten mussten, um überhaupt in ihrem Körper zu sein. Mir fielen dabei die Energiemuster auf, die uns alle miteinander verbinden. Das alles wurde zur Grundlage meiner intuitiven Fokussierung darauf, wie ich das, was ich sah und fühlte, ausdrücken könnte. Ich habe eine Karte erschaffen, auf der verzeichnet ist, wie Energie sich im Körper bewegt und verändert. Diese Karte habe ich „die Fünf Rhythmen“ genannt.
Heilung ist ein mysteriöser Begriff. Ich bin eine Künstlerin, die eine katalytische Form des Tanzens entwickelt hat, eine Art, die das Leben der Menschen verändert. Der Körper kann nicht
lügen. Deshalb werden wir, wenn wir uns bewegen, mit all dem konfrontiert, was wir zurückhalten, woran wir festhalten und was wir unterdrücken. Wer sich bewegt, verändert sich, und wer sich verändert, gelangt schließlich zu einem wirklichen Selbst, einem Selbst, das eine Mitte hat, einen Stil und einen Zweck auf Erden. Der Tanz ist groß. Er kann verwandeln, was immer du loszulassen bereit bist. Ich hab als Teenager in meinem Zimmer mit dem Tanzen angefangen, zu lauter Rockmusik, um das nervtötende Geschwätz in meinem Kopf zu übertönen und um meine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit rauszulassen. Und ich tanze immer noch.
In meiner Arbeit geht es im Grunde um Heilung, aber wir können nicht nur physisch denken, wenn wir dieses Wort verwenden. Was meine Arbeit bei einem gebrochenen Herzen bewirkt interessiert mich viel mehr als das, was sie bei einem gebrochenen Arm auslöst. Die Krankheit, über die ich spreche, ist die Entkopplung von Geist und Leib. Ein Körper ohne Geist ist ein Körper ohne Seele. Und wenn deine Seele ohne Obdach ist, bist du dazu verurteilt, jemand anderes Tanz zu tanzen, die Träume anderer zu leben.
„Der Körper ist ein heiliger Platz für spirituelle Nachforschungen“ (G. Roth)
Ekstase geschieht, wenn du unmittelbar und rückhaltlos an die tiefsten Kräfte in dir selbst angeschlossen bist, ohne Filter, ohne Blockaden; wenn nichts mehr zurückgehalten oder unterdrückt wird. Ich habe lange gebraucht um zu begreifen, dass die Freiheit, nach der ich suchte, die Freiheit von mir selbst war; nicht von meinem großen Buddha-Selbst, sondern von dem anderen, das vorgegebene Schritte braucht, um tanzen zu können. Man muss dieses Ego-„Ich“ loslassen, damit man Ekstase erfahren kann; das gibt dem Selbst Heilung.
fahren kann; das gibt dem Selbst Heilung. In meiner lebenslangen Lehrzeit mit den Fünf Rhythmen ist mir klar geworden, dass wir, wenn wir an tiefe, ekstatische Orte kommen möchten, bereit sein müssen, absolut alles zu transformieren, was sich diesem Ort des reinen Seins in den Weg stellt. Dazu gehört jede erdenkliche Form der Trägheit: die körperliche wegen angespannter und gestresster Muskulatur, das emotionale Gepäck niedergedrückter und unterdrückter Gefühle, das mentale Gepäck althergebrachter Dogmen, Haltungen und Philosophien und auch das Gepäck der Geschichte. Anders gesagt: Ekstase verlangt das Loslassen von allem. Ekstase ist die gründlichste Reinigung, die die Natur zu bieten hat; sie stillt unser Verlangen nach Freiheit.
Durch meinen Respekt vor der intuitiven Intelligenz als einer Kraft, einer Energie, die uns allen zur Verfügung steht. Leider respektieren nur wenige diese innere Weisheit und hören auf sie. „Das Chaos der Stille“ ist mein Weg, den magischen, intuitiven Genius zu unterstützen, der bei jedem, den ich treffe, seine liebe Mühe hat, zum Vorschein zu kommen. Es ist ein rätselhaftes kleines Buch, eine Sammlung von Fäden der Weisheit, die ich unmittelbar von der Tanzfläche aufgelesen habe – und die war immer mein Labor zur Erforschung dessen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Das Buch handelt vom Tanzen in der Dunkelheit, davon, die Leere zu durchstreifen und über das Schicksal nachzusinnen. Schicksal fasziniert mich. Haben wir eins? Haben wir keins? Welche Fäden halten all deine Geschichten zusammen? Das Buch entstand also aus lauter Fragen. In meiner Welt ist der Körper ein Zen Dojo, ein heiliger Platz für spirituelle Nachforschungen. Zwischen dem Kopf und den Füßen eines jeden Menschen liegen mindestens eine Million Kilometer Wildnis; „Das Chaos der Stille“ ist mein Forschungsbericht aus dieser instinktiven, intuitiven Welt in uns.
Ego ist Angst. Sein Job besteht darin, unser Abgetrenntsein voneinander aufrecht zu erhalten, unsere Unverbundenheit, unsere Selbstbezogenheit. Mich langweilt mein Ego zu Tode. Deins dich hoffentlich auch. Es ist der Teil von uns, der am meisten vorhersagbar ist, zerstörerisch und phantasielos, der am meisten urteilt und sich endlos wiederholt. Je mehr wir uns seiner schlauen kleinen Stimmen in unserem Kopf bewusst werden, desto dringender wird unser Bedürfnis, schneller zu tanzen, als wir denken können.
Weil die Fünf Rhythmen eine Sprache sind, die in Energie wurzelt, repräsentieren sie uns als fließende, sich fortwährend wandelnde Naturkräfte. Sie geben die Antwort auf die Frage: Was bedeutet es, ein menschliches Wesen zu sein? Also, ich wäre begeistert, wenn diese Art und Weise, uns als Geschöpfe zu betrachten, die aufregend, faszinierend und ständig im Wandel begriffen sind, Eingang finden würde in all die Institutionen, die uns auf starre Bilder festlegen wollen, was wir sind oder wie wir zu sein haben. Wir sind doch viel größer als all die Schachteln und Schubladen, in die man uns stecken will. Die Fünf Rhythmen sind eine zuverlässige Karte; die Karte zeigt Wege, wie man daraus ausbrechen kann.
(Die Fragen stellte Tom Schulz)