Beim Thema Werte-Erziehung denken wir meist nur daran, was wir unseren Kindern mitgeben können, nicht aber daran, was sie dazu bereits von sich aus mitbringen.
„Werte wie Mitgefühl und Gerechtigkeit müssen Kinder nicht lernen, aber sie können sie verlernen, wenn sie in ihrem Empfinden nicht unterstützt werden. Das Wertempfinden der Kinder braucht Bekräftigung, dann bewahrt es seine Kraft.
Viele Eltern und andere Erziehende werden bei Kindern gleich welchen Alters beobachtet haben, zu welch innigem Mitgefühl diese in der Lage sind. Dafür gibt es zwei Vorausset- zungen. Die erste besteht darin, dass die Menschen oder andere Lebewesen wie Tiere usw., mit denen sie mitfühlen, ihnen nahe waren oder nahe sind, also Verwandte oder Haustiere, Freunde oder Freundinnen. Ihr Mitgefühl kann sich aber auch auf Menschen erstrecken, denen sie nie begegnet sind, deren Not ihnen aber nahe gebracht wurde. Wird Kindern in der Grundschule z. B. von der Not in Afrika berichtet, indem ihnen Schülerinnen und Schüler gleichen Alters vorgestellt werden, die keinen Arzt in Reichweite haben, keine Schulbücher oder Stifte oder gar Hunger leiden und um ihr Leben fürchten, so geht ihnen das nahe und sie werden ihr Mitgefühl in tätige Hilfe und Solidarität umsetzen.
Nahe sein oder nahe gebracht werden - das ist die erste Voraussetzung. Die zweite besteht darin, dass Kinder für ihr Mitgefühl nicht verlacht oder anderweitig beschämt werden. Dies aber geschieht allzu oft. „Das ist doch nur ein Tier.“ „Stell dich nicht so an.“ „Nun ist aber gut.“ Solche und viele andere Äußerungen hören Kinder oft, wenn sie mit leidenden Lebewesen mitfühlen und dieses Mitgefühl zeigen. Das ist möglicherweise ein Anfang von Verhärtung und Verrohung, die Erwachsene dann wiederum bei Jugendlichen beklagen. Kinder brauchen das Gegenteil von Beschämung, sie brauchen Verständnis, Unterstützung, Lob und Anerkennung für ihr Mitgefühl.
Die grundsätzliche Fähigkeit, mit anderen Lebewesen mitzufühlen, ist allen Menschen gegeben. Hirnforscher haben einen Teil der neuronalen Prozesse entdeckt, über die Menschen mitfühlen. Wie stark aber die Fähigkeit des Mitfühlens ausgeprägt ist, ist bei Menschen unterschiedlich und hängt entscheidend von ihrer Empfindsamkeit ab. Über ihre Empfindsamkeit hören Kinder fast immer zuerst und hauptsächlich nur Abwertendes: „Sei doch nicht so empfindlich“, „Heulsuse“, „Weichei“, „Du Sensibelchen, krieg dich mal wieder ein“ usw. Dabei bedeutet die Empfindsamkeit der Kinder doch etwas Positives, beinhaltet sie doch, dass Kinder Antennen haben, Aufnahme bereite und sehr feine Antennen für das, was in anderen vorgeht.
Dies hat leider oft die Nebenwirkung, dass ihre Grenzen und ihre Schutzschichten gegenüber anderen dünn sind und sie sich gegen das, was von außen kommt, kaum schützen können. Also reagieren sie emotional mit Tränen, Verzweiflung, Erröten oder anderem – und werden dafür beschämt oder gemaßregelt. Deswegen sind Worte wie „sensibel“ oder „empfindlich“ für viele Kinder (und Erwachsene) mit einem negativen Beigeschmack, mit Abwertung behaftet. Wir ersetzen diese Begriffe deshalb gerne mit dem Wort „empfindsam“, das sich unserer Erfahrung nach höherer Wertschätzung erfreut, und bezeichnen damit die Fähigkeit, Regungen anderer Menschen aufzunehmen.
Die Empfindsamkeit mag für viele Kinder eine Last sein und von manchen Erziehenden verlangen, dass sie den Kindern Gelegenheit geben und sie darin unterstützen, sich zu schützen – möglichst unideologisch, sprich: den individuellen Fähigkeiten des jeweiligen Kindes angepasst – gegen das, was zuviel ist, und gegen das Bedrohliche. Doch vom Kern her ist diese Empfindsamkeit eine kostbare Eigenschaft, weil sie die Fähigkeit mitzufühlen beinhaltet.
Wenn wir beschreiben, in welcher Intensität Kinder mitfühlende Wesen sind, dann werden sich manche Leserinnen und Leser an Gelegenheiten erinnern, in denen Kinder nicht mitfühlend, sondern grausam und verletzend waren.
„Kindermund tut Wahrheit kund“ ist eine davon. Wenn Kinder taktieren, sind sie schon viel zu früh erwachsen geworden – oft sind sie ehrlich und in ihrer Ehrlichkeit brutal. Das kleine Mädchen, das von der Tante mit Geschenken überhäuft wird und von dem erwartet wird, dass es sich aus Dankbarkeit von ihr drücken und abküssen lässt, stößt die Tante von sich. Sie mag sie nicht. Geschenke hin oder her, die Erwartungen der Eltern und erst recht der Tante werden enttäuscht. Das wirkt roh, ist aber letztendlich nur eine Ehrlichkeit, die keine Zwischentöne und kein Taktieren kennt. Jüngere Kinder können mitfühlen, aber haben noch wenig Wissen über die Verletzungsanfälligkeit anderer Menschen. Zu sehr sind sie damit beschäftigt, sich selbst zu schützen und sich um ihre eigene Verletzlichkeit zu kümmern. Dies heißt nicht, dass sie weniger Mitgefühl haben. Es bedeutet, dass dieses Mitgefühl nicht immer genug Raum hat in ihrem Leben und ihren Äußerungen und dass es ihnen an Geschmeidigkeit mangelt.
Nun gibt es aber auch Kinder, die wirken nicht nur roh, die sind roh. Sie verletzen und kränken, sind in Worten und Taten gewalttätig. Genauer muss man sagen, sie sind nicht roh, sondern roh geworden, indem sie selbst verletzt und gedemütigt wurden. Immer, und wir meinen wirklich immer, liegen solchen Verhaltensweisen der Kinder Gewalterfahrungen zu Grunde. Jedes Kind wird mit Mitgefühl geboren, keines mit Rohheit. Rohheit von Kindern ist ein Produkt von Gewalt. Diese Gewalt muss nicht nur in Schlägen bestehen oder in sexuellen Übergriffen, Gewalt kann auch darin liegen, dass Kinder allein gelassen und mir Leere umgeben werden, dass sie atmosphärisch Gewalttätigkeiten anderer miterleben oder durch Blicke, Worte und Verhalten gedemütigt und erniedrigt werden.
Wenn solche Erfahrungen für Kinder unerträglich werden, machen sie sich gefühllos. Viele implodieren, verstummen und richten all ihre Impulse gegen sich, andere explodieren und geben das weiter, was sie selbst erfahren haben. Die Gewalttätigkeit, die sie erleben, wird zur Rohheit und Gewalt gegen andere. Wie sollen Menschen, die kein Mitgefühl erfahren, mit anderen mitfühlen können?
Bei den Kindern, denen wir persönlich bislang begegnet sind, durften wir die Erfahrung machen, dass Heilung und damit Mitfühlen wieder möglich wurden, wenn Kinder Mitgefühl (und Halt und einen klaren Rahmen und strenge Sicherheit und vieles andere mehr) neu erfahren durften und dadurch Verletzungen gelindert oder geheilt wurden. Wir wissen aber von Kolleginnen und Kollegen, die mehr als wir mit diesen Kindern arbeiten, dass dies trotz allem Engagement nicht immer gelingt. Manche Brüche können nicht heilen, manche Kinder werden zerbrochen. Ihnen hat man das Gefühl und Mitgefühl für sich und andere genommen.
Kinder besitzen ein starkes Gefühl für Gerechtigkeit. Der Vater steht oft staunend vor seinem Sohn Tom und hört zu, mit welcher Energie er sich aufregt: „Dass ich heute eine Vier im Mündlichen bekommen habe, ist gar nicht so schlimm. Aber es war ungerecht, dass die Eva, die noch weniger gewusst hat als ich, eine Zwei bekommen hat.“
Das Gerechtigkeitsgefühl wird in Ärger sichtbar, ist aber mehr als das. Es erscheint als hohe Erregung und kann Kinder intensiv und nachhaltig beschäftigen. Gerechtigkeit müssen Kinder nicht lernen, aber sie können sie verlernen, wenn sie in ihrem Gerechtigkeitsempfinden nicht unterstützt werden. Das Gerechtigkeitsgefühl der Kinder braucht Bekräftigung, dann bewahrt es seine Kraft. Bekräftigung muss nicht beinhalten, dass den Kindern in allem zugestimmt wird, was sie für gerecht halten oder als ungerecht anklagen. Bekräftigung zielt darauf ab, dass Gerechtigkeit ein wichtiger Wert ist. In konkreten Bewertungen können Erwachsene durchaus anderer Meinung als die Kinder sein und ihnen widersprechen: „Dieses oder jenes halte ich nicht für gerecht“ – wichtig ist, dass der Wert Gerechtigkeit unterstützt wird und ihm die hohe Bedeutung zugemessen wird, die er für Kinder hat.
Die größte Unterstützung erhält das Gerechtigkeitsgefühl dadurch, dass Erwachsene für Kinder parteilich sind. Nichts tötet ein Gerechtigkeitsgefühl schneller als ein Standpunkt über den Wolken, der es allen recht machen möchte, eine Haltung, sich aus allen Händeln der Welt heraushalten zu wollen. Damit werden Kinder allein gelassen. Kinder brauchen Standpunkte, Kinder brauchen Bewertungen, auch wenn sie nicht immer mit ihnen übereinstimmen, Kinder brauchen Vorbilder und Unterstützung darin, für Werte einzutreten.
Zwei Fallen, in die Erziehende häufig tappen können, sind wir begegnet, zwei Fallen, die der Bekräftigung des Gerechtigkeitsgefühls und der Parteilichkeit entgegenstehen. Die erste Falle ist der Mythos, dass Eltern vor ihren Kindern keine Meinungsverschiedenheiten austragen dürfen und vor allem dass sie gegenüber ihren Kinder zusammenhalten sollen. Wie oft haben wir von Erwachsenen gehört, dass sie der Meinung waren, dass ihr Kind von ihrem Partner oder von ihrer Partnerin ungerecht behandelt wurde und dass ihnen das „regelrecht weh“ getan hat. Aber dann heißt es: „Das kann ich ja vor dem Kind nicht sagen.“ Warum eigentlich nicht? Nach unseren Erfahrungen gibt es kaum etwas Größeres für ein Kind, als dass ein Erwachsener für es Partei ergreift, weil er es für gerecht und richtig hält. Die Eltern oder anderen Erziehenden verlieren dadurch nicht an Autorität, im Gegenteil, sie werden Vorbilder darin, Meinungsverschiedenheiten auszutragen und für Eigenes einzustehen.
Ein zweiter Mythos lautet: „Alle Kinder müssen gleich behandelt werden, nur das ist gerecht.“ Hier werden Gerechtigkeit und Gleichbehandlung durcheinander geworfen. Gleichbehandlung ist nicht Gerechtigkeit. Gleichbehandlung kann im höchsten Maße ungerecht sein.
Erwachsene setzen sich z. B. oft unter einen großen Druck, bei Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenken darauf zu achten, dass die Kosten-Unterschiede nicht zu groß sind. Aber entscheidend für ein Kind ist nicht, dass die Geschenke für alle drei Geschwister jeweils 20 Euro kosten und keinen Cent mehr oder weniger. Entscheidend ist, dass das Kind von den Erwachsenen gewürdigt wird, dass es ernst genommen wird. Gerecht ist für ein Kind, wenn seine Wünsche und Bedürfnisse und seine Bemühungen gesehen werden. Das Maß des Gerechtigkeitsgefühls von Kindern ist nicht die Quantität der Geschenke oder der Zuwendung, sondern die angemessene, „gerechte“ Qualität, die gerechte Würdigung ihrer Person, ihres Bemühens, ihrer Leistung, ihrer Persönlichkeit.
Für Tom war nicht das Entscheidende der Unterschied in der Benotung. Die Verletzung seines Gerechtigkeitsgefühls lag daran, dass er sich nicht richtig gesehen fühlte und damit nicht gerecht gewürdigt. Der Vater kennt seinen Sohn: Tom regt sich genauso auf, wenn er findet, dass Eva oder eine andere Schulkameradin/ ein anderer Schulkamerad ungerecht behandelt wird. Nur hat es Tom dann leichter, damit klar zu kommen, weil er, wenn es jemand anderen trifft, aufsteht und sagt: „Das finde ich ungerecht.“ Und Tom hat, wie andere Kinder auch, ein feines Gespür dafür, dass Gerechtigkeit nicht Gleichbehandlung bedeutet. Denn er kämpft auch darum, dass der Englischlehrer berücksichtigt, dass Carolin es wegen ihrer häufigen Krankheiten schwerer als andere hat, mit der Sprache und überhaupt mit dem Lernpensum zurecht zu kommen. Tom verlangt vom Lehrer, dass er bei ihr ein anderes Maß der Beurteilung anlegt als bei anderen. Das bedeutet für ihn Gerechtigkeit.