Philosophie und Psychologie des Buddhismus sind außerordentlich tief und weit“, sagt Gonsar Rinpoche. „Deshalb sagen manche Leute, der Buddhismus sei keine Religion, sondern lediglich eine Philosophie. Manche modernen Philosophen jedoch sind der Auffassung, der Buddhismus sei keine Philosophie, sondern eine Religion, weil es im Buddhismus auch Mönche und Gebete gibt. In der Tat verhält es sich so, wie es Seine Heiligkeit der Dalai Lama beschreibt: Aus dem Verbund der Religionen wird der Buddhismus hinausgeworfen mit der Behauptung, er sei eine Philosophie; aus dem Verbund der Philosophien wird er hinausgeworfen mit der Behauptung, er sei Religion. Von beiden Seiten hinausgeworfen, wird der Buddhismus zu einer Brücke zwischen Religion und Philosophie.“
Diese Brücke habe ich immer gern betreten, besonders wenn sie mir von einem so glaubwürdigen und weisen Lehrer wie Gonsar Rinpoche gebaut wird. Etwa zweimal im Jahr besucht Gonsar das Münchner Tibet-Zentrum des Vereins Püntsok Rabten. Der Vortragsaal ist nicht viel größer als ein Wohnzimmer. Dennoch hat man schon beim Betreten den Eindruck, in eine andere Welt einzutauchen. Thangkas von tibetischen Gottheiten wie Tara und Manjushri und Fotos von Meistern wie dem Dalai Lama zieren die Wände. Man kann Kunst- und Kultgegenstände, darunter die berühmten „gelben Mützen“ der von Meister Dshe Tsongkapa gegründeten Gelugpa-Linie, bewundern.
Der Vortragende thront auf einem erhöhten Podest; die Belehrungen über das Dharma sind stets von einem feierlichen Ritual eingerahmt. Trotz der Enge finden viele der meist westlichen Tibet-Freunde den Platz für rituelle Niederwerfungen, die ihren Respekt bekunden. Viele können sogar die seitenlangen Gebete auswendig, die in tibetischer Sprache in monotonem Sprechgesang dargebracht werden.
Ich lasse mich gerne von der ernsten, feierlichen und achtungsvollen Atmosphäre ergreifen, die in diesem Raum herrscht. Gonsars Belehrungen sind außergewöhnlich klar und ausführlich. Jedes Mal weist er zuerst darauf hin, dass es ein besonderes Glück ist, sich hier versammeln und dem Dharma lauschen zu können. Man könnte ja auch etwa gar nicht in einem Menschenkörper inkarniert sein oder krank oder geistig umnachtet sein oder in einer Gegend wohnen, in der die Ausübung von Religion verboten und mit harten Strafen belegt ist. Ich höre den Belehrungen gerne zu, die sich um den berühmten Meister Atisha und seinen Text „Die Lampe auf dem Pfad zur Erleuchtung“ drehen.
„Tue Gutes, gib Schädliches auf. Halte dich an die Lehre des Erwachten…“ (Buddha Shakyamuni)
Als ich Gonsar Rinpoche um ein Interview bat, war mir nicht klar, dass er ein Tulku ist und was es damit auf sich hat. Die Tradition der Tulkus ist eine Besonderheit des tibetischen Buddhismus. Ein Tulku ist ein Mensch, der in der Lage ist, vor seinem eigenen Tod relativ präzise Angaben über den Ort, die Zeit und die Umstände seiner nächsten Geburt sowie über seine künftigen Eltern zu machen. Die Wiedergeburt eines Tulkus wird von ehemals sehr vertrauten Kontaktpersonen des Verstorbenen gesucht und gefunden. Das Kind kann sich an Begebenheiten seines Vorlebens erinnern und erweist sich durch das Bestehen gewisser Prüfungen einwandfrei als echt. Der bekannteste Tulku ist Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, der in jeweils unterschiedlichen Verkörperungen seit Jahrhunderten das geistige und politische Oberhaupt Tibets gewesen ist.
Gonsar Rinpoche ist der fünfte Gonsar seiner Linie. Er und sein spiritueller Lehrer Geshe Rabten stehen in einer besonders innigen spirituellen Beziehung zueinander. Gonsar wurde von Geshe Rabten erzogen und ausgebildet. Dieser Meister, der in seiner Autobiografie „Mönch aus Tibet“ eine bewegende Schilderung seiner Jugend in Tibet, seiner Flucht nach Indien und seiner Tätigkeit als Dharma-Lehrer im Westen gibt, hat sich in besonderer Weise um die Ausbreitung des tibetischen Buddhismus in der Schweiz, in Deutschland und in ganz Europa verdient gemacht. Auf Wunsch des Dalai Lama folgte Gonsar Rinpoche seinem Meister in die Schweiz und führte nach dessen Tod im Jahr 1986 seine Aufgabe als Abt des 1977 am Genfer See gegründeten Klosters Rabten Choeling fort. Gonsar fand die Wiederverkörperung seines einstigen Lehrers in Indien, nahm ihn gemäß der Tradition zu sich und bildete ihn aus. So ist der einstige Meister nun der Schüler Gonsars. Heute ist er etwa 18 Jahre alt, und vermutlich wird dereinst Gonsar wieder sein Schüler sein – in jenem Kreislauf von Werden und Vergehen, von Leben, Sterben und Wiedergeburt, der eine der Säulen buddhistischer Weisheit ist.
Gonsar Rinpoche und der junge Geshe jedenfalls sind Tulkus. Ich wünschte, ich könnte auch die Umstände meiner nächsten Geburt bestimmen, von sehr vertrauten Menschen aufgefunden und erzogen werden, damit ich meine wahre Bestimmung nicht verfehle. Welch eine geistige Größe, welch ein umfassendes Bewusstsein muss einem Menschen eigen sein, der so weit entwickelt ist! Wie würde die Welt aussehen, wenn diese Stufe des Bewusstseins nicht nur von Wenigen erreicht ist, sondern von den Vielen? – Ich war sehr gespannt, diesem Menschen dann persönlich gegenüber zu treten.
Gonsar: Aus buddhistischer Sicht ist das alles ganz normal. Das ist nichts Besonderes. Für eine Person von hohem geistigem Niveau ist Auferstehung oder so etwas ganz leicht.
Gonsar: Durch Anwendung von Meditation gewinnt unser Geist allmählich vollständige Kontrolle über die Elemente. Dafür muss unsere geistige Kraft über einen langen Zeitraum entwickelt werden, bis hin zu dem Punkt, wo die geistige Macht über die Elemente eintritt, dann ist alles möglich: Verschwinden, Levitieren (Aufsteigen) oder Versinken, Schweben …
Gonsar: Natürlich, wenn ein Bodhisattva* diese besondere Fähigkeit erlangt hat, dann nur für den einen Zweck, dass den Lebewesen wirkungsvoll geholfen wird. Das wird nicht praktiziert, um ein Spektakel zu erzeugen oder um eine große Show zu veranstalten.
„Wenn du mit stetigem Bemühen dem mWeg der Selbstdisziplin folgst, kannst du das Rad der Geburt verlassen und dem Leiden ein Ende setzen.“ (Buddha Shakyamuni)
Gonsar: Das ist für einen Buddhisten unakzeptabel, völlig unakzeptabel. Solche Geschichten gibt es bei uns nicht! Was Christus selbst gelehrt hat über die Liebe, die Vergebung, die Geduld, sein ganzes Leben, das alles ist kein Widerspruch zum Buddhismus. Ganz im Gegenteil, hier ist die christliche Lehre der buddhistischen sehr nahe. Das ist ganz logisch und sehr gemeinsam mit der Lehre von Dharma. Aber diese Geschichte vom Anfang der Welt und von ihrem Ende – die gibt es im Buddhismus nicht.
Gonsar: Das beantwortet der Buddhismus auf zwei Ebenen: auf der letztlichen Ebene und auf der konventionellen Ebene. Auf der letztlichen Ebene wird jedes Phänomen entstehen und wieder vergehen. Entstehen und Vergehen, das ist die Natur der Phänomene. Aber auf der konventionellen Ebene akzeptiert der Buddhismus kein Konzept von Anfang und Ende. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Wir sprechen nur von anfangloser Zeit. Das ist jedoch für einen Geist, der eng ist, nicht so leicht zu verstehen. Für einen solchen Geist ist es einfacher, sich einen Anfang und ein Ende vorzustellen. Deshalb haben viele Religionen Schöpfungsgeschichten von einem Gott, der am Anfang alles geschaffen hat. Für einen Buddhisten jedoch gilt das Anfanglose.
Wir kennen keinen Anfang in dem Sinne, dass plötzlich etwas ins Dasein getreten wäre, was vorher nicht da war. Natürlich gibt es das Werden und Vergehen, selbst in den Universen. Ein Universum entsteht, bleibt einige Zeit und geht dann über in das Vergehen und in das Werden eines neuen Universums. Dass die Formen beginnen, bestehen und sich ablösen, das sind Prozesse, die ständig stattfinden, das ist endlos.
Gonsar: Wenn alle Wesen gerettet wären, dann wäre das ja nicht das Ende der Wesen. Aber das wäre sehr gut, wenn alle gerettet wären. (Wir lachen.)
Gonsar: Ob es das beste System ist, kann ich nicht sagen. Meine persönliche Meinung ist, dass diese Vermischung von Politik und Religion keine wirklich geniale Sache ist. Wenn man die Geschichte von Tibet liest, kann man auch sehen, dass diese Vermischung nicht so viel gebracht hat.
Der tibetische Mythos spielt dabei eine große Rolle. Wir glauben, im alten Tibet wäre alles wunderbar und harmonisch gewesen. Aber auch die Tibeter sind voller Ärger, voller Probleme, voller Egoismus und Auseinandersetzungen. Nicht alle Tibeter sind Boddhisattvas! Andererseits hat Tibet ungewöhnlich viele außergewöhnliche Meister hervorgebracht, die den Dharma in Tibet verbreitet haben. Das ist wirklich so, und in keinem anderen Land findet man eine solche Häufung herausragender Meister. Durch deren Vorbild und die Anwendung des Dharma wurden sehr viele Tibeter auf einen guten Weg gebracht, das ist wahr. Aber allgemein gefragt: Ob der Lamaismus so viele Vorteile hatte?
„Befreiung erwächst aus der Erkenntnis, dass Ursache und Wirkung zusammenhängen.“ (Mantra vom Bedingten Entstehen)
Gonsar: Nein, überhaupt nicht! Tibet war ganz am Anfang eine richtige, gewöhnliche Monarchie, mit Königen als Herrscher. Erst mit dem V. Dalai Lama wurden die Dalai Lamas die politischen und geistigen Führer Tibets. Die ersten vier Dalai Lamas übten lediglich eine spirituelle Funktion aus. Zur Zeit des V. Dalai Lama, des „Großen“, wie die Tibeter ihn nennen, war Tibet in viele kleine Fürstentümer auseinandergefallen und unter die Herrschaft der Mongolen geraten. Auch stand Tibet am Rande eines Bürgerkrieges und in dieser sehr schwierigen Zeit gelang es dem V. Dalai Lama, die politische und spirituelle Führung in seiner Person zu vereinigen, welche auch sehr bald von allen Provinzen Tibets anerkannt wurde und so zu Frieden führte.
Jedenfalls war diese Mischung aus Politik und Religion in manchen Zeiten vielleicht sehr gut für die Tibeter, aber manchmal war es auch nicht so gut. Ich glaube nicht, dass diese Vermischung wirklich gut ist. Denn die Politik stört die Religion, und die Religion stört die Politik. Man kann nie in beidem wirklich wirkungsvoll sein. Stellen Sie sich vor, ein wirklich spiritueller Meister wäre an der Spitze und müsste all diese politischen Entscheidungen treffen – das ist gar nicht so einfach.
Gonsar: Ja, was auch immer das politische System sein mag, das wäre die innere Essenz von Religion. Es hieße: wirkliche Ehrlichkeit, wirkliche Gerechtigkeit anmahnen. Wenn Politiker und die Regierung Entscheidungen wirklich zum Wohl der Menschen treffen und eine Einstellung von Frieden und Harmonie kultivieren, wenn das in die Politik einfließt, würde das sich sehr gut für die Menschen auswirken.
Das Interview führte Monika Herz