Die heiligen Schriften richtig verstehen

Die heiligen Schriften richtig verstehen

Gemeinsamkeiten aufdecken, Widersprüche auflösen

Die Verständigung der Religionen spielt heute im kulturellen Austausch eine immer wichtigere Rolle. Das Fundament dafür sind die einzelnen heiligen Schriften, die freilich auf den ersten Blick mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zeigen. Liest man sie im Lichte ihres „mystischen Geheimcodes“, ist es aber gerade umgekehrt.

Fehlerquelle Übersetzung

Frage: Wir leben heute in einer Zeit, in der die Verständigung der Religionen im immer engeren Austausch der Kulturen und Völker eine maßgebliche Rolle zu spielen hat. Sie selbst setzen sich seit vielen Jahren für die interreligiöse Verständigung ein. Glücklicherweise stehen heute einer großen Zahl von Menschen auf der ganzen Welt alle überlieferten heiligen Schriften in ihrer Muttersprache für das vergleichende Studium zur Verfügung.

Nun ist aber bekannt, dass zum Beispiel Romane umso schwieriger in eine andere Sprache zu über setzen sind, je anspruchsvoller sie sind. Selbst eine optimale Übersetzung kann nicht die ganze Feinheit des ursprünglichen Stils wiedergeben. Wie Sie immer wieder betonen, bergen aber gerade die heiligen Schriften so etwas wie einen „mystischen Geheimcode“. Das heißt, sie beschreiben spirituelle Erfahrungen und Sachverhalte, die jenseits der sinnlichen Erfahrung und des intellektuellen Verständnisses liegen, notgedrungen in Worten und Bildern aus der materiellen Welt. Das dürfte die Aufgabe von Übersetzern noch schwieriger machen, wenn nicht gar unmöglich. Wie verlässlich können solche Übersetzungen dann überhaupt sein?

Zeugnisse von Offenbarungen Gottes können nur durch eigene Offenbarungen verstanden werden.

Antwort: Wie genau eine Übersetzung den ursprünglichen Inhalt einer heiligen Schrift wiedergibt, hängt weniger von deren Stil oder den Besonderheiten der Sprache ab, in die sie übertragen werden, sondern in erster Linie von der Frage, wie gut der Übersetzer ihren ursprünglichen, spirituellen Inhalt versteht.

Ich will ein praktisches Beispiel geben, um das Gemeinte zu illustrieren. Bei Matthäus 6,22 heißt es: „Wenn dein Auge einfältig ist, wird dein ganzer Leib licht sein.“ Ich erinnere mich, verschiedene moderne Bibel versionen gelesen zu haben, in denen dieser Satz etwa folgendermaßen übersetzt wurde: „Wenn dein Auge gesund ist, dann ist dein ganzer Leib gesund.“

Aufgrund meiner Kenntnis der indischen heiligen Schriften, ins besondere der Veden, ist mir der Begriff „Einzelauge“, shiv netra, „drit tes Auge“ und dergleichen bestens vertraut. Es ist das spirituelle Auge, welches das göttliche Licht im Innern sieht. So bedeutet die genannte Textstelle im Evangelium selbstverständlich: „Wenn dein inneres Auge – das einfältige Auge beziehungsweise Einzelauge – geöffnet ist, dann erstrahlt der Mensch innen im Lichte Gottes.“

Fehlerquelle Überlieferung

Frage: Nun haben wir freilich in anderen Religionen Schriften vor uns, deren Überlieferung weitaus älter ist als das Neue Testament. Dies gilt in besonderem Maße für die Veden, mit denen Sie sich intensiv befasst haben. Sie stammen bekanntlich aus ei ner Zeit, über die wir so gut wie keine historischen Kenntnisse besitzen. Darum sind sie auch praktisch nicht bis zu ihren Ursprün gen zurückzuverfolgen. Vor allem aber wurden ihre Verse die meiste Zeit mündlich überliefert, bevor sie in eine schriftliche Form gefasst wurden.

Jede mündliche Überlieferung verändert einen Text im Laufe der Zeit natürlich nachhal - tiger als die schriftliche. So steht zu befürchten, dass die Verse in ihrer heutigen Form nur noch wenig mit den ursprünglichen Worten der vedischen Seher (rishis) gemein haben. Bei Buddha liegt der Fall wieder anders. Seine Worte wurden zwar aufgeschrieben, jedoch niemals von ihm selbst, sondern von seinen Schülern aus dem Gedächtnis. Auch Moham med schrieb bekanntlich die Verse des Koran nicht selbst nieder, sondern diktierte sie seinen Anhängern.

Kann man angesichts dieser starken menschlichen Beteiligung alle diese Schriften tatsächlich als Gottes Wort auffassen, wie es die Vertreter der Religionen tun, aus denen sie stammen? Antwort: Alle genannten heiligen Schriften wie auch andere, hier nicht er wähnte, können wir als Wort Gottes akzeptieren, wenn wir von der Grundlage ausgehen, dass sie alle gleichermaßen Zeugnisse von Gottes Offenbarungen an unterschiedliche Botschafter oder Propheten sind. Wenn wir sie als gleichwertige Botschaften Gottes betrachten, so treffen wir auf eine über wältigende Fülle von übereinstimmenden Aussagen, auch wenn die jeweilige Aus drucksweise dabei entsprechend der jeweiligen Zeit und Kultur unterschied lich sein mag.

Wenn Jesus beispielsweise seine Rolle als die des Hirten be schreibt, der gekommen sei, um die verlorenen „Schafe“ einzusammeln, so spricht Guru Gobind Singh in der heiligen Schrift der Sikhs von der Suche nach seinen „Löwen“. Mo hammed erklärt wiederum, der Prophet sei gekommen, um die zu füh ren, die sich verirrt hätten. Obwohl alle diese Meister oder Propheten ihre Botschaften in unterschiedliche Worte kleiden, so beschreiben sie doch damit übereinstimmend die Auf gabe der Gottessöhne oder -boten, die Seelen aus der Welt zu Gott zurückzuführen.

Den mystischen Code entschlüsseln

Was nun die Rolle des Lesers oder Deuters dieser hei ligen Schriften betrifft, so kann man sie mit einem einfachen technischen Vergleich deutlich machen: Ein Radio muss auf genau dieselbe Frequenz eingestellt werden, auf der ein bestimmter Sender seine Sendungen ausstrahlt. Je nach Einstellung kann dasselbe Radio ein Musikstück, eine Diskussion, die Le - sung aus einem Buch und anderes mehr übertragen. Die Einstellung des Radios ist entscheidend für das, was wir hören.

Für den richtigen „Empfang“ beim Lesen der heiligen Schriften ist die Einstellung auf die richtige „Sendefrequenz“ genauso entscheidend. Wer keinen Zugang zu spirituellen Offenbarungen besitzt, kennt die Frequenz nicht, über die er den spirituellen „Code“, die geistliche Botschaft, der Schriften empfangen kann. Sein „Empfangsgerät“ kann nur aufnehmen, was den „menschlichen Aspekt“ der Schrift ausmacht. Er liest die Dinge entweder im wörtlichen Sinne, so dass er die unterschiedliche Ausdrucksweise für denselben Gegenstand als widersprüchliche Aussagen deutet (wie im Falle der Löwen und der Schafe); oder aber er entschlüsselt rätselhafte Textpassagen mithilfe des Verstandes, im Rahmen seines persönlichen Erfahrungs- und Erkenntnishorizonts (wie im Falle des „gesunden Auges“).

Um zur spirituellen Botschaft der Schriften vorzudringen, ist der Zugang zu inneren Offenbarungen un abdingbar. Auf dieser „Frequenz“ erschließt sich die Gemeinsamkeit der heiligen Schriften von selbst, so dass es keinesfalls nötig ist, ihre jeweiligen Aussagen zu manipulieren oder zurecht zu biegen, um sie nachträglich auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Zeugnisse von Offenbarungen Gottes können nur durch Offenbarungen verstanden werden.

Ein konkretes Beispiel

Dazu ein Beispiel aus dem Alten Testament. Hier bitten Gottesknechte, wie sich die Propheten zuweilen nennen, Gott immer wieder darum, ihre „Feinde“ zu zer schlagen. Wer diesen Satz auf der „Wellenlänge“ des Verstandes liest, legt ihn so aus, als wollten die Propheten mit Gottes Hilfe politische Gegner oder andere übel gesinnte Menschen vernichten, oder als sollte Gott dazu bewegt werden, einseitig zu ihren Gunsten in feindliche Auseinanderset - zungen oder gar Kriege einzugreifen, wie oft vermutet wird. Dieselbe Formulierung findet sich aber auch in den Offenbarungsworten der Veden. Hier bitten die Gottessöhne oder Propheten Gott jedoch darum, mit seinen inne ren Offenbarungen die zahlreichen Feinde, die in Form von Verblen dung, negativen Gedanken und Neigungen in ihrem eigenen Gemüt lauern, unter Kontrolle zu bringen und schließlich unschädlich zu machen. (Um denselben „heiligen Krieg“ geht es übrigens ursprünglich auch beim so genannten jihad im Koran.)

Alle diese Ausdrucksweisen beziehen sich auf denselben spirituellen Sachverhalt: Gott selbst bringt die an die Welt verhafteten Gemütskräfte durch seine Offenbarungen (vgl. Infos) unter Kontrolle, so dass sie die Aufmerksamkeit nicht mehr nach außen ziehen können und die Seele sich ungehindert in die Bereiche der spirituellen Seligkeit erheben kann.

Diese zentrale Aus sage finden wir im indischen Raum in dem bekannten Symbol von Krishna zum Ausdruck gebracht, der Flöte spielend auf der Kobra tanzt. Das bedeutet nichts anderes, als dass Krishna als spiritueller Meister das auf vielfältige Weise an die Welt gebundene Gemüt des Menschen – die vielköpfige Schlange – durch die göttliche Offenbarung des Flötenklangs be zwingt. Dieser Klang, der in allen heiligen Schriften Erwähnung findet, ist eine sehr hohe Stufe von Gottes Offenbarung im Klang. Wenn dieser unaufhörliche Klang in der Seele er tönt, wird sie davon so angezogen, dass die Gemütskräfte keinerlei Macht mehr über sie haben.

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