Die Seele ist vom selben Ursprung wie Gott. Sie ist reiner Geist, reines Bewusstsein. So ist der Mensch seiner wahren Natur nach ein allbewusstes Wesen – ausgestattet mit allen Eigenschaften Gottes. Geist oder Bewusstsein sind andere Begriffe für Aufmerksamkeit. Wir können also auch sagen: Der Mensch ist seinem eigentlichen Wesen nach reine Aufmerksamkeit. Woran liegt es aber, dass unser tatsächlicher Zustand so weit von diesem hohen Ideal abweicht? Wie ist es zu erklären, dass unsere Aufmerksamkeit – weit davon entfernt, in Gott vertieft zu sein – sich auf die Welt und alles Weltliche richtet und sich darin zersplittert? Die Ursache dafür liegt in der Verbindung der Seele mit dem Körper.
Durch die fünf Sinne nehmen wir täglich zahllose Eindrücke auf, die sich unserem Bewusstsein unauslöschlich einprägen. Wir brauchen uns nur zu vergegenwärtigen, wie viele solcher Eindrücke unterschiedlichster Art wir im Verlauf von 24 Stunden aufnehmen, um uns darüber klar zu werden, wie unermesslich viele es während eines Monats, eines Jahres und eines ganzen Lebens sein müssen!
Damit nicht genug, bringt unsere Seele, wenn sie auf die Welt kommt, bereits all die Eindrücke aus zahllosen früheren Inkarnationen mit. Auf diese Weise hat sich seit dem Beginn der Welt, als die göttliche Seele in die Schöpfung trat, eine unermessliche Zahl von Eindrücken angesammelt. Was geschieht, wenn man vor eine reine Lichtquelle Schicht um Schicht tausendfach feinste Filme legt? Das Licht bricht sich in unzähligen Farben und Formen und nimmt mit jeder Schicht an Strahlkraft ab, bis sich der letzte matte Schlimmer im Dunkel verliert.
Unsere Aufmerksamkeit ist das Licht der Seele, und solange diese Myriaden von Filmschichten da sind, kann es nicht anders, als sich in diesen Brechungen zu verlieren, da es richtungslos geworden ist. So treiben die weltlichen Eindrücke unser Gemüt beständig in die Welt, und die Berührung mit den Sinnesgegenständen prägt ihm umgekehrt wieder zahllose neue Eindrücke auf. Die Seele wird in diesem engen Wechsel wie ein Spielball hin- und hergeworfen und findet keinen Frieden.
Der einzige Ausweg besteht darin, dass die Seele etwas findet, das sie ihrem ursprünglichen Wesen wieder näher bringt – eine spirituelle Freude, die die Aufmerksamkeit so gefangen nimmt, dass sie die weltlichen Attraktionen vergisst. Diese Freude liegt im Innern des Menschen, aber sie kann nur mit ungeteilter Aufmerksamkeit erfahren werden, und daher braucht sie gleichsam ein Brennglas, das die vielfach gebrochenen Lichtstrahlen wieder zu einem einzigen reinen, starken Strahl bündelt, der mit seinem Feuer alle Eindrücke wie dürres Laub verbrennt.
Ein solcher Wandel ist nur möglich, wenn wir es uns zur Gewohnheit machen, in täglicher ausgedehnter Meditation unsere Gedankenströme wieder zu der Stelle zurückziehen, von der sie ihren Ausgang nehmen: zum so genannten Augenbrennpunkt oder dem Dritten Auge in der Mitte der Stirn. Wenn sie an diesem Ort vollkommen gesammelt sind, beginnen wir zuerst das Licht und dann den Klang Gottes wahrzunehmen (vgl. „Mehr zum Thema“) und können unsere Aufmerksamkeit wieder damit verbinden.
Solange man mit dem Herzen bei Gott ist, empfängt manständig stille Botschaften seiner Liebe.
Der Heilige Kabir besingt in seinen mystischen Versen, wie sich die Seele in dieses „innere Gemach“ zurückzieht, um ihren Geliebten zu empfangen. Auch in der Bibel ist von der „mystischen Hochzeit“ die Rede, auf die sich die Jungfrau (reine Seele) durch beständiges Wachen vorbereitet. Je tiefer wir uns in dieser „stillen Kammer“ in Gott und seine Offenbarungen versenken, desto mehr unserer Eindrücke werden ausgelöscht, und je dünner der Film der Täuschung wird, der uns von Gott trennt, desto stiller, stetiger und zufriedener wird das Gemüt.
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