Gott wird immer als unser Vater beschrieben, dessen Liebe bedingungslos allen Menschen gilt. Warum merken wir dann so wenig davon? Gottes Liebe zu den Menschen lässt sich tatsächlich der Liebe von Vater oder Mutter zu ihrem Kind vergleichen. Die Eltern lieben ihr Kind, auch wenn es nichts tut, um diese Liebe zu verdienen. Aber so wie eine Mutter ihr Kind noch mehr liebt, wenn es auf ihre Liebe antwortet, indem es ihr Freude machen will, nimmt auch die Liebe zwischen Gott und Mensch eine neue Dimension an, sobald der Mensch beginnt, Gottes Liebe zu erwidern. Gott liebt uns also auf zwei Arten: eine rundsätzliche, die von ihm ausgeht und gleichermaßen allen Menschen gilt, und eine persönliche, die wechselseitig ist und sich zwischen Gott und Mensch entwickelt. Seine grundsätzliche Liebe zu uns zeigt sich schon allein darin, dass er unseren Geist, unseren Körper und schließlich die ganze Welt, in der wir leben, so gestaltet hat, dass es uns eigentlich an nichts fehlt. Die Luft, die wir atmen, versorgt uns mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff; die Erde bringt all die Nahrung hervor, die uns gesund erhält; wir werden mit anderen Menschen zusammen gebracht, die uns glücklich machen; und wir haben Neigungen und Talente, die uns eine befriedigende Aufgabe in der Gesellschaft vermitteln. Die ganze Schöpfung offenbart die Liebe Gottes. Aber dies allein reicht nicht aus, denn jedes Lebewesen wird auch mit der Schattenseite der irdischen Existenz konfrontiert, dem Leid nicht nur mit dem konkreten äußeren Leid, das auf das karmische Prinzip von Schuld und Sühne zurückgeht, sondern auch mit dem Leid, das die Seele empfindet, weil sie ein Teil Gottes ist und in dieser Welt getrennt von ihm leben muss. Latent ist diese Sehnsucht nach Gott in allen Menschen vorhanden – in vielen ist sie noch unbewusst, in anderen ist sie bereits er wacht. Dies ist der Beginn der Liebe des Menschen zu Gott. Dann erfährt er von Gott die zweite Art von Liebe, die ihm ganz persönlich gilt. Nicht nur der Mensch sehnt sich nämlich nach Gott auch Gott sehnt sich nach seiner Seele. Er ist eine allbewusste Kraft, die weiß, bei wem dieses Verlangen besteht. Natürlich liebt er einen solchen Menschen mehr als andere, die nie an ihn denken oder nur, wenn sie in Schwierigkeiten sind. In diesem Sinne ist Gottes Liebe die Er widerung auf die Liebe des Menschen. Hier beginnt das besondere Band, das zwischen einem spirituellen Menschen und Gott geknüpft wird und immer enger wird, je mehr der Mensch auf dem inneren Pfad zu Gott strebt und je mehr Gott ihn zu sich zieht.
Jesu Martyrium und Kreuzi gung stellt wohl das Äußerste an Grausamkeit dar, was einem Menschen angetan werden kann. Was für ein Gott ist das, der ausge rechnet den Menschen, der ihm vollkommenen Gehorsam leistet, einer solchen Qual aussetzt? Kann dies ein liebender Gott sein? Jesus selbst erklärt seinen Jüngern im Evangelium, dass dies Gottes Wille war und er sich dem nicht entziehen will. Damit gab er ihnen das leuchtendste Beispiel dafür, dass es darauf ankommt, Gottes Willen unter allen Umständen, ohne jede Rücksicht auf die eigene Person und selbst das eigene Leben, zu erfüllen – im Vertrauen darauf, dass Gott selbst alles lenkt. Überdies zeigte Jesus, dass er inmitten aller körperlichen Qualen im Geist davon unberührt blieb. Denn wie sonst wäre sein Verhalten zu erklären? Keines der Evangelien erwähnt, er habe sich unter Schmerzen gewun den, gestöhnt, geschrien oder um Gnade gefleht – Verhaltensweisen, die bei jedem weniger vollkommenen Menschen unvermeidbar gewesen wären. Und nach stundenlangem Leiden empfahl er schließlich seinen Geist in die Hände des Vaters, dessen Willen er mit all dem befolgt hatte. Der Geist ei nes Meisters wie Jesus Christus ist so sehr daran gewöhnt, ober halb der Sinne bei dem unaufhörlichen Strom von Gottes Offenbarungen (vgl. Infos zum Thema in Printausgabe) zu verweilen, dass er den Leiden des Körpers standhalten kann. Wenn Jesus seine Jünger lehrte, so vollkommen wie Gott zu sein, gab er ihnen damit selbst das Beispiel dafür, welche Konsequenzen dieses hohe Ideal ihnen abverlangte, aber auch, welche übernatürliche Stärke ein vollendeter Mensch von Gott empfängt, um alle Prüfungen zu bestehen.
Wenn Menschen ihrem Gewissen trotz aller Widerstände folgen, zeigen sie anderen, dass diese Stufe geistiger Redlichkeit möglich ist.
Meist wurden in der Menschheitsgeschichte aber gerade die anständigsten, ehrlich sten und besten Menschen der grausamsten Behandlung und Verfolgung durch ihre Mitmenschen ausgesetzt. Wo bleibt da Gottes liebende Barmherzigkeit? Warum lässt er der Willkür der Menschen freien Lauf? Warum lässt er so viel Ungerechtigkeit zu? Ich teile die Auffassung, dass die anständigsten, ehrlichsten und besten Menschen im Allgemeinen dem größten Leid ausge setzt werden. Aber man muss auch im Auge behalten, dass es die Anstän digsten, Ehrlichsten und Besten sind, die der strengsten Prüfungen bedürfen, um die Stufe der Vollendung zu erreichen. Wer diese Entwick lungsstufe noch nicht erreicht hat, wird meistens Auswege finden, um sich dem Widerstand seiner Mitmenschen zu entziehen. Wer jedoch unbeirrbar seinem Gewissen beziehungsweise der göttlichen Intuition folgt und standhaft seinen Weg zu Ende geht, zieht sich den Hass der weltlich und egoistisch gesinnten Menschen zu. Jesus sagte dazu: „Nie mand kann zwei Herren dienen: er wird den einen hassen und den andern lieben. Ihr könnt nicht Gott dienen und der Welt“ (vgl. Mt 6,24). – „Wenn euch die Welt hasst, so bedenkt, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wärt ihr von der Welt, so würde die Welt euch deshalb lieben. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, hasst euch die Welt. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen“ (vgl. Jh 15,18-20). Es ist demnach nicht Gott selbst, der die Aufrechten der Verfolgung und Grausamkeit unterwirft, sondern die weltlich gesinnten Menschen. Die Wege derer, die lieber die Welt genießen, und derer, die den Weg zu Gott eingeschlagen haben, sind unvereinbar. Es kann keine Freundschaft zwischen ihnen be stehen. So ist der Beweis dafür, dass ein Mensch gottergeben ist, stets auch seine Verfolgung durch den Hass seiner Mitmenschen. Dies ist ein Gesetz, weil die Menschen so sind. Es gehört lediglich zur Standhaftigkeit eines aufrichtigen Gottsuchers, dass er sich selbst von diesen Widrigkeiten von seinem Ziel nicht abbringen lässt. Gott ist also kein unbarmherziger Rachegott, sondern erweist seinen Anhängern auch in solchen Situationen seine Hilfe, indem er sie vor dem Schlimmsten bewahrt oder ihnen übermenschliche Kräfte verleiht, um zu erdulden, was ihnen widerfährt. Wie könnte es sich besser erweisen, zu welcher Vollkommenheit der menschliche Geist fähig ist, als in solchen Prüfungen?
Und wenn die Verfolgung mit Tod der Aufrechten endet, wie etwa bei den Geschwistern Scholl? Auch dies widerlegt nicht, was ich eben ausgeführt habe. Wenn sie sich sogar im Tod als unerschrocken und zuversichtlich erweisen wie die Geschwister Scholl,haben sie ihren Auftrag erfüllt. Der geistige Sieg zeigt sich nicht darin, ob ein Mensch überlebt oder nicht, sondern darin, ob er auch bei Verfolgung und Tod zu seiner Überzeugung steht und geistige Kraft offenbart. Wir haben ein ähnliches Beispiel aus der Geschichte des indischen Unabhängigkeitskampfes gegen die englische Kolonial macht. Der Unabhängigkeitsführer Bhagad Singh wurde mit dem Tod durch Erhängen bestraft. Sein unerschrockenes Verhalten selbst im Angesicht des Todes war für seine Anhänger jedoch eine Quelle der Inspiration, die dem Unabhängigkeitskampf nur neue Impulse verlieh. Wenn Menschen ihr selbstloses Lebensziel unbeirrbar bis in den Tod verfolgen, sollte niemand daraus schließen, Gottes Gerechtigkeit hätte versagt. Vielmehr dienen solche Menschen als Beweis dafür, dass diese Stufe der geistigen Redlichkeit möglich ist.