John Selby: Die größte Veränderung war mein völliger Rückzug nach Hawaii, so konnte ich mehr für meine Familie da sein – ich habe die Insel in der ganzen Zeit kaum verlassen. Auch habe ich mich völlig von den Medien abgeschottet, seit 12 Jahren habe ich kein Buch keine Zeitung oder Zeitschrift gelesen. In dieser Zeit des Rückzugs sind die Erfahrungen und das ganze Material entstanden, das in die neuen Meditationstechniken eingeflossen ist und in den neuen Büchern und Workshops präsentiert wird.
Zuvor hatte ich sechs Jahre lang sehr intensiv gearbeitet; im sechsten Jahr hielt ich 48 Wochenend-Seminare in 8 Städten. Alle zwei Monate war ich wieder in derselben Stadt und führte die Menschen tiefer in die Meditationserfahrung bzw. führte neue Interessenten in die Meditation ein. An diesem Punkt stellte ich fest, dass ich genug Workshops, genug Forschung zusammen mit den Menschen gemacht hatte und mich nun ausklinken musste. Ich ließ einfach alles los – die bisherige Arbeit, die Firma (die dann auch in den Konkurs ging), alles – besonders als ich vor etwa viereinhalb Jahren fast gestorben bin und die Hälfte meines Blickfeldes verlor.
Aber im Rahmen dieses Prozesses entdeckte ich die neuen Meditationstechniken, die ich derzeit unterrichte und in meinen Büchern „Sieben Meister – ein Weg“ und „Befreie Jesus in dir“ erkläre.
Ja, 1966 bin ich Alan Watts begegnet und war gewissermaßen sein Zögling, bis ich mich 1972 von ihm trennte. Intellektuell war Alan Watts ein Genie, und er war eine zutiefst spirituelle Person – meistens. Er war aber auch Alkoholiker. Ich bin nach San Francisco umgezogen, teils um dem Militärdienst zu entgehen, teils um am Theologischen Seminar der Presbyterianischen Kirche zu studieren und Pfarrer zu werden – das hielt ich für eine vernünftige Alternative zum Kampfeinsatz in Vietnam. Aber hauptsächlich um bei Alan Watts sowie bei Swami Kriyananda (einem direkten Schüler von Paramahansa Yogananda seit 1948, der bis heute Kriya-Yoga lehrt; Anm.d.Red.) zu lernen. Außerdem habe ich Kundalini-Yoga praktiziert.
Damals war ich noch voller jugendlichen Idealismus und erwartete, dass Alan Watts sich verändern sollte, um meinem Ideal eines vollkommenen Lehrers zu entsprechen. Eines Tages nahm er mich beiseite und sprach mit großem Nachdruck zu mir: Alle Gurus seien Scharlatane, sagte er, wir alle würden lediglich Rollen spielen. Es gäbe das Erleuchtete Wesen, das sie alle zu sein vorgaben, auf dem ganzen Planeten nicht, und wenn ich weiterhin in dieser Tradition bleiben und wirken wollte, sollte ich das schnell einsehen und akzeptieren. Und auch ich sollte diese Rolle spielen, denn es gäbe so viele Menschen, die jemanden in dieser Rolle bräuchten, um sie durch diese Stufe ihres spirituellen Prozesses hindurch zu begleiten.
Genau dasselbe erlebte ich übrigens bei Bhagwan, dem ich kurz darauf begegnete. Bhagwan spielte die Rolle des Gurus: Obwohl er genau wusste, dass er kein Guru war, gab er vor, einer zu sein. Es gab Hunderttausende von jungen Menschen, die damals einen spirituellen Vater brauchten. Also nahm er die Rolle an, spielte sie – und war äußerst dankbar, als die Seifenblase platzte und er von der Rolle befreit wurde.
Ja, besonders Zen, aber ich setzte mich auch mit seinem Verständnis der christlichen Kirche auseinander. Angefangen hatte er ja als Pfarrer, und er hatte die große Hoffnung, dass die christlichen Kirchen sich weiter entwickelt hatten. In den späten 1960er Jahren schien es radikale Veränderungen auch in den großen Kirchen zu geben. Das Theologische Seminar, an dem ich studierte, war das fortschrittlichste in den ganzen USA, mit herausragenden Professoren. Alan Watts war ihnen als Gastdozent willkommen, und ein Semester lang hielt er im vollbesetztem Auditorium vor über 500 Zuhörern Vorlesungen über Christentum und spirituelles Erwachen. Es war unglaublich, was damals in San Francisco abging.
Zu der Zeit studierte ich im vierten Jahr und arbeitete schon in einer Gemeinde. Das Seminar hatte mich liebgewonnen und auf meine Anregung hin einen Meditationsraum eingerichtet; man hatte begriffen, dass der Presbyterianismus überhaupt keine meditative Tradition hatte: dass die Leute immer nur zu Gott sprachen, aber niemals Gott zuhörten. Einige Pfarrer unterstützten unsere Bemühungen in dieser radikalen Richtung, denn sie spürten, dass das presbyterianische Christentum endlich erwachen musste, aus der bloßen Theologie ausbrechen und sich wieder auf das wahre Christentum (wie sie es verstanden) gründen sollte.
An diesem Punkt bekam die Presbyterianische Kirche als Institution Angst. Man befürchtete, wir würden die Kirche übernehmen, und beschloss, an mir ein Exempel zu statuieren. Ich wurde drei Tage lang vor einem Tribunal über meine Ansichten befragt, und dabei stand mir Alan Watts als spiritueller Berater wie ein Anwalt bei. Ich verfügte über alle Argumente, um zu beweisen, dass das Christentum die ganze mystische, meditative Dimension ohne weiteres umfassen kann; dass die Kommunion des Herzens mit dem Göttlichen tatsächlich Kommunion ist; und dass Theologie – eine Logik in Bezug auf Gott – ein Unding ist. Denn wie kann es eine Logik des Unendlichen geben? Wie kann das ableitende menschliche Denken (das eigentlich nur eine kulturelle Programmierung ist) sich dem Göttlichen auf dem Wege der Logik nähern?
Um es kurz zu machen: Man hat mich exkommuniziert, weil ich die Wahrheit sagte. Jesus sagte einmal: „Wenn sie euch vor die Behörden bringen, dann macht euch keine Sorge, was ihr reden sollt. Gestattet dem Heiligen Geist, durch euch zu reden.“ Nun ja, der Heilige Geist hat durch mich gesprochen, und damit fand meine Beziehung zur christlichen Kirche ein Ende! (lacht) Man hat mich exkommuniziert – nicht von der Presbyterianischen Kirche, sondern von der christlichen Kirche insgesamt! Als hätten sie die Macht dazu!
Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum. (Johann Wolfgang von Goethe)
Ja, neben meiner Arbeit mit Allan Watts machte ich eine Ausbildung in Psychologie bei Chuck Kelley, einem direkten Schüler von Wilhelm Reich, der bis heute die Orgon-Energie erforscht. Wilhelm Reich hat in seiner geradlinigen Art viel über die Funktionsweise der Psyche erkannt und einen phänomenalen Prozess zur Heilung durch Leerung von unseren negativen emotionalen Programmierungen entwickelt. Aber nach der Leerung erfolgte kein spiritueller Fortschritt – er hatte nur die erste Hälfte des gesamten Prozesses entwickelt, die zweite blieb aus. Deshalb habe ich mich von dieser Schule abgewandt.
Mein Anliegen als Therapeut war es schon immer, zum Kern dessen vorzudringen, wer bzw. was wir in Wahrheit sind, zum Kern des Heilungsprozesses, zum Kern dessen, was uns heil und ganz macht, und jenseits aller aufgeblähten Theologie zu erkennen, worin unsere Erfahrung des Einsseins mit Gott besteht.
Das Buch hat sich quasi von selbst geschrieben. Ich glaube, ich habe 30 Jahre darauf gewartet, es zu schreiben. Mit den Vorarbeiten dazu habe ich begonnen, als ich noch am Theologischen Seminar in San Francisco studierte. Damals stellte ich ein „Evangelium nach Selby“ zusammen, in das ich alles aus den vier Evangelien aufnahm, womit ich in Resonanz stand, und alles wegließ, das meines Erachtens nicht direkt von Jesus stammen konnte. Jesus hat nach meinem Gefühl niemals von sich behauptet, der Christus zu sein, oder gesagt, dass „niemand in den Himmel kommt, außer durch mich“. Das ganze egobezogene, machtgierige, manipulierende Zeug stammt – meiner Meinung nach – nicht von ihm. Der Jesus, den ich in meinem Herzen kenne und zu dem ich eine Beziehung habe, ist einfach ganz anders als das, was die christliche Kirche entwickelt hat.
Ich sündige nicht, ich kam nicht als Sünder auf die Welt, und ich weiß, dass das wahr ist. Ich bin der Meinung, dass andere Menschen auch nicht sündigen. Das ist die Schuld-Falle.
Als Psychologe habe ich sehr genau untersucht, wie wir durch Angst- und Schuldgefühle manipuliert werden und wie der priesterliche Kult sie einsetzt, um die breite Masse unter Kontrolle zu halten. Es ist jetzt Zeit, das aufzudecken. Aber ich konnte es nicht früher tun – aus Rücksicht auf meine Mutter, die gestern vor einem Jahr gestorben ist. Sie war eine gläubige Christin, und solange sie am Leben war, habe ich aus Respekt für ihre Gefühle dieses eine Buch nicht geschrieben.
Die Tatsache, dass ich die grundlegende Prämisse, auf der das gesamte christliche Lehrgebäude beruht, hinterfrage und – für mich persönlich - leugne, nämlich dass ich in Sünde geboren wurde. Wenn wir das streichen, ist es nämlich gar nicht mehr nötig, dass Jesus für unsere Sünden stirbt. Damit wird die Auferstehungsgeschichte überflüssig.
„Es ist dem Christen verboten (einziges Verbot, das ganz ernst genommen werden muss), sich mit weniger als der unendlichen Fülle Gottes zu begnügen.“ (Karl Rahner)
Das Wichtige, Grundlegende, was Jesus lehrte, ist vielmehr: Übernehmt Verantwortung für euch selber! Diese spirituelle Aufgabe können wir nur als reife Menschen erfüllen, nicht als kindliche. Die ganze Idee, dass wir Kinder Gottes sind – nein! Ich bin erwachsen, und kein Kind! Wir müssen erwachsen werden. Das ganze christliche Glaubensgebäude erlaubt uns jedoch nicht, spirituell reif zu werden.
Das Buch habe ich geschrieben für Menschen, die christlich erzogen wurden und die die Gegenwart von Jesus als eine Wirklichkeit in ihrem Herzen, ihrem Gemüt und in ihrer Seele erfahren haben. Für diese Menschen ist die christliche Tradition der Bezugsrahmen und daher der leichteste Zugang zu einem der Erleuchteten Meister, nicht der Buddhismus oder sonst eine Tradition. In dem Buch geht es aber nur zum Teil darum, sich von krankmachenden Glaubenssätzen in Bezug auf Jesus und Gott zu befreien. Wichtiger ist, dass ich hier einen völlig neuen Meditationsprozess präsentiere. Auf meiner Website (www.johnselby. com, www.7masters.com) gehe ich nicht so sehr auf eine spirituelle Diskussion meines Ansatzes ein, sondern ich will den Meditationsprozess lehren. Ich will es einfach und praktisch handhaben, damit Christen ihn ohne neue mentale Konstruktionen erfahren können. Deshalb gebe ich allen Interessenten die Gelegenheit, direkt online die Audio-Führungen für die Meditation zu hören.
Religion beruht auf Vergangenem, und sie beruht auf einer Reihe von gemeinsamen Glaubenssätzen. Wenn man die Glaubenssätze weglässt, dann hat man meines Erachtens keine Religion. Wenn wir im gegenwärtigen Augenblick voll da sind, befinden wir uns bereits außerhalb der Sphäre von Religion. Ich selbst lebe mit so wenig Glaubenssätzen wie möglich, und ich brauche keinen einzigen Glaubenssatz, um mit Gott eins zu sein oder Kommunion mit Jesus zu haben.
Glaubenssätze entstehen als Reflexion über eine Erfahrung, aber dieses Nachdenken ist ein Versuch, etwas, das über Konzepte hinausgeht, in eine konzeptionelle Struktur hineinzupacken. Erfahrung findet immer im gegenwärtigen Augenblick statt, aber sobald wir darüber nachzudenken beginnen, gleiten wir in die Vergangenheit. Nach meinem Verständnis geht es beim spirituellen Pfad darum, die ganze Zeit hier zu sein. Alles, was uns ins „Denken-über-etwas“ bringt, trennt uns von Gott. Deshalb meine ich, dass Religion (nach dieser Definition) uns von Gott trennt. Unsere spirituelle Herausforderung liegt darin, GEIST zu erlauben, jeden Augenblick unseres Lebens durch uns zu wirken.
Ich sehe zwei Arten, Sprache zu gebrauchen. Die eine besteht darin, immer größer werdende, geschwätzige Gedanken und Konzepte in unserem Gemüt zu erzeugen in dem Versuch, Wirklichkeit symbolisch darzustellen. Bei der anderen gebraucht man Worte als Hilfsmittel, um die Aufmerksamkeit in eine bestimmte Erfahrungsrichtung zu fokussieren. Im ersten Fall sagt man: „Es ist sehr wichtig, sich auf den Atem einzustimmen“ – das ist ein Gedanke, eine Idee. Und im zweiten Fall sagt man: „Spüren Sie, wie die Luft durch Ihre Nase ein- und ausströmt.“ Dieser Gedanke verweist Sie auf eine Erfahrung, und in der Erfahrung fällt der Gedanke weg. Wenn der Gedanke seinen Zweck erfüllt hat, schweigt er, er hat Sie in die Erfahrung gebracht. Auf diese Weise, in diesem Sinn verwende ich Worte.
Dann gibt es einen weiteren Schritt: Die ersten vier Schritte dieses Meditationsprozesses führen uns in einen Zustand der geistigen Ruhe. Der fünfte Schritt lautet: „Mein Herz ist offen für Einsicht.“ Die Einsicht kommt oft in Form von Gedanken, aber es sind inspirierte Gedanken, die nichts gemein haben mit jenen ego-bezogenen, manipulativen Gedanken aus dem üblichen Bewusstseinsstrom.
Meine ganze meditative Arbeit bei der Beruhigung des Gemüts zielt darauf ab, bei unserem „Motor“ die „Kupplung“ zu drücken, damit wir einen anderen „Gang“ einlegen können. Es können verschiedene Gänge sein. Der eine Gang besteht darin, einfach Zwiesprache mit Gott zu halten, heilende Liebe zu empfangen und in einem ruhigen, empfänglichen Zustand Gott zuzuhören. Der andere Gang kann darin bestehen, mit Gedanken und Ideen inspiriert zu sein, durch die sich GEIST in der Welt manifestieren kann. Das ist mein Zustand jetzt im Gespräch mit Ihnen. In einem dritten Gang setzen wir uns als ganzes Wesen in Bewegung und handeln, um die Berufung, die uns im gegenwärtigen Augenblick anspricht, nach außen in die Tat umzusetzen.
Meiner Meinung nach dient die Meditation dazu, uns in die richtige Position zu bringen, damit wir hinausgehen und ohne Nachdenken Gottes Werk vollbringen können.
Ich selbst denke sehr wenig, die meiste Zeit ist mein Gemüt ruhig – oder ich spreche, was für mich etwas ganz Anderes ist als Denken, weil es eine Erfahrung des ganzen Körpers ist, nicht bloß des Gemüts. Und mein Leben funktioniert! In diesem Zustand überleben wir nicht nur, wir tun auch die Arbeit Gottes. Viele Menschen befürchten, dass man nicht überleben wird, wenn man sich nur am gegenwärtigen Augenblick orientiert und keine Pläne für die Zukunft hat, wenn man den Lauf der Dinge nicht zu beeinflussen und manipulieren versucht, wenn man sich nicht darum bemüht, die Dinge zu bekommen, die man sich wünscht. Sie halten diese Einstellung für naiv und weltfremd. Aber ich meine, dass wir in dieser Welt sind, um am Ganzen teilzuhaben, und nicht um es zu bestimmen und zu manipulieren. Übrigens hat man so den besten Spaß! (lacht)
John Selby, herzlichen Dank für das Gespräch!
(Interview: Inge Hasswani)